Unterhaltungsmedien und die Botschaft aus dem Licht: Die erlösende Macht der Liebe. Angel und Spike in „Buffy the Vampire Slayer“

Dieser Artikel (oder Artikelserie, je nachdem, wie viele andere Beispiele noch zusammenkommen) ist etwas, das ich gern in der Gralswelt veröffentlicht hätte, aber aufgrund deren Einstellung leider nicht mehr kann. Vorab sind sicherlich einige Worte angebracht. Langjährige Leser meines privaten Blogs sollten mitbekommen haben – und Leser dieses Autorenblogs könnten es sich bereits gedacht haben –, daß ich Bekennerin der Gralsbotschaft von Abd-ru-shin bin. Ich habe daraus nie ein Geheimnis gemacht. Allerdings stieß ich vor mehreren Jahren (das war, bevor die Gralsbewegung eine eigene Internetpräsenz aufbaute) im Netz auf die Aussage, die Kreuzträger gäben sich „geheimnisvoll“. Dem ist ganz sicher nicht so; aber der Missionierungseifer ist im Vergleich zu großen Religionsgemeinschaften sehr gering. Nicht zuletzt wohl, weil die Lehre der Gralsbotschaft sehr umfassend ist – sie erklärt immerhin nichts geringeres als die Schöpfung. Ein einfaches „Was ist die Aussage der Botschaft?“ läßt zumindest mich jedes Mal schlucken und tief Luft holen. (Hat schon einmal jemand versucht, Rudolf Steiners Lehre in Kurzform zu erläutern?) Ich würde also gern weniger geheimnisvoll daherkommen und, wenn es sich ergibt, hier Beiträge unter dem Gesichtspunkt der Gralsbotschaft veröffentlichen, weiß allerdings nicht, wie gut ich diese vermitteln kann. Ich hatte schon immer Probleme mit Erklärungen.
Gleichzeitig war ein Grund für die gehoffte Veröffentlichung in der Gralswelt aber auch, mitlesende Kreuzträger zu erreichen. Es gibt da – wie vielleicht bei vielen religiös orientierten Menschen – eine gewisse Vorurteilshaltung gegenüber Massenmedien, die nicht dem strikten Weltbild entsprechen, das ihnen vorschwebt. Ich habe das immer als sehr kleinlich empfunden. Wer sucht, der kann tatsächlich auch in Hollywood-Produktionen finden, und oftmals ist das, was besagtem Weltbild zuwiderzulaufen scheint, der Wahrheit sehr viel näher als ein Dogma (das, wie ich leider sagen muß, auch unter manchen Kreuzträgern existiert). Im Englischen gibt es ein schönes juristisches Motto, das sich auch wunderbar in diesem Fall verwenden läßt: „Follow the spirit of the law, not the letter of the law.“ Nicht der Wortlaut oder die strikte Linie sind entscheidend, sondern das Herz der Aussage. Ich verweise sehr gern auf Werner Huemers Artikel und Bücher – der ehemalige Gralswelt-Chefredakteur hat dies verstanden und kann es viel besser vermitteln als ich.


Buffy the Vampire Slayer (dt.: Buffy – Im Bann der Dämonen, 1996-2003), war eine erfolgreiche TV-Serie, die ursprünglich an ein jugendliches Zielpublikum gerichtet war, aber sehr bald „erwachsene“ Themen behandelte. Liebe, Tod und Verlust, Berufung und die Last, die damit einhergeht, Verantwortung und Zweifel, Freundschaft und weibliche Selbstbestimmung sind wesentliche Komponenten der Handlung. Mit ihrer hervorragenden Charakterzeichnung und -entwicklung, einem gut durchdachten Handlungskonzept sowie der Einbindung kontemporärer Musik namentlich unbekannterer Gruppen hatte die Serie großen Einfluß auf die Evolution US-amerikanischer Produktionen im Fernseh- und Filmbereich.
Hinter der Fassade von Monsterjagden verbirgt sich eine Fülle philosophischer und religiöser Fragestellungen. Eine der herausragendsten, die hier betrachtet werden soll, ist das Thema der Erlösung durch den Antrieb der Liebe. Insbesondere verdeutlicht wird dieses durch zwei Figuren der Serie, die beiden Vampire Angel und Spike, Monster von Natur aus, die sich zwar auf unterschiedlichen Wegen, aber beide aus Liebe zu einer Frau aus der Dunkelheit herauskämpfen. In ihrer Entwicklung folgen sie beispielhaft der Lehre der Gralsbotschaft.

