Marta Dietschy-Hillers‘ Hörspiele

Während man im Netz zahllose Berichte über Eine Frau in Berlin findet (logisch, ist das doch das Buch, durch das Leser weltweit auf Marta Hillers stoßen), sind ihre übrigen Werke eher dünn gesät. Dank Jens Bisky und seiner einseitigen Recherche im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde werden einige ihrer Artikel und redaktionellen Arbeiten aus der Nazi-Zeit erwähnt. Für ihre Werke nach dem Krieg bis zu ihrem Tod interessiert sich scheinbar kaum jemand, dabei sind einige ihrer interessantesten darunter.
In den späten 40er und frühen 50er Jahren veröffentlichte sie hauptsächlich unter dem Pseudonym Marta Moyland. 1955 wurde sie natürlich zu Marta Dietschy; ihr Autorenkürzel in Basler Zeitungen war überwiegend „Madie“ (=Marta Dietschy).

Von ihren deutschen Nachkriegshörspielen hat sich nur (aber immerhin) das Manuskript erhalten. (Vier Ringe an der linken Hand, Erstausstrahlung 25.12.49, König Punkt und seine Sippschaft, Erstausstrahlung 22.9.53)
Mehr Glück hat der Forscher und Fan bei ihren Schweizer Hörspielen, die heute noch beim SRF als Kopie bestellt werden können. (Am besten Autorin und Titel angeben.)

Hermann Hesse und Elisabeth La Roche, Erstausstrahlung 3.4.73
Ein Thema, das sie in verschiedenen Formen verarbeitete. Es begann mit ihrer Sichtung der Autobiographie Elisabeth La Roches, durch die sie die Verbindung zu Hermann Hesse ent- und generell den Dichter wiederentdeckte. Ihr Nachlaß im Staatsarchiv Basel-Stadt enthält eine unglaubliche Menge von Hesse-Dokumenten.

Vom Wälderbub zur Exzellenz (Hans Thoma), Erstausstrahlung 24.11.74
Ein Nebenzweig der Hesse/La Roche-Recherche. Elisabeths ältere Schwester Marie war Schülerin des Malers.

Johanna Spyri, Erstausstrahlung 13.7.75
Wohl aufgrund eines Urlaubs in der Heimat der Schriftstellerin entstanden.

Die Marlitt – Geschichte eines Erfolges, 7.12.75
Eine interessante Querverbindung zu Marta Dietschy-Hillers’ eigenem schriftstellerischem Schaffen. Sie arbeitete vor allem die feministischen und demokratischen Tendenzen im Werk der Schriftstellerin heraus.

Elisabeth La Roche: Ein Leben für den Tanz, 16.11.76
Hier nun Elisabeth La Roches eigenständige Lebensgeschichte; Hermann Hesse wird natürlich erwähnt.

Buxtehudes Töchter, (Teil 1 und 2) Erstausstrahlung 1978
Ein Hörspiel um den Komponisten und – wie der Titel schon vermuten läßt – seine Töchter.

„Droben stehet die Kapelle…“ Eine musikalisch-poetische Reise, Erstausstrahlung 17.4.81
Ebenfalls das Ergebnis eines Urlaubes: Die Wurmlinger Kapelle in Gedicht und Lied.

Ein unbekanntes Werk des jungen Hermann Hesse, Erstausstrahlung 20.2.82
Damals noch unveröffentlicht und von Marta im La-Roche-Nachlaß entdeckt. Es handelt sich um die unbetitelte, inzwischen „Der Dichter“ benannte erotische Novelle, in der der junge Hesse Teil seiner Phantasiebeziehung mit Elisabeth La Roche literarisch auslebte.

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Marta auf Wikipedia

Dank eines Lesers ist Martas Eintrag in der italienischen Wikipedia aktuell der umfassendste und korrekteste Artikel über sie auf allen Wikipedias.


