Jolanthe Marès – Die Schriftstellerin von Berlin W. Teil 7. Starke Frauen im Berlin der Weimarer Republik: Dela Steinthal, Inge – seine Frau und Die Männer um Sibylle Wengler

„Harmonische Ehe!“ Leichter Spott lag in dem Ausruf. „Das klingt sehr schön, sehr korrekt. Du fühlst dich also glücklich?“
„Wie sollte ich nicht? In Übereinstimmung zu leben, darin besteht doch das Glück einer Ehe.“
„Nennst du das in Übereinstimmung leben, wenn er, wie du sagst, dir alles Unangenehme fernhält? Dich wie ein unmündiges Kind behandelt? Weißt du, wie diese Harmonie in den sogenannten glücklichen Ehen hergestellt wird? Indem die Frau ein Stück ihres eigenen Ichs aufgibt.“
„Soll es denn nicht so sein, Dinah?“
„Nein. Ein jeder soll Achtung haben vor der Persönlichkeit des anderen und soll ihr gerecht werden. Den meisten Männern wird das allerdings verteufelt schwer. Ihnen spuken noch immer die Herrschergelüste im Kopf herum. Für mich gibt es kein Unterordnen unter den Willen eines anderen. Auch nicht in der Liebe.“
(1)

Dela Steinthal von 1923 kehrt in gewisser Hinsicht die Geschlechterrollen aus Seine Beichte um. Seine Beichte von 1918 hatte thematisch wenig Neues geboten; Marès arbeitete darin lediglich die bereits mehrfach in ihren Romanen aufgetretene Figur des Genußmenschen näher aus. Einzige Neuerung und auch einzig interessante Figur war die Chansonette und Domina Siddi Roth, der selbst der erfahrene Lebemann Achim von Wellinghausen verfällt.
Dela Steinthals bisexuelle Titelheldin lebt ähnlich wie Achim von Wellinghausen um des Genusses willen; sie führt eine offene, von Episoden der Leidenschaft unterbrochene Vernunftehe mit dem Galeristen Felix Steinthal, außerhalb derer sich beide Partner mit wechselnden Liebschaften vergnügen. Delas „schwächliches“ Pendant zu Wellinghausens Ulla von Wahlen scheint auf den ersten Blick der Russe Michail Salmanoff zu sein. Im Gegensatz zu Ulla jedoch ist dieser kein Unschuldiger, sondern ein erfahrener Verführer und Lebemann, der sich von seinen Geliebten aushalten läßt. Die verführte Unschuld des Romans ist auch diesmal wieder eine Frau, die junge Lizzy Wendland, die sich über die Warnungen ihres Ehemannes hinwegsetzt und – ganz nach bekanntem Marèsschem Moralmuster – dafür den Tod erleidet.
Männlicher Protagonist der Handlung ist Herbert von Bohnen, der von Dela gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen ist und den sie für sich zu gewinnen versucht, zunächst, weil sie in ihm einen „richtigen Mann“ sucht, später, um ihn abweisen zu können. Bohnen ist der klassische Marèssche Herrenmensch germanischen Typs, der zahlreiche Affären mit verheirateten wie unverheirateten Frauen unterhält und diese Frauen gleichzeitig für ihre Unmoral verachtet, der nicht immer danach fragt, ob eine Frau ihm zu Willen sein will oder nicht. So verschieden sein Charakter von Delas zu sein scheint, stellt er doch ihr Spiegelbild dar: Beide sind starke Persönlichkeiten mit guten Anlagen, die sie unter ihren Schwächen begraben haben. In Herbert von Bohnen begeht Marès einmal mehr den Logikbruch, der bereits den Assessor in Lilli auszeichnete: Vom Beitragenden und Nutznießer der bestehenden Gesellschaftsunmoral wird er ohne Charakterentwicklung, die diese Wandlung erklären könnte, zu deren Kritiker.
Dela wiederum gehört neben Dinah Munck aus Inge – seine Frau zu den interessantesten, weil vielschichtigsten und wohl auch lebensnahesten Marèsschen Heldinnen. Zwar trägt sie alle Zeichen des Egoismus’ der Neuen Frau, ist dabei jedoch nicht negativ gezeichnet. Sie führt eine glückliche Ehe, hat eine liebreizende kleine Tochter und wird im kaum versteckt augenzwinkernden Vergleich mit ihrem Mann als die erheblich bessere Liebhaberin des Paares dargestellt. (So muß Felix Steinthal sich die bescheidene Gunst Tatjana Smirnowas erkaufen, während die Beziehung zwischen ihr und Dela sowohl leidenschaftlich als auch freundschaftlich verläuft – ganz ohne Geld und Geschenke.) Sie besitzt die seltene Gabe, das innerste Wesen eines Menschen erkennen und auf die Leinwand bannen zu können. Gerede um ihre Person ist ihr gleichgültig.
Geballt treten in diesem Roman die das damalige Berlin faszinierenden russischen Emigranten auf; überhaupt liegt die Stärke des Romans in seinen zahlreichen lebendigen Charakteren, die alle auf ihre Art „Originale“ sind. Dela Steinthal stellt eine kontemporäre Milieustudie der Inflationszeit in Berlin W dar. In dem vor dem Kriege angesiedelten Lillis Ehe hatte Jolanthe Marès darauf hingewiesen, die Adligen der wilhelminischen Ära erlernten keinen Beruf und seien somit auf reiche Heiraten angewiesen. Die neue Zeit forderte anderes von ihnen.

