„The great danger is the temptation to impose the values of the 21st century on previous periods. Historians should put themselves in the shoes of the people at the time and see things through their eyes.“

Allmählich verstehe ich eine von Martas Nichten, die sich über gewisse Interviews aufregte. „Was [Person XY] da für einen Quatsch über Marta erzählte! [XY] kannte sie doch überhaupt nicht!“

Marina Koreneva, die Dolmetscherin der Verfilmung von Eine Frau in Berlin, schrieb ihre – durchaus lesenswerten – Erlebnisse während der Dreharbeiten in dem Artikel „Die Person hinter der Leinwand: Dolmetschen und Übersetzen für den Film am Beispiel von Anonyma – Eine Frau in Berlin nieder. Aber wenn ich dann solche Passagen lese:

Dem Tagebuch von Anonyma zufolge konnte sie nur recht oberflächlich Russisch, ein gewisses Minimum für den alltäglichen Umgang. Der Major aber sprach, ihren Memoiren zufolge, nicht schlecht Deutsch. Vermutlich konnte er die Sprache auf dem Niveau der russischen Mittelschule und der Militärakademie. Deutsch war in Russland bis zum Zweiten Weltkrieg die wichtigste Fremdsprache und wurde in der Schule und an den Hochschulen unterrichtet.

Letzteres soweit richtig, nur: Laut Martas Buch sprach der Major überhaupt kein Deutsch. Ich will nicht behaupten, daß er’s nicht konnte, aber es gibt schlichtweg keinerlei schriftlichen Hinweis darauf. Also bitte, nicht einfach etwas behaupten und dann auch noch vorgeben, es sei belegt.

Alaine Polcz beschreibt in ihren eigenen Erinnerungen an die Rote Armee in Siebenbürgen, Frau an der Front, übrigens, daß vielen Sowjetsoldaten, selbst Offizieren, nicht einmal bekannt war, daß eine lateinische Schrift existierte. Gerade bei Aussagen zur Bildung sollte man also vorsichtig sein. Damals prallten Welten aufeinander, wie man es sich in unserer globalisierten, vernetzten Gegenwart überhaupt nicht mehr vorstellen kann. Vielleicht ist das gut so, aber es sorgt natürlich auch für eine gewisse Betriebsblindheit der Geschichte gegenüber.

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