The Woman is Present in Bielefeld und andere Gedanken über alltäglichen Sexismus

English translation in the comments section.

He wouldn’t know what it felt like to have his no ignored.

Das intereuropäische Krise – Trauma – Hoffnung -Theaterfestival 2017 wurde eröffnet von Smashing Times´ The Woman is Present, ein Stück, das bereits ein Jahr auf dem Buckel hat, aber derzeit auf seiner ersten Europa-Tournee ist. Natürlich fuhr ich hin; es ist schließlich nicht oft, daß sich solche Gelegenheiten ohne lange Reisen ergeben.

Bielefelds gastgebendes Theaterlabor liegt nun nicht gerade in einer guten Gegend, oder vielleicht treiben sich generell bei abendlicher Dunkelheit die gruseligen Gestalten unserer Gesellschaft herum. Lange ist es her, und ich habe es nicht vermißt; dachte auch, daß ich endlich aus dem Alter heraus wäre. Vielleicht ist es eine kulturelle Sache, ohne hier rassistisch werden zu wollen, aber patriarchalische Kulturen spielen bei so etwas nun einmal eine Rolle, daran kann keine political correctness etwas ändern. Tatsache ist, daß ich gleich zweimal an diesem Abend angemacht wurde, von jungen Männern „mit Migrationshintergrund“, die ungefähr halb so alt waren wie ich. Frau allein unterwegs scheint das einzige Kriterium sein, das da zählt.

Existierender Sexismus war auch Teil der Rede, die Organisatorin Yuri Anderson zur Eröffnung des Festivals hielt. „Darüber brauchen wir gar nicht viel zu reden“, erklärte sie vielsagend zum wissenden Nicken der anwesenden Frauen. Alltäglicher Sexismus ist entsprechend das Grundthema von The Woman is Present, das Stumm-machen von Frauen, das Ignorieren ihrer Identität als Mensch, das Ignorieren ihres Willens, das Auslöschen ihrer Leistungen, wenn nicht gar ihrer Existenz. Präsentiert wurde es als Zwei-Frauen-Stück; ich weiß nicht, ob es so entworfen oder reduziertem Personal während einer Tournee geschuldet ist. Die beiden Darstellerinnen schlüpften in die Rolle von sieben bzw. sechs Frauen, ein Querschnitt der Biographien von Women, War & Peace (und das Publikum hatte sichtlich Probleme mit dem heimischen irischen Dialekt): Margaret Skinnider, Mary Elmes, Dolores Ibárruri („La Pasionaria“ – Filmclip während Kostümwechsels), Neus Català Pallejà, Maria Eugenia Jasińska, Marta Hillers und Ettie Steinberg. So interessant die angerissenen Biographien sind – und man bekommt definitiv Lust, ihre Lebensgeschichten in Gänze kennenzulernen –, so unbefriedigend ist die Darstellung letztlich. „The Woman is Present“ ist ein erstaunlich treffender Titel, denn im Grunde genommen handelt es sich hier nur um eine Frau. Es gibt keine individuellen Stimmen in diesem Stück. Martas Ton jedenfalls fand ich trotz der Zitate aus ihrem Buch nicht, ebensowenig die nüchterne Mary Elmes, deren spannende Biographie ich kürzlich las. Das ist wohl die größte Ironie: Daß diesen Frauen ihre Stimme genommen wurde, indem man sie wieder an die Öffentlichkeit brachte. Andererseits natürlich kein Einzelfall in der künstlerischen Aufarbeitung von Biographien. Marta fand ich bisher noch in keinem Film und keiner Bühnenadaption wieder. Der Wunsch nach Drama ist wohl größer als alles andere. Die letzte Sektion, Ettie Steinberg, ist erheblich zu lang, aber weil sie posthum, von Etties Reise durch den Himmel aus erzählt wird, faßt sie abschließend auch die Fragen nach dem großen Warum all der vorhergehenden Sequenzen zusammen.