Des Schöpfers Weisheit brachte es in der Stofflichkeit mit sich, daß die angegebenen Zeiten nicht die einzigen sind, in denen der Mensch die Möglichkeit zu schneller Hilfe finden kann, in denen er sich selbst und seinen eigentlichen Wert zu finden vermag, sogar einen außergewöhnlich starken Antrieb dazu erhält, damit er aufmerksam wird.
Diese Zaubermacht, die jedem Menschen während seines ganzen Erdenseins in steter Hilfsbereitschaft zur Verfügung steht […], ist
die Liebe! Nicht die begehrende Liebe des Grobstofflichen, sondern die hohe, reine Liebe, die nichts anderes kennt und will als das Wohl des geliebten Menschen, die nie an sich selbst denkt. Sie gehört auch in die stoffliche Schöpfung und fordert kein Entsagen, kein Asketentum, aber sie will immer nur das Beste für den anderen, bangt um ihn, leidet mit ihm, teilt aber mit ihm auch die Freude. […]
[S]ie peitscht den verantwortlichen, also reifen Menschen […] zur Vollkraft seines ganzen Könnens auf bis zum Heldentum, so daß die Schaffens- und Streitkraft zu größter Stärke angespannt wird. Hierbei ist dem Alter keine Grenze gesetzt! Sobald ein Mensch der reinen Liebe Raum gewährt, sei es nun die des Mannes zum Weib oder umgekehrt, oder die zu einem Freunde oder einer Freundin, oder zu den Eltern, zu dem Kinde, gleichviel, ist sie nur rein, so bringt sie als erste Gabe die Gelegenheit zum Abstoßen alles Karmas, das sich dann nur noch rein „symbolisch“ auslöst, zum Aufblühen des freien und bewußten Willens, der
nur nach oben gerichtet sein kann. Als natürliche Folgerung beginnt dann der Aufstieg, die Erlösung von den unwürdigen Ketten, die ihn niederhalten.
Die erste sich regende Empfindung bei erwachender reiner Liebe ist das sich Unwertdünken dem geliebten Anderen gegenüber. Mit anderen Worten kann man diesen Vorgang mit eintretender Bescheidenheit und Demut bezeichnen, also den Empfang zweier großer Tugenden. Dann schließt sich daran der Drang, schützend die Hand über den anderen halten zu wollen, damit ihm von keiner Seite ein Leid geschähe, sondern sein Weg über blumige, sonnige Pfade führt. Das „Auf-den-Händen-tragen-Wollen“ ist kein leerer Spruch, sondern kennzeichnet die aufsteigende Empfindung ganz richtig.
Darin aber liegt ein Aufgeben der eigenen Persönlichkeit, ein großes Dienenwollen, das allein genügen könnte, alles Karma in kurzer Zeit abzuwerfen, sobald das Wollen anhält und nicht etwa rein sinnlichen Trieben Platz macht. Zuletzt kommt bei der reinen Liebe noch der heiße Wunsch, recht Großes für den geliebten Anderen in edlem Sinne tun zu können, ihn mit keiner Miene, keinem Gedanken, keinem Worte, noch viel weniger mit einer unschönen Handlung zu verletzen oder zu kränken. Zarteste Rücksichtnahme wird lebendig.
(Abd-ru-shin, Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft, Vortrag „Der Mensch und sein freier Wille“)

Beide Charaktere durchlaufen tatsächlich diese Entwicklung, wie die Untersuchung ihrer jeweiligen Lebenspfade zeigen wird.
Zunächst jedoch einige kurze Erläuterungen zum Buffy-Universum, das sich selbstverständlich vom Schöpfungsbild der Gralsbotschaft unterscheidet. Doch unter dem Deckmantel der Phantasie wurde schon so manche Wahrheit vermittelt! Da hier zwei sehr spezifische Fälle aus der Serienhandlung betrachtet werden, soll sich die Erklärung auf die wesentlichen, damit verbundenen Dinge beschränken.
Vampire sind im Buffy-Universum Dämonen, die nach dem Biß eines anderen Vampirs und das darauf folgende Trinken dessen Blutes Besitz von einem (toten) menschlichen Körper Besitz ergreifen. Es handelt sich also im strikten Sinne um einen Fall von Besessenheit.

Sobald jemand besessen ist, so wirkt der betreffende fremde Geist stets unmittelbar durch den Erdenkörper, mit dem er sich verbinden konnte, von dem er teilweise Besitz genommen hat und den er für seine Zwecke benützt. Davon ist ja der Ausdruck „besessen“ erst entstanden, weil ein fremder Geist den Körper eines Erdenmenschen in Besitz nimmt, von ihm Besitz ergreift, um sich irdisch-grobstofflich damit betätigen zu können. […]
Es kommt auch hier und da mit vor, daß der von einem Erdenkörper gewaltsam besitzergreifende fremde Menschengeist sich nicht nur des Gehirnes vollständig bedient, sondern die Anmaßung weitertreibt und auch noch andere Körperteile für sich und seine Zwecke unterjocht, ja, jene Seele, die rechtmäßige Besitzerin des Körpers ist, hinausdrängt bis auf einen kleinen Teil, den er nicht rauben kann, wenn nicht das Leben dieses Körpers selbst gefährdet werden soll.
(Vortrag „Besessen“)

Im Buffy-Universum ist letztere Klausel natürlich hinfällig: Das Leben des Körpers wird zwangsläufig ausgelöscht, sobald ein Mensch zum Vampir gemacht wird und der fremde Geist (hier: Dämon) Besitz von seinem Körper ergreift. Vampire sind wandelnde Tote, die zwar das Aussehen und die Erinnerungen, manchmal sogar die Persönlichkeit des Menschen, dessen Platz sie eingenommen haben, besitzen, aber nicht dessen Seele. Die einzige Möglichkeit für sie, den gestohlenen Körper und damit ihre irdische Existenz überhaupt aufrechtzuerhalten, ist das Trinken von Blut, des Lebenselixiers. Die Seele, die frühere Besitzerin des Körpers, existiert weiterhin, aber getrennt von ihrer einstigen Behausung. In seltenen Fällen jedoch kann sie wieder mit ihrem Körper vereint werden. Dies resultiert nicht in einer „Wiederbelebung“ – der menschliche Körper ist tot und bleibt es, und entsprechend ändert sich nichts an der Notwendigkeit, Blut zu trinken. Auch der unrechtmäßig Besitz ergriffen habende Dämon wird nicht seinerseits hinausgedrängt, bleibt aber unterdrückt, solange die menschliche Seele ihm nicht Raum gewährt. Da sich beide „Bewohner“ des Körpers seines Gehirns bedienen, teilen sie selbstverständlich die Erinnerungen des jeweils anderen.

Ein anderer wesentlicher Punkt der Serienhandlung ist das Konzept des „Slayers“. Es gibt im Deutschen keinen eleganten Ausdruck dafür – die zutreffendste Übersetzung ist das veraltete „Töter“ im Sinne eines Drachentöters. Die Slayers in Buffy sind eine seit Urzeiten existierende Kette junger Mädchen und Frauen, die von nie näher spezifizierten höheren Mächten für diese Aufgabe ausgewählt, also berufen werden, das Böse zu bekämpfen. Nach dem Tode eines Slayers folgt die Berufung des nächsten, so daß stets nur eine Auserwählte den Krieg gegen die Horden der Unterwelt führt. Ihre Lebenserwartung ist gering, ihr Leben Pflicht, Entsagung und Kampf. Serienheldin Buffy ist die derzeitige Berufene und diejenige, die mit vielen Traditionen bricht, am Ende sogar die Traditionen selbst verändert und eine neue Ära einläutet. Ihre eigene Entwicklung ist eng verbunden mit der Angels und Spikes.