Wie fast alle Offiziere hatte Herbert von Bohnen die Uniform an den Nagel hängen müssen und den Zivilrock angezogen. Es war ihm nicht schwer geworden, seinen Beruf aufzugeben, den er nur alter Tradition entsprechend, ergriffen hatte. Herbert entstammte einer Militärfamilie, in der es üblich war, daß die Söhne dem Vaterland dienten. Ein jeder andere Beruf war von vornherein ausgeschlossen. Herbert war wohl der erste, der es versucht hatte, sich gegen diese Überlieferung aufzulehnen, aber, wie er im voraus wußte, ohne Erfolg. Nun waren die Verhältnisse ihm zu Hilfe gekommen. Dank seiner Verbindung, die er als eleganter Tänzer und Gesellschafter in der Zeit vor dem Kriege hatte, war es ihm nicht schwer geworden, Unterkommen in einer größeren Bank zu finden. Denn mit dem enormen Notenumlauf wuchsen auch die Banken, wuchs der Bedarf an Personal, die diese Häuser brauchten. Und gerade die Bankinstitute waren es, die viel Militär der höheren Chargen aufschluckten.(2)

Im Gegensatz zu ihren vorangegangenen moralisierenden Romanenden verläßt Jolanthe Marès ihre handelnden Personen mehr oder weniger im Geschehen: Bohnen geht, Dela lebt weiter wie bisher zwischen Kunst, Ehe und Affären. Das Leben geht seinen Gang.

Dela Steinthal wurde lange vor einer Dämmerung nationalsozialistischer Macht geschrieben, und doch sieht man den Werdegang seiner Protagonisten in den kommenden Jahren geradezu vor sich: Bohnen, der sich auf die Seite der neuen Herren schlägt, Dela als Malerin entarteter Kunst im Exil.

Obwohl ihre Werke Lilli, Lillis Ehe und Seine Beichte bereits 1919 verfilmt worden waren, verarbeitete Marès das Sujet Film erst 1924 zum ersten Mal. Elegantes Pack, der Roman um einen Filmstar, kam zunächst als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Berliner Leben heraus, 1925 auch in Buchform. Ebenfalls 1924 erschien in den USA Three Women, eine lose auf Motiven aus Lillis Ehe beruhende Filmproduktion unter der Leitung von Ernst Lubitsch. Im nächsten Jahr folgte Elegantes Pack, das aber keine Ähnlichkeit mit Marès’ Werk aufwies und sich wohl nur des Namens der Bestsellerautorin bediente. Direkt für den Film arbeitete Marès bei der Produktion Liebesfeuer (ebenfalls 1925), deren Idee ihr zugeschrieben wird.

In die Gefilde der Kriminalliteratur lenkte Marès ihre Handlung in Inge – seine Frau. Hier stellte sie auch erstmals ihre bekannten Muster von unabhängiger, die Ehe ablehnender und somit irregehender „Neuer Frau“ und weiblicher, Halt am Manne suchender Gattin auf den Kopf.
Inge geht in ihrer Liebe zu dem Generaldirektor Fritz Hollmann auf, für den sie ihre Jugendliebe Hans Büchner verließ. Ihre Freundin Dinah Munck, eine Bildhauerin, hat gerade ihren Lebensgefährten durch einen unerklärten Selbstmord verloren und hadert mit einer vermeintlichen Liebe, die nur Lüge war, weil es ihr am Vertrauen zum anderen mangelte.
Das Thema der Masken, des Nicht-Kennens oder Anders-Erscheinens zieht sich durch den ganzen Roman. Inges selbstopfernde Liebe erweist sich immer deutlicher als Irrweg, während Dinahs starke, dabei warmherzige Natur am Ende alle Zweifel besiegt und in einem applauswürdigen Showdown den wahren Übeltäter in die Knie zwingt. Zum ersten Mal läßt Jolanthe Marès die sonst so gescholtene moderne Frau über das weibliche Ideal früherer Zeiten siegen.