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Gedanken zu Eine Frau in Berlin

Ich liebe Leserdiskussionen und Lesermeinungen. Nicht nur, daß sie – wie jede Bewertung – viel über den Schreiber aussagen; ich finde immer wieder Blickwinkel, die ich noch nie bedacht habe und Kommentare, von denen ich mir wünschte, sie geschrieben zu haben.
Auf Goodreads existieren zwei Buchgruppen, die sich Martas Buches angenommen haben:

https://www.goodreads.com/topic/show/17979722-a-woman-in-berlin
Wundervolle Diskussionen und definitiv so manches Mal ein Anlaß für mich zu sagen: „Ja, so hättest du das formulieren sollen…“

https://www.goodreads.com/topic/show/18213481-f2f-book-discussions-f2f57-september-2016-a-woman-in-berlin-attribu

Von Trollen und Ironie

Eineinhalb Jahre nach dem Fakt entdeckt, daß mir der leicht trollisch veranlagte Kommentator auf Wikipedia eine Antwort hinterlassen hat (ebenfalls um ein halbes Jahr verspätet). Natürlich werde ich seine Anmache nicht noch würdigen; don’t feed the troll und all das. Aber seine Bemerkung zu den Verlagen (er hat offenbar noch nie versucht, ein Manuskript bei einem Verlag unterzubringen) erinnerte mich daran, daß ich noch nie erwähnt habe, wie es damals ging, als ich eben dieses versuchte.
Rowohlt und Osburg hatten Interesse an dem Manuskript. Gerade über Rowohlt als Verleger hätte ich mich sehr gefreut, wegen der Verbindung, die Marta Hillers und insbesondere Kurt Marek zu diesem Verlag hatten. Aber am Ende lehnten beide Lektoren bedauernd ab, weil ihnen das Manuskript „zu akademisch“ war, mit all den Zitaten und Quellenangaben. Sie glaubten nicht, daß dieser Stil ein breiteres Publikum anspräche. Da ich ein komplettes Umschreiben des Manuskripts ablehnte, veröffentlichte ich am Ende über Books on Demand.

Es ist schon ironisch, daß mich genau diese Tatsache nun einerseits daran hindert, die Biographie als Quelle auf Wikipedia anzugeben, und andererseits Zweiflern wie dem anonymen Kommentator vermeintlich als Munition dient. Und daß das Manuskript akademischen Verlagen vermutlich als zu populärwissenschaftlich erschienen wäre. Es ist eine gute Sache, daß ich Ironie sehr zu schätzen weiß.

Ironie

Oder: Was eine Google-Suche so alles enthüllt.

Wikipedias Quellen-Richtlinien leuchten mir nicht ganz ein. Stellte nun fest, daß meine englische Artikelserie zu Marta im Berlin-Tempelhof-Eintrag zitiert wurde und das offenbar den Regeln entspricht. Meine Biographie als solche, von der die Blogserie ja nur eine übersetzte Kurzfassung ist, würde den Regeln allerdings nicht entsprechen, weil sie eine On-demand-Veröffentlichung ist. Hm.

Oh, und übrigens ist die Serie auf DVD erhältlich und diente als Grundlage für den Film A Woman in Berlin. Ich sollte dringend meine Tantiemen einfordern.

Rumours, exaggerations, and misunderstandings

An episode on BBC Radio 4 that I discovered only recently dealt, among other things, with A Woman in Berlin.
It was broadcast in 2013, so I will grant that the attendants couldn’t know any better since neither my German biography of Marta Hillers nor its abridged English version existed back then. So they simply repeated the usual rumours (which, however, are very hard to kill even now). But things took a bizarre turn when they actually stated that the German government banned the book in 1959/1960.
In that spirit, I want to address a few of the most persistent falsehoods attached to A Woman in Berlin. No, the book was never banned, neither by the government nor anyone else. It was never taken off the market; it simply never saw a second print run. There was no widespread outrage about the book. There were hardly even any reviews, and most of the few that I did manage to find were positive.

Some reviewers today, mainly from the US, are claiming that Marta Hillers lived in East Berlin in the spring of 1945. That’s simply a case of not knowing the facts about the fall of Berlin. During the time covered by Marta’s narrative there was no East and West Berlin yet, no Soviet zone. The Red Army conquered Berlin as a whole, plain and simple. US and other Allied troops didn’t move in until a while afterwards – in fact, Marta wrote about it in her book! And she never lived in East Berlin. It was Tempelhof at first, later Zehlendorf, both in the American sector or zone.