Der Gral – ein Weg (Грааль)

Einen der frühesten Versuche der Gralsbewegung, mit anderen Medien außer Schriften zu experimentieren, stellte Der Gral – Ein Weg dar, ein BR-produziertes „Filmessay“, das heute bestenfalls auf ARTE laufen würde. Bei den Kreuzträgern kam der Film damals, 1994, nicht gut an, weil er zu wenig „Werbung“ oder netter ausgedrückt Bekanntmachung der Botschaft darstellte und weil er generell unverständlich war.

gw1gw2

Das war, wie gesagt, 1994, also noch im Zeitalter der Videokassette. DVDs mit Kommentaren der Beteiligten waren erst im Kommen. Stattdessen hatte ich das große Glück, auf dem Vomperberg in den Genuß einer Vorführung mit Live-Kommentar einer der beiden Produzentinnen, Marion Jerrendorf, zu kommen. Ihre Erläuterungen halfen sehr, Sinn aus dem Gezeigten zu machen.

Der Gral – ein Weg ist eine russisch-deutsche Koproduktion; unter dem Titel Грааль (=Gral oder Der Gral) wurde sie in Rußland bereits 1992 ausgestrahlt. Dieser kulturelle Einfluß zeigt sich sehr deutlich in der märchenhaften Atmosphäre des Films. Es gibt bewußt keine Dialoge, sondern nur Erzähler aus dem Off. Laut Frau Jerrendorf (heute Frau Jacob) diente diese Herangehensweise der Erleichterung der Ausstrahlung in beiden Ländern oder weiteren Ländern, die eventuell Interesse an einer „Synchronisation“ hatten. Der Gedanke war nicht nur ein rein technischer, sondern ermöglichte es auch, die gezeigten Bilder unterschiedlich und der Landesmentalität angepaßt mit Text zu unterlegen – eine mehr märchenhafte Geschichte im Russischen, eine eher künstlerisch-intellektuelle im Deutschen. So zumindest habe ich die Erläuterung in Erinnerung.

gw3gw4

Die beiden Hälften des Produktionsteams sind sehr deutlich an den Aufnahmen zu erkennen. Die in Rußland gedrehten Szenen wurden mit Weichzeichner bearbeitet, was das Märchenhafte unterstreicht, während die Tirol-Aufnahmen klar und nüchtern sind. Das scheint auf den ersten Blick auf mangelnde Absprache zu deuten. Zieht man aber die erzählte Geschichte hinzu, ergibt dies durchaus Sinn.

gw13gw5

Sehr bewußt orientiert die Handlung sich an Wolfram von Eschenbachs Parzival oder versucht sich zumindest eschenbachesk zu geben. Das Setting ist pseudo-mittelalterlich, der Held, der für den suchenden Menschen steht, wandert durch die Lande und begegnet Personen, die ihn durch die Geschichte ihrer Fehler und Schwächen, aber auch durch wegweisende Worte seinem Ziel näherbringen. Sie sind dabei gleichermaßen Figuren der Handlung wie auch Symbole oder Archetypen – ich mußte manchmal an Mysterienspiele oder das darauf beruhende Jedermann denken. Nach der Begegnung mit Versuchung und Freundschaft, Entzweiung und Vergehen, reiner Liebe, Gut und Böse, hat unser Wanderer Mitgefühl und Verständnis für den Nächsten gelernt (das „durch Mitleid wissend“ der Parzival-Sage). Der Weg führt ihn nun – bildlich wundervoll umgesetzt – zur lichten Höhe.

gw6
gw7

Hier nun setzt die deutsche Hälfte des Produktionsteams ein. Aus der verwischten Sicht des Suchens in den Niederungen gelangt der Wanderer in die Klarheit und Schärfe des lichten Berges, auf dem ihm alle Antworten gegeben werden. Drei Frauen – die Mutter, die Töpferin, die Bäckerin mit dem Sauerteig – zeigen ihm den Weg tätiger Liebe und Arbeit für das Licht und sind darin mächtige Symbole. Zwei Männer weisen ihm den Weg durch das Wort – der mehr Irdische mit feinem Humor und Verschmitztheit (dargestellt von Schauspieler und Kreuzträger Benno Hoffmann), der andere, himmelwärts Ausgerichtete, der ihm endlich die gesuchte Antwort auf die Frage nach dem Gral gibt (Herbert Vollmann).

gw8
gw10
gw9

Auf lange Sicht gesehen wünschte ich, die Macher hätten sich im Deutschen für einen anderen Ansatz entschieden. Warum nicht eine Geschichte erzählen? Die Aufnahmen sind wunderschön, aber die Texte (außer den zitierten Werken) sind außer intellektuell… nichts. Sie machen manchmal Sinn, häufig aber auch nicht. Der Zuschauer kämpft sich also beständig durch ein „Hä?“-Erlebnis, und ich fürchte, wer nicht zumindest schon einmal etwas von der Gralsbotschaft gehört hat, steht am Ende genauso dumm da wie vorher. Und erwiesenermaßen waren auch Kreuzträger ratlos.

gw11
gw12

Was Der Gral – ein Weg heute für Kreuzträger sehenswert macht, sind die Aufnahmen vom Vomperberg. Aufgrund der verqueren Umstände war ich zum Beispiel seit Ende der 90er Jahre nicht mehr dort, und ihn nun plötzlich im Film so festgehalten zu sehen, wie ich ihn damals kannte, war… merkwürdig, aber auch schön. Das ist eine Ära, die traurig endete und nicht wieder zurückgeholt werden kann – aber in den Filmaufnahmen lebendig ist und bleibt.