“Mais ‘le sinister blond’, Petka, est revenue, le 1er mai, nerveux et clopinant, accroché à sa canne.”

Zum 70. Jahrestag des Endes des 2. Weltkrieges erscheint natürlich wieder eine ganze Reihe von neuen Veröffentlichungen. (Ich weiß nicht so recht, was ich von diesen opportunistischen Autoren halten soll, aber sei’s drum. Wenn man davon leben muß, orientiert man sich halt am Markt.) Darunter befinden sich auch Bücher, die sich mit Marta Hillers, ihren Tagebuchaufzeichnungen und ihren Erlebnissen beschäftigen.
Etwas Vorlauf bildet nach Françoise Maffre Castellanis zu vernachlässigendem Marta Hillers – Un scandale “Erzähl mir vom Krieg!“ von Matthias Sträßner. Der Autor untersucht – oder deutet, da in zwei Fällen die Originalaufzeichnungen nicht zugänglich sind – die literarische Verarbeitung des Krieges und Kriegsendes vierer Journalistinnen: Ruth Andreas-Friedrich, Ursula von Kardorff, Margret Boveri und Marta Hillers. Wenn ein Buch allerdings gleich mit einem gewaltigen inhaltlichen Fehler beginnt, zweifle ich von vornherein an der Genauigkeit dessen, was es enthält.

„Wer erfahren will, wie es wirklich war, wird sich an die Frauen halten müssen. Denn die Männer haben sich in den Ruinen als das ‚schwächere Geschlecht‘ gezeigt“, so schreibt die Anonyma in ihrem Tagebuch des Jahres 1945.

Behauptet Sträßner in seiner Einführung und schafft es, in diesen zwei Sätzen ebenso viele Fehler unterzubringen. Erstens lautet das vollständige Zitat:

Wer erfahren will, wie es während des Krieges wirklich war, wird sich an die Frauen halten müssen. Denn die Männer haben sich in den Ruinen als „das schwächere Geschlecht“ gezeigt.

Zweitens schrieb die Anonyma das nicht, sondern der Verlag, nämlich Eichborn im Klappentext der Neuausgabe 2003.
Nun ist es ja so, daß man sich am besten auf Kosten anderer profiliert, und ich sehe die Tendenz bei Sträßner durchaus. Ohne näher auf seine Analysen zu Ruth Andreas-Friedrich, Ursula von Kardorff und Margret Boveri einzugehen: Boveri, die Sträßner sehr lobt, war sicherlich eine faire Berichterstatterin. Ihre Tage des Überlebens erinnerten mich von Stil und Betrachtungsweise sehr an Eine Frau in Berlin, und tatsächlich vermute ich, daß sich die beiden Journalistinnen kannten, da sie sich in den gleichen Kreisen bewegten – Franz Cornelsen und Sinos Sinodoru beispielsweise waren gemeinsame Bekannte. Das, was Sträßner allerdings so lobenswert findet, nämlich ihre nachträglichen Anmerkungen, störten mich teilweise sehr. Sie haben etwas von politisch korrekter Umschreibe. Nun stellt sich natürlich die Frage, ob man ein Zeitdokument veröffentlichen möchte oder es von späterer Warte aus kommentiert. Boveri hat sich für letzteres entschieden, während Eine Frau in Berlin eher ersteres ist.
„Eher ersteres“ nenne ich es, denn ich gebe sofort zu, daß Eine Frau in Berlin kein Originaldokument ist. Einige Abweichungen und Änderungen zwischen den verschiedenen Ausgaben des Buches habe ich ja in Marta Hillers’ Biographie untersucht, und ich war sehr glücklich zu sehen, daß sich mit Sträßner endlich auch ein anderer Forscher gefunden hat, der dies zum Thema macht und Erklärungen für manche Abweichungen bietet. Seit Walter Kempowski hatte leider kein Außenstehender Zugang zu den Originalnotizen und dem ursprünglichen Manuskript, so daß unmöglich zu beurteilen ist, inwieweit gerade die nicht unerheblichen inhaltlichen Änderungen zwischen amerikanischer und deutscher Erstausgabe 1954 und 1959 auf das Original zurückgehen.