Wer aber nun sehr viel von früher auszugleichen hat, muß dieser Mensch dann nicht verzagen, wird ihm nicht grauen vor der Ablösung der Schulden?
Er kann getrost und froh damit beginnen, kann ohne Sorge sein, sobald er
ehrlich will! Denn ein Ausgleich kann geschaffen werden durch die Gegenströmung einer Kraft des guten Wollens, die im Geistigen gleich anderen Gedankenformen lebendig und zu starker Waffe wird, fähig, jede Last des Dunkels, jede Schwere abzustreifen und das „Ich“ dem Lichte zuzuführen!
Kraft des Wollens! Eine von so vielen ungeahnte Macht, die wie ein nie versagender Magnet die gleichen Kräfte an sich zieht, um damit lawinenartig anzuwachsen und vereinigt mit ihr geistig ähnlichen Gewalten rückwärts wirkt, den Ausgangspunkt wieder erreicht, also den Ursprung oder besser den Erzeuger trifft, und diesen hoch emporhebt zu dem Lichte oder tiefer hinabdrückt in den Schlamm und Schmutz! Je nach der Art, wie es der Urheber erst selbst gewollt.
(Vortrag „Erwachet“)



Teil 1
Angel: Der steinige Weg zur Vergebung

Sobald in einem Menschen Liebe rege wird, die darnach strebt, dem anderen Licht und Freude zu bereiten, ihn nicht durch unreines Begehren herabzuzerren, sondern schützend hoch emporzuheben, so dient er ihm, ohne sich dabei des eigentlichen Dienens bewußt zu werden; denn er macht sich dadurch zu einem selbstlosen Geber, zu einem freudigen Schenker. Und dieses Dienen ringt ihn frei!
Um den rechten Weg dabei zu finden, achte der Mensch immer nur auf eins. Über allen Erdenmenschen schwebt groß und stark ein Wunsch:
Das wirklich vor sich selbst sein zu können, was sie vor denen gelten, von denen sie geliebt werden. Und dieses Wünschen ist der rechte Weg! Er führt unmittelbar zur Höhe. (Vortrag „Die Sexualkraft in ihrer Bedeutung zum geistigen Aufstiege“)

Angelus wird Mitte des 18. Jahrhunderts in Irland als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns und dessen Frau geboren. Er bleibt der einzige Sohn des Paares; mehrere Jahre später stellt sich noch eine Schwester ein. Die Geschwister haben ein liebevolles Verhältnis zueinander, das jedoch durch den großen Altersunterschied niemals wirklich eng wird. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn hingegen entwickelt sich, je älter Angelus wird, zu einem Teufelskreis. Sein Vater drängt darauf, daß Angelus etwas aus sich mache, eine elterliche Erwartungshaltung, die der junge Mann zu diesem Zeitpunkt weder versteht noch schätzt; er reagiert seinerseits mit Rebellion und Trotz. Jede „Enttäuschung“, die er seinem Vater bereitet, verhärtet die Fronten nur, bis eine Verständigung unmöglich scheint. Beide sind sich zu ähnlich, zu stur und unbeugsam, um auf den anderen zuzugehen, obwohl innerlich beide unter der Situation leiden. Angelus verbringt seine Nächte in den örtlichen Wirtshäusern, um morgens von seinem sittenstrengen Vater als Taugenichts beschimpft zu werden. Als ihn schließlich sein Vater vor die Wahl stellt, sich zu ändern oder das Haus zu verlassen, ist die Kluft zwischen ihnen längst zu weit geworden, um sie zu überbrücken. Angelus geht und begegnet der Vampirin Darla, die den nur zu willigen junge Mann zu einem der ihren macht.

Es ist der Mensch nicht ohne weiteres dem Eindringenwollen eines fremden Geistes preisgegeben.
So wird zum Beispiel der
Geist eines solchen Menschen, dessen Körper die Möglichkeit zu einem derartigen Ausgenutztwerden durch einen fremden Geist bietet und ihn auch diesem dazu mehr oder weniger preisgibt, immer träge oder schwach sein; denn sonst müßte seine eigene natürliche Abwehr dagegen stark genug bleiben, um es zu verhindern.
Trägheit oder Schwäche des Geistes ist stets selbstverschuldet, kann aber von der Menschheit nicht erkannt werden. […] Ein Mensch mit müdem Geiste kann aber außergewöhnlich lebhaft im Denken sein, ebenso im Lernen, weil Geistesträgheit mit Verstandesschärfe gar nichts zu tun hat […].
(Vortrag „Besessen“)