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Hans Wolfgang Hillers in Marta Hillers‘ Drehbuch zu Die Kuckucks und andere Anklänge

Die Nachkriegsjahre (bis zu ihrer Verheiratung Anfang 1955) waren für Marta Hillers nicht nur geprägt von ihrer journalistischen Arbeit, sondern auch von den drei Filmproduktionen, an denen sie unter ihrem in dieser Zeit verwendeten Pseudonym Marta Moyland beteiligt war. Ihr Drehbuch für den heute oft und gern zitierten Film Toxi war vermutlich nur ein erster Entwurf, denn bis auf einen Artikel im Spiegel und natürlich ihre große Sammlung zu diesem Film (inklusive Premiereneinladung) findet sich keine Erwähnung ihrer Mitarbeit in den offiziellen, archivierten Unterlagen.


Für Sündige Grenze und Die Kuckucks hingegen ist die Aufteilung der Szenen zwischen Marta und Co-Autor Robert A. Stemmle sehr offensichtlich: Während sich Stemmle wie immer seinen geliebten Kinderszenen widmete, war Marta Hillers alias Moyland für die erwachsenen, namentlich die weiblichen Dialoge verantwortlich. Besonders erkennbar ist dies in Die Kuckucks. Gerade die zahlreichen Nebencharaktere, seien es die Chefs unserer jungen Helden, die Meldeamtbeamten oder die Vermieterinnen, sie alle kennzeichnet ihre scharfe, treffende Charakterisierung. Sie sind Berliner Typen ihrer Zeit und damit autobiographisch. Um so mehr eine Hauptfigur der Handlung. Heinz Krüger (dargestellt von dem früh verstorbenen Günther Güssefeldt) ist ein gleichermaßen genaues und verklärtes Portrait Hans Wolfgang Hillers‘: Charmant, charismatisch, großzügig und hilfsbereit, ein Frauenheld und Luftikus. Die negativen Seiten seines Charakters bleiben ausgeblendet, sei es aufgrund der Thematik des Films oder weil Marta Hillers selbst diese Seiten ausblendete. In ihrem Drehbuch findet man Zitate, sowohl von Hans Wolfgang Hillers als auch Anklänge an Eine Frau in Berlin.

„Ich wollte nur mal den alten Stall beschnuppern. Aus tierischer Anhänglichkeit sozusagen.“

Entnommen aus einer Szene, die Hans Wolfgang Hillers für das gemeinsame Theaterstück (auch als Drehbuchentwurf der DEFA vorgelegt) Die Töchter des Präsidenten schrieb. (Für größere Ansicht Bild anklicken.)

Gleich noch ein Zitat: Brief Hans Wolfgang Hillers an E. K. Beltzig, 10.5.46
„Ich habe mich keiner Partei und keiner Richtung verschrieben, meine alte Vergangenheit und mein Erbe aus der Arbeiterbewegung, erweitert durch die zwölfjährige Erfahrung einer historischen Tatsache, sind mein Rüstzeug, das ich auf eine durchaus eigene Weise handhabe.“

„Das Haar tut auch schon von alleine weh.“ – „Das nennt man Kater.“

Haarweh, ein heute kaum noch bekannter Begriff. Ich war beeindruckt, ihn in Philip Boehms englischer Übersetzung von Eine Frau in Berlin korrekt wiederzufinden.

Schlangestehen an der Pumpe, in Die Töchter des Präsidenten und Eine Frau in Berlin.

Die berüchtigten Luftschutzwachen!

The Woman is Present in Bielefeld und andere Gedanken über alltäglichen Sexismus

English translation in the comments section.

He wouldn’t know what it felt like to have his no ignored.

Das intereuropäische Krise – Trauma – Hoffnung -Theaterfestival 2017 wurde eröffnet von Smashing Times´ The Woman is Present, ein Stück, das bereits ein Jahr auf dem Buckel hat, aber derzeit auf seiner ersten Europa-Tournee ist. Natürlich fuhr ich hin; es ist schließlich nicht oft, daß sich solche Gelegenheiten ohne lange Reisen ergeben.