Matthias Sträßner untersucht mit einer gewissen Fairneß, aber nach dem obengenannten Schnitzer folgen weitere, völlig vermeidbare Fehler. Da führt er „das (hamburger) S-tinchen“ an, „dessen Jungfräulichkeit unter einem Sofa versteckt wird“. S-tinchens Mutter ist Hamburgerin. S-tinchens Jungfräulichkeit wird auf dem Hängeboden versteckt. Die Sofa-Geschichte bezieht sich auf ein völlig anderes Mädchen und ist außerdem eine Hörensagen-Anekdote, von der niemand weiß, ob sie stimmt. Daß Sträßner behauptet, die Geschehnisse von 1945 hätten in der Berliner Straße stattgefunden, wo Marta Hillers bei ihrem Cousin lebte, beweist immerhin, daß er keine Einsicht in ihre geschützten Akten im Bundesarchiv haben wollte oder durfte – nachdem Jens Bisky ja viele seiner Informationen aus diesen Akten gezogen hatte, zu deren Einsicht er nicht im geringsten berechtigt gewesen war. (Verletzung des Datenschutzes ist das Stichwort, falls jemand überlegt.) Es beweist aber auch, daß er sich einen Blick in die Berliner Adreßbücher der Zeit erspart hat.
Dann ist da die Erwähnung des „Konservenreichtums“, den „Vergewaltiger als Gegenleistung angeschleppt haben“, ausgerechnet eine Szene betreffend des „Heiligen“ Stepan-Aljoscha, der seine Freunde ja bewußt davon abhält, die Frauen des Hauses auch nur anzufassen – weder Vergewaltiger noch Gegenleistung haben also irgend etwas mit den Konserven zu tun.
„Sie sind ‚gierig wie die Wölfe’, fügt die Anonyma hinzu“, behauptet Sträßner in einer anderen Passage und verwechselt da wohl etwas: Besagte Rotarmisten sind gierig wie die Füchse, laut Anonyma. Von den zahlreichen Fehlern in den Fußnoten und Quellenangaben will ich lieber ganz schweigen.

Was mich allerdings wirklich verärgerte, war Sträßners Behauptung „so wenig ist aber auch auszublenden, dass der Schleier der Anonymität […] de facto aber auch die bis zum Schluss bekennende ‚Nazisse’ mit zu schützen hat“. Marta Hillers war definitiv niemals eine bekennende Nazisse, schon gar nicht „bis zum Schluß“, wie Sträßner das so plakativ formuliert. So ironisch es vielleicht klingen mag, ich glaube, sie war nach ihren linksradikalen Jugendjahren eine sehr unpolitische Person. Sie nahm – und in ihrem Buch drückt sie das bei ihren Betrachtungen über eine mögliche Verschleppung nach Sibirien auch aus – die Dinge, wie sie kamen und suchte ihre Nische in jeglicher Situation. Sie war auf ihre Art eine starke Frau, aber ich sehe in ihrem Leben einfach keine tiefgehenden Überzeugungen. Deshalb kann ich mit ziemlicher Sicherheit behaupten, daß sie keinerlei Probleme damit hatte, in ihren Artikeln nazistische Phrasen loszulassen und gleichzeitig niemals Nationalsozialistin zu sein. Hätte das Schicksal sie in die DDR verschlagen, hätte sie sozialistische Phrasen veröffentlicht, genauso wie sie in der BRD im Ton der Zeit schrieb und sich später in der Schweiz dem Diktat der gehobenen Schicht, in die sie einheiratete, beugte. Das entspricht sicher nicht dem Bild, das sich Medien und Leser von ihr gesponnen haben, aber sie betrachten bis heute nur Buch, Film und Jens Biskys Artikel. Man will sie entweder als Heldin oder als böse Propagandistin sehen. Beides ist falsch.
Ihr Interesse galt der Kunst und unabhängigen Frauengestalten. Das sind die roten Fäden, die ich in ihrem Leben erkenne. Wenn politisch motivierte Schreiber sich ihrer annehmen, konzentrieren sie sich zwangsläufig auf die falschen Hinweise. Sträßner hat völlig richtig erkannt, daß sie auf sich selbst zentriert war, aber offensichtlich zieht er aus dieser Erkenntnis keine Schlüsse bezüglich ihrer journalistischen Tätigkeit.