Ein in doppelter Hinsicht ungewöhnlicher Marès-Roman ist Die Männer um Sibylle Wengler. Nicht nur entfallen darin die üblichen Stellungnahmen der Autorin zu Ehe und Position der Frau, auch führt die Kriminalhandlung die Titelheldin von Deutschland durch die Sowjetunion ins exotische China. Der Roman erschien nach einer dreijährigen Schreibpause der Verfasserin – möglicherweise brachte sie darin Erlebnisse einer längeren Reise unter? Tatsächlich besaß Marès eine Nichte (Tochter ihres jüngsten Bruders Julius), die Schicksal und Abenteuerlust bis nach Japan verschlagen hatten, wo sie einen Einheimischen heiratete und nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein Kinderhilfswerk gründete.(3)

Zeit ihres Lebens scheint Marès vom Flugsport fasziniert gewesen zu sein, denn dieses Motiv taucht – bereits beginnend mit Lilli – in vielen ihrer Romane auf. In Die Männer um Sibylle Wengler läßt sie erstmals sogar eine ihrer Protagonistinnen zur Pilotin ausbilden. Ebenfalls in diesem Roman landet die erste Passagiermaschine von New York nach Berlin auf dem Tempelhofer Flughafen. Inspiriert wurde diese Idee wohl von dem ersten Nonstop-Flug New York – Deutschland im Juni 1927, an dem immerhin ein Passagier teilnahm; der erste reguläre Linienflug aus der Neuen Welt nach Berlin erfolgte jedoch erst 1938.


(1) Inge – seine Frau, S. 7

(2) Dela Steinthal, S. 50

(3) Im Stammbaum der Familie Lesser auf http://www.geschichtsportal-nordhausen.de ist dies Rose Sophie Henriette Lesser, verheiratet mit Kenji Takahashi.


Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 8
Teil 9
Teil 10

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Jolanthe Marès – Die Schriftstellerin von Berlin W. Teil 6. Die Hure und die Heilige: Frauenbilder, Männererwartungen in Verschenktes Leben und Die Sünderin

„Deinetwegen verlasse ich Mann und Kinder, gebe meine rechtliche Stellung auf, um als illegitime Frau neben dir zu leben.“ […]
„Warum tust du es denn? Ich habe das niemals von dir verlangt.“
„Du hast es nicht verlangt, weil du Angst vor der Öffentlichkeit hast. Ja, so seid ihr Männer alle. Im Geheimen nehmt ihr, was sich euch bietet. […] Sobald wir aber eine Forderung aufstellen, die euch unbequem ist, soll sie unterdrückt werden […].“
(1)