Bielefelds gastgebendes Theaterlabor liegt nun nicht gerade in einer guten Gegend, oder vielleicht treiben sich generell bei abendlicher Dunkelheit die gruseligen Gestalten unserer Gesellschaft herum. Lange ist es her, und ich habe es nicht vermißt; dachte auch, daß ich endlich aus dem Alter heraus wäre. Vielleicht ist es eine kulturelle Sache, ohne hier rassistisch werden zu wollen, aber patriarchalische Kulturen spielen bei so etwas nun einmal eine Rolle, daran kann keine political correctness etwas ändern. Tatsache ist, daß ich gleich zweimal an diesem Abend angemacht wurde, von jungen Männern „mit Migrationshintergrund“, die ungefähr halb so alt waren wie ich. Frau allein unterwegs scheint das einzige Kriterium sein, das da zählt.

Existierender Sexismus war auch Teil der Rede, die Organisatorin Yuri Anderson zur Eröffnung des Festivals hielt. „Darüber brauchen wir gar nicht viel zu reden“, erklärte sie vielsagend zum wissenden Nicken der anwesenden Frauen. Alltäglicher Sexismus ist entsprechend das Grundthema von The Woman is Present, das Stumm-machen von Frauen, das Ignorieren ihrer Identität als Mensch, das Ignorieren ihres Willens, das Auslöschen ihrer Leistungen, wenn nicht gar ihrer Existenz. Präsentiert wurde es als Zwei-Frauen-Stück; ich weiß nicht, ob es so entworfen oder reduziertem Personal während einer Tournee geschuldet ist. Die beiden Darstellerinnen schlüpften in die Rolle von sieben bzw. sechs Frauen, ein Querschnitt der Biographien von Women, War & Peace (und das Publikum hatte sichtlich Probleme mit dem heimischen irischen Dialekt): Margaret Skinnider, Mary Elmes, Dolores Ibárruri („La Pasionaria“ – Filmclip während Kostümwechsels), Neus Català Pallejà, Maria Eugenia Jasińska, Marta Hillers und Ettie Steinberg. So interessant die angerissenen Biographien sind – und man bekommt definitiv Lust, ihre Lebensgeschichten in Gänze kennenzulernen –, so unbefriedigend ist die Darstellung letztlich. „The Woman is Present“ ist ein erstaunlich treffender Titel, denn im Grunde genommen handelt es sich hier nur um eine Frau. Es gibt keine individuellen Stimmen in diesem Stück. Martas Ton jedenfalls fand ich trotz der Zitate aus ihrem Buch nicht, ebensowenig die nüchterne Mary Elmes, deren spannende Biographie ich kürzlich las. Das ist wohl die größte Ironie: Daß diesen Frauen ihre Stimme genommen wurde, indem man sie wieder an die Öffentlichkeit brachte. Andererseits natürlich kein Einzelfall in der künstlerischen Aufarbeitung von Biographien. Marta fand ich bisher noch in keinem Film und keiner Bühnenadaption wieder. Der Wunsch nach Drama ist wohl größer als alles andere. Die letzte Sektion, Ettie Steinberg, ist erheblich zu lang, aber weil sie posthum, von Etties Reise durch den Himmel aus erzählt wird, faßt sie abschließend auch die Fragen nach dem großen Warum all der vorhergehenden Sequenzen zusammen.

Gedanken zu Eine Frau in Berlin

Ich liebe Leserdiskussionen und Lesermeinungen. Nicht nur, daß sie – wie jede Bewertung – viel über den Schreiber aussagen; ich finde immer wieder Blickwinkel, die ich noch nie bedacht habe und Kommentare, von denen ich mir wünschte, sie geschrieben zu haben.
Auf Goodreads existieren zwei Buchgruppen, die sich Martas Buches angenommen haben:

https://www.goodreads.com/topic/show/17979722-a-woman-in-berlin
Wundervolle Diskussionen und definitiv so manches Mal ein Anlaß für mich zu sagen: „Ja, so hättest du das formulieren sollen…“

https://www.goodreads.com/topic/show/18213481-f2f-book-discussions-f2f57-september-2016-a-woman-in-berlin-attribu