Der Dämon, der Angelus’ Platz einnimmt, besitzt eine Grausamkeit und Zielstrebigkeit, die selbst anderen seiner Art Respekt einflößt. Er entwickelt schnell, was er „die Kunst“ des Tötens nennt. Bevor er sein ausgewähltes Opfer direkt konfrontiert, löscht er zunächst nach und nach alle Menschen aus, die ihm etwas bedeuten. Nacht für Nacht sucht er nun die Bewohner seines Heimatdorfes heim, bis er zuletzt seinem Vater gegenübersteht und ihm spottend das Ergebnis seiner düsteren Warnungen präsentiert. Angelus tötet seine Familie und zieht mit Darla für die nächsten hundert Jahre mordend quer durch Europa. Er erschafft selbst mehrere neue Vampire, darunter die Seherin Drusilla, die er gezielt in den Wahnsinn treibt.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts jedoch wird er schließlich von unerwarteter Seite gestoppt. Als er eine junge Zigeunerin tötet, belegt ihre Sippe ihn mit einem Fluch: Sie vereinen Angelus’ Seele wieder mit seinem Körper. Entsetzt steht der Mensch im Leib eines Vampirs vor der Erkenntnis, was er getan hat. Doch der Fluch ist, wie es wohl generell der Natur von Flüchen entspricht, nicht dazu gedacht, Gerechtigkeit zu üben, sondern Rache. Die Absicht derer, die ihn verhängen, ist nicht, Angelus die Fehler seiner Vergangenheit erkennen zu lassen und zukünftige zu verhindern, sondern ihn zu quälen. Nicht zuletzt strafen sie mit ihrer Tat die falsche Person: Der Dämon, der für den Tod des Mädchens verantwortlich zeichnet, ist verdrängt, unterdrückt, und das Leiden trifft den Menschen Angelus, der zunächst nicht einmal weiß, was geschehen ist und wo er sich befindet – sein Leben und seine Erinnerung endeten vor über einem Jahrhundert. Damit machen sich die Urheber des Fluches nicht nur in schöpfungsgesetzmäßiger Hinsicht selbst schuldig, sie bereiten auch den Boden für kommende Geschehnisse, an denen sie ebenso die Schuld tragen werden wie derjenige, der sie verübt. Denn es gibt eine Möglichkeit, den Fluch zu brechen: Ein Moment wahren Glücks ist genug, um seine Wirkung umzukehren und Angelus seine Seele wieder zu entreißen. Doch davon ahnt er lange Zeit nichts.

Keine Untat kann mit dem Hinweis auf das „Karma“ des Opfers gerechtfertigt werden, denn die Wechselwirkungen des Lebens zielen nie auf Rache ab, sondern allein auf Erkenntnis. (Werner Huemer, „Das unsichtbare Netz des Schicksals“)

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Angewidert verstößt Darla den vor Schuldgefühlen fast wahnsinnigen Angelus. Zum vielleicht ersten Mal in seinem Leben steht er einer Situation allein und hilflos gegenüber. Er kann sich nicht mehr überwinden, von Menschen zu trinken, und lebt eine gepeinigte Schattenexistenz. In einem Anfall von Verzweiflung kehrt er zwei Jahre später zu seinen früheren Weggefährten Darla, Drusilla und Spike zurück, die in China inmitten des Boxeraufstandes ihr eigenes Blutbad anrichten, doch Darla erkennt die Wahrheit schnell: Die einzigen Menschen, die Angelus zum Opfer fallen, sind Mörder, Plünderer und Vergewaltiger. Wenn er wirklich wieder von ihr akzeptiert werden möchte, so ihre Bedingung, müsse er sich an Unschuldigen vergehen. Er weigert sich und flieht.
Sein Weg führt ihn in die USA. Er lebt in selbstgewählter Isolation. Trotzdem er unter der Schuld seiner früheren Taten leidet, unternimmt er keine Schritte, aktiv Gutes zu tun. Ein einziger Versuch während der frühen 50er Jahre endet damit, daß sich die Frau, der er zu helfen versucht, gegen ihn wendet, um sich selbst zu retten. Danach gibt Angel jede Bemühung um Verbindung zu Menschen oder Dämonen auf. Erst Jahrzehnte später führt ihn das Schicksal zu der fünfzehnjährigen Buffy, die ihrerseits gerade ihre Berufung erhält. Für Angel ist es Liebe auf den ersten Blick. Zum ersten Mal in seiner Existenz verspürt er den Wunsch, etwas aus sich zu machen, jemand zu sein, den das junge Mädchen mit Achtung ansehen kann.
Angel ist im Grunde seiner Seele immer schwach gewesen. Er hat nie Verantwortung gekannt oder übernommen und stets nur für sein Vergnügen gelebt, als Mensch wie auch als Dämon. Als solches ist er ungeübt darin, über sich hinauszuwachsen und tapfer oder gar heldenhaft zu handeln, zudem er nach einem Jahrhundert voller Schuldgefühle nicht glaubt, etwas wert zu sein – ein spätes Echo der Worte seines Vaters. Zunächst in seiner passiven Rolle verharrend, verfolgt er Buffys Entwicklung; als sie ein Jahr später nach Sunnydale umzieht, folgt er ihr. Ihre ersten Begegnungen verlaufen zögerlich. Buffy ist mißtrauisch, Angel zurückhaltend – obwohl er langsam aus seiner Isolation auszubrechen beginnt, beschränkt er sich auf die Rolle des Tippgebers und Beobachters. Erst allmählich vertieft sich ihre Bekanntschaft. Buffys beständiger Mut und ihre Bereitschaft, sich zum Wohle aller in Gefahr zu begeben, gewinnen rasch Angels Respekt wie auch seine Zuneigung, während Buffy eine jugendliche Verliebtheit für ihn entwickelt, die selbst die Enthüllung seiner vampirischen Natur nicht lange erschüttern kann.

Es ist ausgerechnet Xander, ein linkischer und sich vermeintlich durch nichts auszeichnender, aber loyaler Freund Buffys, der Angel endlich aus seiner Passivität aufrüttelt. Als Buffy ihrem prophezeiten Tod im Kampf gegen einen mächtigen Vampir entgegengeht, sucht Xander Angel auf und legt ihm eine einzige harte Tatsache dar: Entweder Angel hilft Buffy oder sie stirbt. Derartig zum ersten Mal wirklich mit seiner Verantwortung konfrontiert, springt Angel über seinen Schatten. Gemeinsam mit Xander wagt er sich in die Höhle des Löwen, und sie retten Buffy.

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Von nun an involviert sich Angel im Kampf gegen das Böse. Seine Natur macht ihn neben Buffy zum stärksten Krieger der Heldengruppe, so daß er zum ersten Mal seine Fähigkeiten für einen guten Zweck einsetzen kann. Zugleich kommt auch die Liebe zwischen ihnen zu voller Blüte. Es ist eine zärtliche, tiefverwurzelte Verbindung, die nach Ewigkeit verlangt, doch wie allen großen Dingen stehen ihr Prüfungen bevor.