Aus einem neuen Winkel beleuchtet Jolanthe Marès ihre bekannten Strukturen von dekadenter Gesellschaft, Frauenrollen und Mutterschaft in Verschenktes Leben. („Den Freunden in Tübingen“ gewidmet.)
Als Elisabeth und Ullrich Weidener nach dem Tod ihres Sohnes keine Kinder mehr bekommen können, bricht für sie eine Welt zusammen. Ullrich fühlt sich um seinen Erben betrogen, Elisabeth (als echte Marèssche Heldin) um ihre „weibliche Bestimmung“. In dieser Situation erhält Elisabeth Besuch von ihrer Freundin Hanna. Diese, ehrgeizig, aus dem Spießbürgertum ihrer Herkunft auszubrechen, sieht sich durch die Wirtschaftskrise nach Kriegsende in bescheidene Verhältnisse gestürzt. Sie ist nun zum dritten Mal schwanger und lehnt das Kind ab. Ihr Vorschlag, der wohlhabenden, aber verzweifelten Freundin dieses Kind zu schenken, bedeutet die Rettung für Elisabeth und Ullrich.
Von Stund an dreht sich in ihrem Leben alles nur noch um Hannas Wohlergehen. Sie verwöhnen die werdende Mutter ihres Kindes nach Kräften, mehr und mehr zum Mißfallen deren Mannes Günther, der zu Recht befürchtet, nach Geburt des Kindes werde es Hanna schwerfallen, sich wieder einschränken zu müssen. Doch diese plant bereits, sich auch für später abzusichern. Ullrichs wachsendes Interesse an ihr als „Mutter seines Kindes“ fördert sie, bis es schließlich in eine heimliche Affäre mündet.
Auch nachdem das Kind, der erwünschte Sohn, hellhaarig wie seine Adoptiv- statt dunkel wie seine leiblichen Eltern, geboren ist, setzen Ullrich und Hanna ihre Liebschaft fort. Hanna spricht von Scheidung, doch Ullrich will davon nichts wissen – aus Konvention, mehr jedoch aus Angst davor, Elisabeth werde die Wahrheit erfahren. Verbittert erkennt Hanna, daß sie für Ullrich immer „nur die Geliebte“ sein wird, während er Elisabeth auch ihr gegenüber auf ein Podest stellt. Sie enthüllt Günther die Affäre. Der betrogene Ehemann, der noch am gleichen Tage gehofft hatte, seine entfremdete Frau zurückgewinnen zu können, stellt Ullrich zur Rede, wirft ihm vor, ihm und Elisabeth eine Komödie vorgespielt zu haben – das Kind sei Ullrichs. Ullrich ist entsetzt über den Vorwurf des Freundes, kann aufgrund Klein-Helmuths Aussehen jedoch das Gegenteil nicht beweisen.
Zeit vergeht. Hanna lebt inzwischen in Scheidung und hat dank Ullrichs finanzieller Unterstützung den Weg in die feinere Berliner Gesellschaft gefunden. Doch allmählich wird ihr klar, daß sie dafür mit innerer Einsamkeit bezahlt hat. Ullrich hat sich von ihr losgesagt, ihre Kinder weiß sie in der Obhut einer Cousine Günthers. Als sie auf der Straße zufällig Elisabeth begegnet, sieht sie ihre Chance für Rache gekommen und enthüllt der einzig Ahnungslosen des Quartetts die Wahrheit. Elisabeths wohlbehütete Welt stürzt endgültig zusammen. Sie denkt an Selbstmord, Scheidung, entschließt sich letztlich jedoch zu Entsagung eigenen Glücks um der Menschen willen, die sie brauchen: Helmuth und auch Ullrich, trotzdem sie ihm nie wieder vertrauen kann. Die Handlung endet offen, als sie sich mit Helmuth eine zeitweilige Trennung von Ullrich abbedingt.

Erstmals tritt in Verschenktes Leben Marès’ neuer Schreibstil der unvollständigen Stakkatosätze auf, der zukünftig ihr Schreiben auszeichnen sollte.

„[…] Du – bist nicht mehr du – – ! Diese Reinheit, die dich umgab – sie hat nie existiert!“
Fest und bestimmt klingt ihre Stimme dagegen, ruhig sieht sie ihn an. „Du täuschest dich. War ich dir rein, so bin ich es noch. Ich scheine dir nur eine andere. In Wahrheit bin ich die-selbe, die ich vor drei Tagen gewesen bin.“
„Ich sah eben in dir immer eine andere, sah dich nie, wie du wirklich bist.“ Schmerzlich schüttelt er den Kopf.
„Wenn du nie etwas von meiner Vergangenheit erfahren hättest – – meinst du nicht – – ich wäre dir dieselbe geblieben?“
„Das kann wohl sein.“
„So fange an zu denken.“
(2)

Stärker noch als in Lillis Ehe befaßt sich Jolanthe Marès in Die Sünderin mit Gewalt in der Ehe.
Der Bildhauer Kurt Raßmussen sehnt sich nach wechselnden Affären nach einer „sauberen“ Beziehung. Er heiratet Ursula, ein Mädchen aus guter Familie, von dessen Unberührtheit er meint ausgehen zu können, und schirmt seine junge Frau von allen zweifelhaften Einflüssen seines Künstlermilieus ab. Nach einem Jahr glücklicher Ehe erfährt er, daß es bereits einen Mann in Ursulas Leben gegeben hat. Der andere starb, das Kind aus dieser Beziehung trieb Ulla ab. In enttäuschter Erwartung und verletzter Eitelkeit sieht Raßmussen von stund an nur noch die gefallene Frau in Ursula, er demütigt sie bei jeder Gelegenheit, beschimpft und vergewaltigt sie, quält sie mit Eifersucht und betrügt sie gleichzeitig. Ulla, die ihn ehrlich liebt, klammert sich eine Zeitlang an die rein körperliche Liebe, die sie noch verbindet, doch mit dem zunehmenden Verlust der Achtung vor Raßmussen nimmt auch dies ein Ende.
Nie zuvor und nie danach übte Marès in solcher überzeichneten Deutlichkeit Kritik an einem realitätsfremden Frauenbild: Der absoluten Trennung zwischen keuscher, jungfräulicher Braut, die zu einer engelhaften Ehefrau wird, und der Frau, die, weil sie eine außereheliche Beziehung hatte, auch zwangsläufig für alle anderen Männer zu haben ist – die Heilige und die Hure. Daß die „Reinheit“ einer Frau und ihrer Liebe nicht an Äußerlichkeiten gekoppelt war und Moralbegriffe gern je nach Situation umgebogen wurden, arbeitete Marès logisch heraus.