Vollends bizarr wird Sträßners Schreibe, als er ins bemüht Intellektuelle abdriftet und den Major und seinen usbekischen Burschen als „russische Variante von Don Giovanni und Leporello“ bezeichnet und, weiterhin bei Mozart bleibend, erwähnt, daß die Anonyma „von einem russischen Papageno“ um Rat gefragt wird, „wo man eine Berliner Papagena auftreiben“ könne. In einer späteren Passage wird die Rote Armee mit Wagners Fliegendem Holländer verglichen. Wie bitte?
Ähnlich eigentümlich mutet Sträßners Fixierung auf Hamsuns Hunger an, das in Eine Frau in Berlin ein einziges Mal im Zusammenhang mit dem Diebstahl ihrer Lebensmittelkarte genannt wird und eine wirklich witzige Anekdote ist. In Sträßners Augen aber stellen Hamsun und sein Romanheld irgendeine „Seelenverwandtschaft“ für die Autorin dar.
Dann natürlich der Höhepunkt: Die verschiedenen Erwähnungen der Gefahr einer Schwangerschaft, von der Marta das Gefühl (oder die Hoffnung) hat, sie durch absolutes Nichtwollen abweisen zu können. Sträßner schafft es, diese nur auf sie selbst bezogenen Worte einer mehrfach vergewaltigten Frau so zu verdrehen, daß die amerikanische Tea Party dabei herauskommt.

Dieser weibliche Voluntarismus wird nicht nur immer wieder deswegen deutlich angesprochen, weil er zu verstehen geben soll, dass Frauen, so sie nicht schwanger werden wollen, auch nicht schwanger werden […].
(Über die Fragwürdigkeit dieser These muss hier nicht diskutiert werden, ebenso wenig darüber, dass diese Haltung Gefahr läuft, den Vergewaltigungsakt und den Vergewaltiger vitalistisch zu entschuldigen, die vergewaltigten Frauen hingegen, die tatsächlich schwanger werden, mit der selbstverschuldeten Schwangerschaft auch noch zusätzlich zu belasten.)

Das ist ein solches Gedankenungetüm, daß es einen Preis verdient. Ein sich offenbar liberal einschätzender Mann beschuldigt das weibliche Vergewaltigungsopfer, anderen Vergewaltigungsopfern die Schuld an einer Schwangerschaft zuzuschieben, und hält das für politisch korrekt.

Nun mag es so aussehen, als ob ich Sträßners Arbeit in Grund und Boden verdamme. Trotz allen angeführten Beispielen ist dem aber nicht so. Ich kann nicht leugnen, daß mich angesichts solch luschiger Arbeit eine gewisse Frustration befällt. Es ist eine Sache, bewußt etwas zu unterstellen. Eine ganz andere, schlampig zu arbeiten. Wenn ich daran denke, wie viele Stunden ich allein in simple Google-Suchen gesteckt habe – Netzsuche, Buchinhalte, Bilder. Von anderen Datenbanken zu schweigen und die vielen, vielen Stunden, Tage, Wochen in Bibliotheken und Archiven gar nicht gerechnet… und hier schafft es ein Recherchierender nicht einmal, korrekt aus dem primären Werk zu zitieren? Oder die Biographie auf Amazon zu finden? Lege ich zu viel Wert auf gründliche Recherche? Darauf, daß die Leute Ahnung von dem haben, worüber sie schreiben?
Dennoch hat Sträßner auch viele Dinge erkannt, auf die andere Forscher nicht eingegangen sind. Den Wechsel der Schilderung von der ersten in die dritte Form in der emotional intimsten Szene des gesamten Buches beispielsweise weiß er korrekt als das zu deuten, was er ist: Distanzaufbau als Selbstschutz. Obwohl er aus Platzgründen auf eine Textanalyse verzichtet, geht er kenntnisreich auf die Abweichungen zwischen amerikanischer und deutscher Erstausgabe und deutscher Neuausgabe ein. Und die Faktendarstellung – von erwähnten Punkten abgesehen – ist solide.
Die Schwächen des Werkes gehen letztlich auf seine Geschichte zurück: Sträßners Buch basiert auf einer vierteiligen Radioserie über die vier Journalistinnen, die 2005 ausgestrahlt wurde. Wesentlich tiefergehende Recherchen wurden seitdem offenbar nicht durchgeführt; der Leser hat also mit zehn Jahre alten Daten zu arbeiten.

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1 Kommentar

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