Frauen allein

Man merkt, daß Anonyma – Eine Frau in Berlin kürzlich wieder einmal im Fernsehen lief. Es gibt da einen Fachausdruck, der mir leider im Moment nicht einfällt, mit dem man dieses Phänomen beschreibt: Die Rückwirkung einer Verfilmung auf die Verkaufszahlen der literarischen Vorlage.
Was war also in den letzten paar Tagen zu beobachten? Ich verkaufte eines meiner überzähligen Exemplare von Eine Frau in Berlin, und es gab neue „Rezensionen“ bei dessen verschiedenen Ausgaben auf Amazon. In Anführungszeichen deshalb, weil es keine Rezensionen sind, sondern Meinungsbekundungen – das ist nicht gleichbedeutend, auch wenn im Internetzeitalter viele Schreiber das zu glauben scheinen. Eine dieser neuen Meinungsbekundungen ist negativ. Dagegen kann und mag ich nichts sagen, und ich halte auch nichts von der leider ebenfalls üblich gewordenen Reaktion, „Nein“ bei „War diese Rezension hilfreich für Sie?“ anzuklicken. Auch eine negative Stimme kann hilfreich sein. Mich stört einzig und allein, daß hier nicht rezensiert, also besprochen wurde, sondern daß es ungefähr heißt: „Den Film fand ich gut, das Buch nicht, das ist so komisch geschrieben.“ Damit wäre der Schreiber (der merklich der jüngeren Generation angehört) nicht mal im Deutschunterricht durchgekommen. Ich sehe in Rotstift „Begründung“ und „Genauer!“ vor mir.

Was noch? Ich habe letzte Woche Nichts bleibt, mein Herz, und alles ist von Dauer von Lise Gast gelesen, eine autobiographische schlesische Generationengeschichte. Lise Gast stand Zeit ihres Lebens auf dem Standpunkt, man müsse das Positive sehen, nicht das Negative, und deshalb tauchen in ihren Geschichten die Erlebnisse ihrer Flucht nur angedeutet auf. In Eine Frau allein, ihrem ersten Buch nach Kriegsende, das – wie alle ihre Erzählungen – autobiographische Züge trägt, erfährt die Hauptfigur, das Dorf, in dem sie und ihre Kinder Zuflucht gefunden haben, käme unter sowjetische Verwaltung. Sie hofft, ein so kleines Dorf bleibe vielleicht verschont. Was auf dieser Ebene weiter geschieht, erfährt der Leser nie. Erst in ihrem letzten Buch, Nichts bleibt, mein Herz…, deutet sie in Umrissen an, was sie mitansehen mußte.

Außerdem gelesen: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht von Swetlana Alexijewitsch, die erweiterte Neuausgabe. Ich kannte die amerikanische Erstübersetzung, die noch den zensierten Text enthält. Wie man sich denken kann, fielen dabei gewisse Passagen weg. In der Neuausgabe und einem langen Artikel in Autodafé fügte Alexijewitsch die Reaktionen ihres Lektors mit ein – sehr sprechend. Mich beschäftigte vor allem ihre Aussage, jede Revolution sei eine Illusion, besonders in ihrem Land. Da muß ich ihr leider rechtgeben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s