„[…] Mein Gefühl ließ mich schweigen, denn ich war frei – und rein. Nie und nimmer kann er behaupten, daß ich ihn enttäuscht habe.“
„In gewissem Sinne haben Sie das doch getan. So, wie er Sie fand, mußte er annehmen, daß Sie noch nie einem anderen Manne angehört hatten.“
„Daß dies dennoch der Fall gewesen, was ändert das an meiner Person, an meiner Liebe zu ihm?“
„Sie sehen ja, daß es seiner Liebe einen Stoß versetzt hat.“
„Ja, das sehe und fühle ich.“
„Es ist eine große Enttäuschung, die er erlebt.“
„Diese Enttäuschung gibt ihm nicht das Recht, mich wie eine Dirne zu behandeln. Ich habe mich einem anderen Manne hingegeben, ja – aus Liebe und Mitleid habe ich es getan, und trotzdem bin ich rein geblieben, reiner wie manche andere, die vielleicht unberührt, aber mit unreinen Gedanken und unkeuschen Sinnen in die Ehe geht. […]“
(3)

„Also, was hat sie verbrochen? War sie dir untreu?“
„Natürlich! Sie hat sich einem anderen hingegeben – voll – ganz – mit Folgen – verstehst du?“
„Wann?“
„Bevor sie mich heiratete.“
„Als sie dich schon kannte?“
„I bewahre.“
„Das ist doch dann keine Untreue.“
„Sie hat doch aber den anderen geliebt – vielleicht liebt sie ihn auch noch.“
„Ich denke, sie hat dich aus Liebe geheiratet?“
„Das sagt sie. Weiß man, ob es wahr ist?“
„Deine Frau lügt nicht.“
Das klang so fest und bestimmt, daß Raßmussen erstaunt aufsah. „Aber – sie hat mir doch verschwiegen – “
„Verschweigen ist nicht lügen.“
„Sie ließ mich doch aber glauben – “
„Mit vollem Recht!“
„Bist du verrückt?“ Raßmussens Faust schlug auf den Tisch. „Du nimmst also ihre Partei?“
„Weder ihre, noch deine. Ich möchte dir nur meine Ansicht entwickeln. Also bitte, sprich weiter.“
„Was ist da noch viel weiter zu sprechen. Du hast es ja gehört, die Tatsache an sich genügt.“
„Diese Tatsache allein stempelt eine Frau noch nicht zur Lügnerin, nie zu einer Dirne. Zur Dirne wird sie nur, wenn sie heut dem, morgen jenem sich in die Arme wirft, oder wenn sie dirnenhaft denkt oder sich dirnenhaft hingibt. Eine verheiratete Frau, die nur einem einzigen Manne angehört, kann ebenso eine Dirne sein wie ein Weib, das sich öffentlich verkauft. Auf das Denken und Fühlen kommt es an, mein Lieber. Und dafür, daß deine Ursula rein denkt und fühlt, dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“
„Du bist verliebt in sie?“
„Rede keinen Unsinn.“
„O bitte – sie hat volle Freiheit – einer mehr oder weniger – das macht mir nichts aus.“
„Du solltest dich schämen.“
„Ich?? Das ist zum Lachen! Du verwechselst uns wohl? Sie ist es, die sich schämen muß. Aber sie tut es nicht – im Gegenteil – sie trägt den Kopf genau so hoch wie vorher.“
„Das muß dir ein Beweis sein, daß sie ein reines Gewissen hat.“
„Ein reines Gewissen? Gar keins hat sie. Im übrigen begreife ich nicht, wie du dich so über alle Moralbegriffe hinwegsetzen willst.“
„Moralbegriffe, die andere Menschen zu anderen Zeiten gemacht haben? Moralbegriffe, die zum Teil nur aus Bequemlichkeit, zum Teil nur beibehalten werden, um sich dahinter verschanzen zu können, wie du es soeben tust. Du gerade gehörst doch zu denen, die auf die Moral pfeifen! Ich möchte dich nur an die Zeit erinnern, als Waldmeyers Frau deine Geliebte war. Und nicht du allein standest in ihrer Gunst, zur selben Zeit hatte sie noch den kleinen Wormann. Ich erinnere mich nicht, daß dich damals Moral behinderte. Laß mich mit deinen Moralbegriffen zufrieden. Die am meisten davon sprechen, denen fällt es am wenigsten ein, sich nach ihnen zu richten.“
„Du willst Ursula also entschuldigen?“
„Wie kann ich entschuldigen, wenn ich keine Schuld sehe? Ihr volles Recht hat Ursula sich genommen, wenn sie sich einem Manne gab, den sie liebte. Du warst doch noch gar nicht in ihr Leben getreten, tja, sie konnte gar nicht wissen, ob sie noch jemals zu einem anderen Mann Liebe empfinden würde.“
„Aber, so denke doch – ohne Heirat – ein Mädchen aus gutem Hause – “
„Ich finde es grotesk, wenn gerade du so sprichst.“
(4)