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Als Buffy und Angel die Zeit gekommen sehen, „den nächsten Schritt“ zu tun und miteinander zu schlafen, ist der unsinnige Fluch der Zigeuner aufgehoben – Angel verliert seine Seele, und der Dämon ergreift wieder Herrschaft über seinen Körper. Mit der ihm eigenen gewohnten Grausamkeit macht er sich nun daran, Buffy auf alle nur erdenkliche Arten seelisch zu quälen, und hinterläßt eine Spur des Todes. Er verbündet sich mit Spike und Drusilla, die sich in Sunnydale niedergelassen haben und die sein besseres Ich noch vor kurzer Zeit bekämpfte; doch in seiner Arroganz begeht er den schwerwiegenden Fehler, Spike zu sehr zu reizen. Der sehr viel verschlagenere frühere Freund verrät ihn an Buffy, als er versucht, einen mächtigen Dämon auf die Welt zu entfesseln. Buffy hat nach allem Herzschmerz und Psychoterror die Tatsache akzeptiert, daß der Mann, den sie geliebt hat, tot ist. Nur die Notwendigkeit existiert noch, das Monster in seiner Gestalt auszuschalten. Ohne ihr Wissen jedoch gelingt es ihrer Freundin Willow während des Kampfes auf Leben und Tod, den Fluch zu rekonstruieren. Aber es ist zu spät. Das Ritual hat bereits begonnen, und der einzige Weg, es zu beenden und furchtbares Unheil zu verhindern, ist Angels Tod. Buffy muß die Liebe ihres Lebens, ihr auf so grausame Weise zurückgegeben, in eine Höllenebene verbannen. Unfähig, mit sich selbst zu leben, flieht sie aus Sunnydale und nimmt eine andere Identität an. Doch Angel verfolgt sie jede Nacht in ihrem Träumen.

Erst Monate später kehrt sie, noch immer traumatisiert, zu ihrer Mutter und ihren Freunden zurück. Der Heilungsprozeß ist langsam und kaum abgeschlossen, als Angel aus zunächst noch unbekannt bleibenden Gründen nach Sunnydale zurückgesandt wird. Hundert Jahre in einer Höllenebene (die Zeit vergeht dort schneller als auf der Erde) haben ihn in eine wilde Kreatur verwandelt, die kaum noch menschliches Bewußtsein besitzt. Die schockierte Buffy, die ihn findet, versteckt ihn vor ihren Freunden aus berechtigter Angst, sie könnten gegen ihn vorgehen, und pflegt ihn gesund. Es ist die tiefverwurzelte und noch immer unter seinem Wahnsinn schlummernde Liebe zu Buffy, die Angel schließlich zurück zu sich selbst führt.

„Always“ – eine Buchwidmung, die alles besagt. Die Farbsymbolik wird viele Male in der Serie verwendet.

Doch Angel sieht ein, daß ihre Liebe, so, wie die Dinge stehen, keine Zukunft haben kann. Ihre beständige Nähe und der damit verbundene Wunsch nach körperlicher Intimität können nur darauf hinauslaufen, daß sie beide entweder dauerhaft unglücklich sind oder in einem schwachen Moment alle Vorsicht über Bord werfen und eine erneute Katastrophe heraufbeschwören. Er verläßt Sunnydale, um Buffy ein glückliches Leben zu ermöglichen und vielleicht einen Weg zu finden, den Fluch dauerhaft zu umgehen.
Obwohl ihre Entwicklung sie in den kommenden Jahren in unterschiedliche Richtungen führt, reißt die Verbindung zwischen ihnen nie wirklich ab. Jede erneute Begegnung zeigt nur allzu deutlich, wie fest das Band zwischen ihnen ist. Sie benötigen nicht viele Worte, um sich zu verständigen; jeder kennt die Gedanken und Regungen des anderen fast instinktiv, und sie finden stets Halt und Trost im anderen. Was sie teilen, ist Seelenliebe. Trotzdem andere Partner zeitweilig in ihrem Leben präsent sein mögen, sind sie füreinander bestimmt und werden eines Tages eine Möglichkeit finden, zusammen zu sein.

Getrennt und doch nie wirklich auseinander: Buffy und Angel.
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Teil 2
Spike: Der Hunger nach Leben

Nach dem Erleben von Wagners „Der Fliegende Holländer“ sprach Abd-ru-shin sehr ernst von dem falschen Erlösungsgedanken, in den sich die Menschen verwickelt, wie es auch manche Sagen nun wiedergeben, die auf Frühestem aufbauend später falschen Sinn hineingelegt. […]
Der Holländer hatte nur Erlösung dadurch finden können, daß er ihr zuvor erhofftes Opfer zuletzt nicht mehr annehmen wollte, daß er ihren Tod für ihn vermeiden wollte, indem er eiligst mit dem Schiffe fort und, wie er meinte, unerlöst nun ewig weiterfahren müsse. Er hatte damit das Rechte erwählt, das ihn nun selbst wirklich erlösen konnte.
(Elisabeth Gecks: Erinnerungen aus meinem Grals-Erleben)