Zum ersten Mal wird auch auf die finanzielle Abhängigkeit eingegangen, in die sich Frauen bei einer Verheiratung begaben. So versucht Ulla, Raßmussen zu verlassen, doch diese Absicht scheitert bereits an der einfachen Überlegung, wohin sie gehen soll. Die Rückkehr zu ihren Eltern ist keine Option, und ohne eigenes Vermögen ist nicht einmal die Unterkunft in einer Pension möglich.


(1) Verschenktes Leben, S. 195

(2) Die Sünderin, S. 39

(3) Ebenda, S. 74f.

(4) Ebenda, S. 86ff.


Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10

Jolanthe Marès – Die Schriftstellerin von Berlin W. Teil 5

„Und wieder sah er, wie Pflicht und Gewissen betäubt wurden von Trieben, die so stark waren, daß die Menschen sich ihnen besinnungslos hingeben mußten, mochten sie auch von schwindelnder Höhe zum Abgrund führen. Die Unerbittlichkeit von Vera Buchwalds Schicksal zeigte ihm, daß es kein Entrinnen gab und diese Schuld immer bestehen würde, solange menschliche Gesetze den göttlichen Trieb als ein Unrecht bezeichneten!“ – Uneheliche Mutterschaft in Mütterreigen und Das große Unrecht

Marès’ viertes Werk, Mütterreigen, ist kein Roman, sondern eine Episodensammlung um das Thema uneheliche Mutterschaft. So unterschiedlich die Mädchen und Frauen und ihre Situationen sind, vereint sie das eine gemeinsame Schicksal: Durch Empfängnis von der Gesellschaft ausgestoßen zu werden, „in demselben Augenblick, in dem sie ihre natürliche Bestimmung für die Gesellschaft erfüllen“, wie es Dr. Max Hirsch im Archiv für Frauenkunde(1) formulierte. Sei es die behütete Tochter, die von zwei Landstreichern vergewaltigt wird – die junge Köchin, die heimlich ihr Kind austrägt und es in der Angst vor Entdeckung unbeabsichtigt erstickt – die Adlige, die die aus einer kurzen Affäre mit ihrem Diener hervorgehende Schwangerschaft beendigt – die kindliche Fünfzehnjährige, an der sich deren Onkel vergeht – die Geliebte eines Bildhauers, die von ihm verlassen wird, weil ihr reifender Körper sein ästhetisches Empfinden verletzt – die Tochter aus gutem Hause, die nach Vergewaltigung durch ein Mitglied der „Gesellschaft“ und dessen Weigerung, sie zu heiraten, den Mut zum Selbstmord nicht aufbringt und ihr Kind abtreibt – die Mutter, die ihre Tochter aus der Verbindung mit ihrem gefallenen Verlobten als ehelich großgezogen hat und nun feststellen muß, daß deren Verehrer seinen Heiratsantrag nicht aufrechterhält, als er die Wahrheit erfährt – die junge, romantisch veranlagte Näherin, die auf einem alkoholseligen Maskenball ihrem Märchenprinzen begegnet und sich ihm hingibt, nur um später zu erkennen, daß sie ihrem Kind nicht einmal seinen Namen nennen kann – die Ehefrau, die, nachdem sie von ihrem Gatten nicht schwanger wird, diesem den ersehnten Erben in Gestalt eines Kuckuckskindes schenkt – die „moderne Ehefrau“, die kein Kind will, aber während eines Besuchs auf dem Lande bekehrt wird.

Mangels weiterer Behandlung der Thematik bleibt offen, ob Jolanthe Marès einen Abort im Falle von Vergewaltigung für gerechtfertigt hielt; die Notzuchtindikation existierte im damaligen § 218 noch nicht. Manches deutet darauf hin, daß sie die Problematik bei einer erblichen Veranlagung sah – daß das Kind eines Verbrechers das Verbrechen gewissermaßen in den Genen trug (womit die Berechtigung eines Aborts gegeben war). War sie dagegen der Meinung, das Kind sei unschuldig, so mochte sie der Abneigung der unfreiwilligen Mütter gegen das Austragen des Kindes zu begegnen glauben, indem sie die Gründung von Findlingsheimen befürwortete, in denen diese unerwünschten Kinder nach ihrer Geburt anonym abgegeben werden konnten.

Marès’ umfangsreichstes und ambitioniertestes Werk ist ihr 1919 veröffentlichter Sozialroman Das große Unrecht, in dem sie die Themen aus Mütterreigen erneut aufgreift und erweitert. Beworben wurde Das große Unrecht in Anzeigen und im Vorwort von Adele Schreiber als Auseinandersetzung mit dem § 218.(2) Dies entspricht zu einem gewissen Grade auch den Tatsachen, doch ist die Position des Protagonisten Dr. Fritz Meyer und der Autorin von vornherein deutlich. Das „große Unrecht“ des Titels bezieht sich nicht, wie oft irrtümlich angenommen, auf die Frage nach pro oder contra Abtreibung, sondern auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die – in Marès’ Interpretation – einen zutiefst unnatürlichen Zustand schaffen: Den Wunsch einer Mutter, ihr eigenes Kind zu töten. Im Gegensatz zu ihren übrigen Werken, in denen die Problematik sehr simplifizierend abgehandelt wird, geht Marès in Das große Unrecht auf viele zugrundeliegende Aspekte ein, so eben auch auf Abtreibung als mögliche Lösung, um größeres Leid zu verhindern. Für die Autorin jedoch kann es sich dabei immer nur um eine Notlösung handeln. Ihr Ziel geht zu einer Veränderung gesellschaftlicher Anschauungen, indem die Ächtung unehelicher Mutterschaft aufgehoben werde und somit „mehr und besseres Menschenmaterial“ entstünde.

Die erste Lebensregung des Kindes flößte der Mutter schauderndes Entsetzen ein, und sie verfiel dem mörderischen Verlangen, die Frucht im Keime zu zerstören wie ein schädliches Unkraut.
T o d dem Kinde!
Und warum?
Die Mutterschaft verfiel diesem mörderischen Wüten nur infolge der sozialen Mitleidslosigkeit, der Entsittlichung der Liebe und der Grausamkeit der Gesetze.
L e b e n dem Kinde!
Mitleid und Gnade den armen, verführten, im Namen der bürgerlichen Tugend gejagten und gepeinigten Mädchen und Frauen.
Wieviel Kraft, Gesundheit und Schönheit gingen hier verloren!
(3)

Neben den bereits bekannten schablonenhaften Gesellschaftscharakteren wagt sich Marès ausgerechnet in Das große Unrecht an humoristisch, fast persiflierend gezeichnete Figuren: Frauenarzt Fritz Meyer mit dem solide deutschen Namen, der aus armen Verhältnissen stammt und sich ehrgeizig in die feine Welt hinaufarbeitet, in der er völlig unerfahren ist, und dort „auf den Geschmack von Schönheit und Blumenduft“ kommt; seine Frau Lieschen Schmaddebeck, Tochter eines reichen Schuhwichsefabrikanten aus Perleberg, die eine simple Landei-Natur und simple Moralvorstellungen besitzt und die nach neuestem Chic eingerichtete Wohnung mit Häkelarbeiten dekoriert. Beide jedoch deuten in ihrer Art früh eine Rückkehr zur Natur an, wie sie bereits in „Fruchtbarkeit“ (Mütterreigen) gefordert wird – beide sind Fremdkörper in der moralisch und körperlich erkrankten Berliner Gesellschaft; mit dieser konfrontiert, namentlich dem als unnatürlich dargestellten Unwillen, Kinder zur Welt zu bringen, entwickelt Fritz den Wahn, die „Krankheit“ herauszuschneiden. Am Ende kehrt er Berlins fragwürdiger Gesellschaft den Rücken, um in ländlicher Umgebung zu praktizieren und seine Töchter langfristig vor ähnlichen Konflikten zu schützen.