Spikes Geschichte beginnt 1880 in London. William ist ein schüchterner junger Mann der gehobenen bürgerlichen Schicht, der schlechte Poesie schreibt und erfolglos um seine Angebetete wirbt. Sein Vater ist bereits verstorben, seine Mutter, zu der er ein enges Verhältnis hat, ist kränklich.
Alles ändert sich, als er nach einem demütigenden Gesellschaftsabend niedergeschlagen, aber auch innerlich erbost geradewegs in Angel, Darla und Drusilla stolpert. Die Serie widerspricht sich hier selbst: Frühere Episoden hatten Angel als Spikes „Erzeuger“ etabliert, während die spätere Darstellung dies Drusilla zuschreibt. Wie dem auch sei, William stirbt in dieser Nacht, und der Vampir Spike nimmt seinen Platz ein. Innerhalb kürzester Zeit schüttelt er sein früheres verklemmtes Selbst ab, er sucht Gefahr und Chaos in einer Maßlosigkeit, die nur zu deutlich von einer vergangenen Unterdrückung aller wilderen Impulse spricht. Schließlich wird sein Verhalten sogar Angel und Darla zu viel, doch auch sie können seinen Hunger nach „Leben“ nicht mäßigen. Spike ist ein feuriger Geist, der an seiner Existenz hängt, aber ebenso die Wahrscheinlichkeit akzeptiert und sogar genießt, mit einer großen Szene abzutreten. Einzig Drusilla in ihrem Wahnsinn versteht und unterstützt diese seine Charaktereigenschaft, die gleichzeitig seine Stärke und seine Schwäche ist.
Spike hat seinen ersten Auftritt in Buffys zweiter Staffel, in der er sich als vermeintlicher Hauptgegenspieler etabliert. Nach einigen Scharmützeln jedoch wird er schwer verwundet und muß hilflos zusehen, wie in Folge Angel seinen Platz nicht nur als Oberhaupt der Vampire Sunnydales, sondern auch in Drusillas Zuneigung usurpiert. Seine fortschreitende Genesung verheimlichend, beginnt er nun, Pläne gegen seinen früheren Freund zu schmieden. Er geht ein Zweckbündnis mit Buffy und ihren Mitstreitern ein: Im Gegenzug für Drusillas Leben und freies Geleit ermöglicht er ihnen Zugang zu Angel. Spike verläßt Sunnydale mit Drusilla, während Buffy die Liebe ihres Lebens in die Hölle verbannt.

Gezeichnet: Was wie Zufall aussieht, ist zu unwahrscheinlich, um es zu sein. Buffy und Spike teilen von Anfang an eine schicksalhafte Verbindung, die im Laufe der Jahre nur wächst.

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In der dritten Staffel kehrt Spike für einen Gastauftritt zurück. Drusilla hat ihn aufgrund seines Bündnisses mit Buffy verlassen, und er sucht nach einem Weg, sie zurückzugewinnen. Scheinbar erfolgreich, trennen sich nach einer wie erwartet chaotischen Nacht die unfreiwilligen Verbündeten Buffy, Angel und Spike wieder.
Drusilla jedoch meint es diesmal ernst. Nachdem sie ihn für einen anderen Dämon verlassen hat, nimmt Spike in rachsüchtiger Laune erneut Residenz in Sunnydale. Es folgen weitere Auseinandersetzungen sowohl mit Buffy als auch mit dem nun in Los Angeles ansässigen Angel, bevor Spike in die Fänge der „Initiative“ gerät. Diese geheime Militäreinheit experimentiert an und bekämpft Dämonen aller Art. Spike kann mit Müh und Not entkommen, doch nicht bevor man ihm einen Chip ins Gehirn implantiert, der es ihm unmöglich macht, Menschen anzugreifen.

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Hier nun ist einer der großen Wendepunkte in Spikes Leben. Die Umstände zwingen ihn, sein Verhalten zu ändern. Er kann nicht länger leben wie bisher, und obwohl er gegen sein Schicksal rebelliert und hartnäckig nach Wegen sucht, die Entwicklung rückgängig zu machen, ist ihm kein Erfolg beschieden.
Wie überträgt sich das auf den Weg eines jeden Menschengeistes? Im Laufe unserer jahrtausendealten Existenz hatten wir oft einen solchen Wendepunkt. Jede neue Inkarnation bietet ihn: Wir lassen die Erinnerung an unser früheres Verhalten zurück und starten neu, unter neuen Voraussetzungen und Umständen, die uns ermöglichen, die Dinge anders zu sehen und zu erleben und somit, anders zu handeln. Mitunter zwingen uns diese neuen Umstände ein anderes Verhalten auf: Krankheiten oder körperliche Behinderungen können mit dem neuen Erdenkörper einhergehen und uns zwingen, andere Wege einzuschlagen, die sozialen oder gesellschaftlichen Verhältnisse beeinflussen die Art und Weise, wie wir unser neues Erdenleben führen können. Und obwohl die Versuchung groß sein mag, dagegen aufzubegehren, eröffnen uns diese Umstände die Möglichkeit, eine neue Perspektive zu gewinnen. Wer weiß schon, ob vermeintliche Einschränkungen uns nicht von einem zerstörerischen Weg zurückhalten, bis wir Alternativen kennengelernt haben? Es ist eine Gnade, keine Strafe, auch wenn dies vielleicht erst viel später deutlich wird.

Unsere selbstgewählten Wege stellen sich dem fördernden Prinzip der Schöpfungsgesetze oft genug entgegen und dienen nicht der Entwicklung, sondern im Gegenteil der Verwicklung und Verstrickung unseres Geistes, sie führen nicht zur Entfaltung, sondern zur Lähmung unserer Fähigkeiten und Möglichkeiten, degradieren uns zum gedanken- und empfindungslosen Konsumkrüppel. Es darf daher nicht überraschen, wenn wir – ob uns das genehm ist oder nicht – durch unliebsame Schicksalsschläge immer wieder zu einer „Kurskorrektur“ gezwungen werden. (Artikel „Das unsichtbare Netz des Schicksals“)

Wenn dabei Hindernisse kommen, jauchzt ihnen froh entgegen; denn sie bedeuten Euch den Weg zur Freiheit und zur Kraft! Betrachtet sie als ein Geschenk, aus dem Euch Vorteile erwachsen, und spielend werdet Ihr sie überwinden.
Entweder werden sie Euch vorgeschoben, damit Ihr daran lernt und Euch entwickelt, wodurch Ihr Euer Rüstzeug zu dem Aufstiege vermehrt, oder es sind Rückwirkungen von einer Verschuldung, die Ihr damit lösen und von der Ihr Euch befreien könnt. In beiden Fällen bringen sie Euch vorwärts. Deshalb frisch hindurch, es ist zu Eurem Heile!
Torheit ist es, von Schicksalsschlägen oder Prüfungen zu sprechen.
Fortschritt ist jeder Kampf und jedes Leid. Den Menschen wird damit Gelegenheit geboten, Schatten früherer Verfehlungen zu löschen; denn kein Heller kann dem einzelnen davon erlassen werden, weil der Kreislauf ewiger Gesetze auch darüber in dem Weltall unverrückbar ist, in denen sich der schöpferische Vaterwille offenbart, der uns damit vergibt und alles Dunkle löscht. (Vortrag „Erwachet“)

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Spike leidet unter seiner „Behinderung“. Von einem Moment auf den nächsten ist er von einem der stärksten Krieger der Unterwelt reduziert auf eine Kreatur, die weder Monster noch Mensch sein kann und auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Er sucht Buffy und ihre Verbündeten auf, und obwohl die Aufnahme alles andere als freundlich ist, wird Spike im Laufe der Zeit widerwillig zu einem geduldeten Anhängsel der Gruppe. Seine wachsende Frustration über seinen Zustand findet ein Ventil, als sich herausstellt, daß er zwar keine Menschen, jedoch Dämonen verletzen kann. Von nun an kämpft er auf Seiten des Guten gegen seine Artgenossen – nicht aus edlem Entschluß, sondern aus rein selbstsüchtigen Gründen.
In dieser Periode des Umbruchs entwickelt er eine wachsende Obsession mit Buffy. Sie erwidert seine Gefühle nicht; Spike ist weit außerhalb alles dessen, was sie in einer Beziehung sucht. Von Liebe kann auf beiden Seiten keine Rede sein. Spike ist aufgrund seiner seelenlosen Natur gar nicht in der Lage zu lieben – was er für Liebe hält, ist Leidenschaft, Lust, vermischt mit zarteren Gefühlen, die den Anfang bilden für die kommende Entwicklung.
Als Buffy ihn bittet, ihre jüngere Schwester Dawn zu beschützen, ist das Versprechen bindend für ihn. Doch er scheitert, mit dem Ergebnis, daß Buffy, um Dawn zu retten, selbst den Tod findet. Von Schuldgefühlen gepeinigt, nimmt Spike von nun an sowohl Bruder- als auch Beschützerstellung für Dawn ein.
In Unkenntnis der wahren Umstände holen Buffys Freunde sie ins Erdenleben zurück, doch statt wie geglaubt aus der Hölle reißen sie sie aus dem Himmel in eine Existenz, die sie hinter sich gelassen hatte. Buffy empfindet ihr Leben nach dem Frieden, den sie im Jenseits gefunden hatte, als unerträglich. Sie existiert lediglich, sie lebt nicht. Um ihre Freunde nicht zu belasten, verschweigt sie ihnen die Wahrheit. Der einzige, dem sie sich anvertraut, ist Spike, der nicht wirklich zum „inneren Zirkel“ gehört.
Von diesem Punkt an wandelt sich das Verhältnis zwischen ihnen. Buffy versucht aus ihrem Zustand des Nichtfühlens, der Gleichgültigkeit, ihrer Distanz zum Leben auszubrechen. Spike wiederum verbrennt innerlich an seinem Begehren für Buffy, das er als Liebe fehlinterpretiert, da es dieser Empfindung so nahe kommt, wie es ihm möglich ist. Spikes feuriger Geist zieht Buffy in ihrer verzweifelten Suche nach Gefühlen an, und die beiden finden in einer Verbindung zusammen, die von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Buffy ist sich immer bewußt, daß sie Spike nicht liebt, sondern nur benutzt; ihre Selbstverachtung läßt sie in bitteren Worten an ihm aus. Dennoch verfällt sie wieder und wieder seiner sexuellen Anziehung, dem einzigen Weg für sie, überhaupt etwas zu fühlen.

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Erst als ihre Beziehung zu Dawn unter dieser wachsenden Sucht zu leiden beginnt und sie kurz darauf eine nachdrückliche Erinnerung erhält, daß Spike noch immer ein Teil dessen ist, das sie bekämpft, bricht sie die Affäre ab. Spike, der die Wahrheit nicht wahrhaben will, versucht sie zurückzugewinnen. Seine fatale Fehlinterpretation von Leidenschaft als Liebe endet damit, daß er Buffy beinahe vergewaltigt.

Dies ist der zweite, entscheidende Wendepunkt. Bis hierher hat Spike Alternativen zu seiner früheren Existenz kennengelernt. Noch wesentlicher, er hat zu lieben begonnen. Es kann nie wirkliche Liebe werden, da seine Natur dies nicht zuläßt, aber mit der Erkenntnis, wie weit er beinahe gegangen wäre und wie tief er wirklich gegenüber Buffy steht, ändert sich alles. Was ihn bis zu diesem Punkt gebracht hat, waren Umstände. Hier nun trifft er eine bewußte, aktive Entscheidung: Er wird sich ändern. Er hat das obere Ende der ihm möglichen Entwicklung erreicht; nur eines kann ihm nun helfen, eine höhere Stufe zu erklimmen. Spike macht sich auf, seine Seele zurückzugewinnen. Nicht für sich selbst, sondern für eine Frau, die besseres verdient als er es ihr in seinem Zustand geben kann. Diese seine Entscheidung ist selbstlos, ein Akt echter, reiner Liebe. An diesem Punkt, wie Wagners Holländer, ist er erlöst.

Was wir alle indes zum geistigen Aufstieg wirklich brauchen – und um so mehr, wenn wir uns tief in Schuld verstrickt haben –, ist die tiefgreifende Erkenntnis unseres falschen Strebens, verbunden nicht nur mit einem Wunsch, sondern mit dem festen Wollen zur Änderung und inneren Neuausrichtung, einem Wollen, das die Tat bedingt. (Artikel „Das unsichtbare Netz des Schicksals“)

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Die folgenden rituellen Kämpfe seiner Prüfung sind ein Symbol. Spike stellt sich seinem Tod, dem Tod seiner früheren Persönlichkeit, doch sein Wille bleibt ungebrochen, da er sein Ziel vor Augen behält. Alles, was er erleidet, erleidet er für die Frau, die er liebt. Um ihr den Mann zu geben, den sie verdient. Er besteht die Prüfung.
Es ist vielsagend, daß Spikes Chip, das einzige, das ihn daran hinderte, seiner dämonischen Natur nachzugeben, in dem Moment zu versagen beginnt, in dem er seine Seele zurückerhält. Von nun an kann er nicht nur, er muß selbst die Wahl treffen, Gutes oder Böses zu tun. Wie immer geschieht die Wandlung nicht über Nacht, doch die Persönlichkeit, die sich aus William mittels Spike entwickelt – man kann dies sogar wunderbar als mehrfache Inkarnationen interpretieren –, ist bemerkenswert. Seine Loyalität gilt mehr denn je Buffy, während seine Gefühle für sie das vorwiegend Sinnliche verlieren und einer tiefempfundenen Liebe Platz machen, die klar sieht. Spike weiß, daß Buffy ihn noch immer nicht liebt wie er sie, doch er leidet nicht darunter. Seine Liebe fordert nicht und verlangt keine Erwiderung. Als er einer von allen Freunden verlassenen Buffy in einer Nacht emotionaler Schutz und Stütze sein kann, ohne daß auch nur ein sexuelles Element involviert ist, bezeichnet er dies als schönste Nacht seines Lebens. An diesem Punkt hat ihre Beziehung alle Höhen und Tiefen durchlaufen; sie beide haben das Beste und Schlechteste des anderen kennengelernt. Was bleibt, ist unbedingtes Vertrauen in einander.

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Der Feuer-Symbolismus

Obwohl seinen Eigenschaften nach eher ein „Wind-Charakter“, zieht sich Feuer als Symbol sowohl von Höllenflammen als auch von Läuterung durch Spikes gesamte Darstellung. Spike „brennt“ mit einem Hunger nach Leben, und er brennt in den Flammen der Leidenschaft für Buffy. Es ist Feuer, das ihn bei seiner ersten entscheidenden Niederlage beinahe tötet. Eine feurige Explosion läutet das Ende seiner Affäre mit Buffy ein. Seine erste Prüfung auf der Queste nach seiner Seele ist der Kampf gegen einen Krieger mit brennenden Händen.
Es erscheint nur folgerichtig, daß Feuer auch am Ende seines Weges steht. Eine entscheidende Waffe gegen die Heerscharen der Hölle, die kurz davor stehen, auf die Erde hereinzubrechen, ist ein Amulett, dessen genaue Eigenschaften niemand kennt. Die Prophezeiung besagt jedoch, es müsse von einem Fürstreiter getragen werden, der eine Seele besitze, aber mehr als ein Mensch sei. Alle Beteiligten stimmen überein, daß Spike das Instrument der unbekannten Mächte sein müsse. Im großen Endkampf enthüllt sich die Kraft des Amuletts: Es entfesselt reinigendes Licht durch seinen Träger und reduziert nicht nur die gegnerischen Vampirhorden, sondern das gesamte Höllenportal innerhalb weniger Augenblicke zu Asche. Doch auch Spikes vampirischer Körper kann dem Licht nicht lange widerstehen und verbrennt. Der Symbolismus geht hier den letzten Schritt: Licht als Verkörperung himmlischer Mächte ersetzt Feuer, Verbrennen wird zur Darstellung letzter Läuterung. Als Spike lachend zu Asche zerfällt, fällt symbolisch der Rest seiner Vergangenheit, seines Karmas ab. Es ist die ultimative Darstellung der Erlösung eines Menschengeistes.

Feuer steht ihm gut: Kein anderer Charakter aus Buffy wird so häufig mit Feuer gezeigt oder in Verbindung gebracht wie Spike.

Ein geradezu sprichwörtlicher Dauerbrenner: Das allgegenwärtige Feuerzeug, das Spike über sechs Jahre Serie begleitet – ein effektives Symbol des Feuers, das er mit sich trägt.
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„You taste like ashes.“ Drusilla verläßt Spike nach den Geschehnissen der 2. Staffel.sf26
Das feurige Ende der Initiative.sf14sf15sf16sf17
„I want the fire back.“ Buffy sucht nach einer Verbindung zum Leben…sf27
„The torch I bear is scorching me.“ … während Spike mit seiner Leidenschaft für sie ringt.
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In den verkohlten Überresten seiner Gruft.sf20

„They put the spark in me, and now all it does is burn.“ Von der Last, eine Seele zu besitzen.
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Buffys und Spikes letzter Abschied.sf23
„I always knew I’d go down fighting.” Entgegen aller früheren Darstellungen ist Spikes letzter Kampf jedoch passiv. Er dient einzig und allein als Instrument des Lichts – und ist damit ein mächtigerer Streiter als je zuvor.sf24

Er muß die starken Wellen der rastlosen Tätigkeit empfinden, die auf ihn wirken aus dem großen All, sobald er nur ein wenig darauf achtet, und fühlt zuletzt, daß er den Brennpunkt starker Strömungen abgibt wie eine Linse, die die Sonnenstrahlen fängt, auf einen Punkt vereinigt und dort eine Kraft erzeugt, die zündend wirkt, die sengend und vernichtend, doch auch heilend und belebend, segenbringend strömen kann, die auch imstande ist, loderndes Feuer zu entfachen!
Und solche Linsen seid auch Ihr, fähig, durch Euer Wollen diese unsichtbaren Kraftströmungen, die Euch treffen, zu einer Macht gesammelt auszusenden zu guten oder bösen Zwecken, um der Menschheit Segen oder auch Verderben zuzuführen. Loderndes Feuer könnt und sollt Ihr damit entzünden in den Seelen, Feuer der Begeisterung zum Guten, Edlen, zur Vervollkommnung! (Vortrag „Erwachet“)

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3 Kommentare

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