Wie in ihren vorhergehenden Romanen appellierte Marès an die Verantwortung der Eltern und der Gesellschaft:

Und diese Frau hatte Kinder geboren! Aus dem gleichen Blut, das ihr zu eigen war. Mit siebzehn Jahren war die Tochter dem Verführer in die Arme gefallen, und der Sohn? Was würde aus ihm werden? Welche Triebe des Blutes würden sich bei ihm offenbaren?
Sollte das so weitergehen von Generation zu Generation?
Unrecht häufte sich auf Unrecht, wohin er sah.
Das größte Unrecht, das die Menschen begehen konnten, war das Unrecht an sich selbst.
Denn der Mensch war nicht nur er selbst, er war die kommende Generation. Ein Unrecht, an sich selbst begangen, war ein Unrecht gegen das neue Geschlecht.
(4)

Zum ersten Mal jedoch forderte sie dabei nachdrücklich tätiges Interesse statt Mitleid:

„Ich will ja nicht entschuldigen, Frau Lisa, aber begreifen – verstehen muß man auch diese Menschen können. Wie leicht ist es für eine Frau, an die nie eine Versuchung herangetreten ist, ein verführtes Geschöpf zu verurteilen. Wie leicht für einen Gesättigten, den Brotraub eines Hungernden zu verdammen! Seien Sie nicht hart, Frau Lisa, versuchen Sie, nach den Motiven einer Tat zu forschen, und dann erst sprechen Sie Ihr Urteil.“
Lieschen wehrte sich. „Ich bin nicht hart, aber wenn jemand ein Brot stiehlt, so begeht er einen Diebstahl.“
„Und wenn eine arme Frau das Brot stiehlt, um es ihren hungernden Kindern zu bringen? Selbst das Gericht hat ein Verständnis dafür.“
„Solche Fälle sind Ausnahmen.“
„Nicht für forschende Augen, Frau Lisa.“
„Wie können Sie verlangen, daß Lisa mit denselben Augen sehen soll wie Sie, Schwester Vera, die Sie Gelegenheit haben, in Menschenschicksale hineinzuschauen?“
Fritz sagte es mit einem leichten Vorwurf. „Wenn Lisa das Verständnis für die Vorgänge der menschlichen Seele auch mangelt, so bin ich doch der Meinung, daß ihr das weibliche Mitgefühl den richtigen Weg weisen wird.“
„Mit dem Mitgefühl allein ist es eben nicht getan! Ich will das Verständnis haben!“
„Das setzt ein Interesse voraus.“
„Nun ja, dieses Interesse verlange ich. Ich kann einen Menschen nicht verurteilen, von dem ich nichts weiß als eine einzige von ihm ausgeführte Tat. […]“
(5)

Der „weiblichen Bestimmung“ – Hingabe in der Liebe, Mutterschaft – widmete sie ihre besondere Aufmerksamkeit, gerade in Hinblick auf unverheiratete Mütter, die ihre Bestimmung erfüllten und dafür von der Gesellschaft geächtet statt geehrt wurden.

„[…] Nehmen Sie den Makel von diesen Müttern und Kindern, kommen Sie ihnen mit Barmherzigkeit entgegen, und Sie werden viele Verbrechen verhüten.“ […]
„Was Sie da verlangen, ist einfach unmöglich, Schwester Vera.“
„Ich stehe auf dem Standpunkt der verzeihenden Nächstenliebe.“
„Indem Sie von Verzeihen sprechen, erkennen Sie schon eine Schuld an.“
„Ich sprach im Sinne der Gesellschaftsordnung. Aber Sie haben recht. Sprechen wir nicht von einer Schuld. Sprechen wir nur von der Liebe von Mensch zu Mensch.“
„Die Gesellschaft muß darauf sehen, die Begriffe von Sitte und Moral reinzuhalten.“
„Sehr richtig, Herr von Thalenhorst,“ erwiderte Thea Hollmann, „eine Gleichberechtigung der unehelichen Mutter wäre eine Herabsetzung der Frau und Gattin.“
„Da gehen Sie doch wohl zu weit, gnädige Frau. Eine Frau, die ihre Mutterpflichten erfüllt, steht in meinen Augen so hoch da, daß sie überhaupt durch nichts herabgesetzt werden kann […].“
(6)

Sie schlug Lösungsansätze vor:

„Zunächst müßten alle unehelichen Mütter das Recht haben, sich Frau zu nennen.“
„Das wäre ein Anfang,“ nickte Kurt Heinemann.
„Dann, Einrichtung von Instituten, in denen Mütter, die nicht fähig sind, sich und das Kind zu ernähren, die Kinder abliefern könnten. Ungefragt, ungesehen. Allerdings verlören sie dann das Recht auf ihr Kind.“
„Solche Häuser wären ein Segen.“
„Und dann natürlich Gleichberechtigung der unehelichen Kinder, die in den Händen der Mutter bleiben, vor dem Gesetz.“
(7)

In Abwesenheit solcher Lösungen verdammte Marès auch Abtreibung nicht von vornherein, wies jedoch gleichzeitig auf die Widersinnigkeit eines solchen Eingriffes hin, auf die Heuchelei der Gesellschaft und der Gesetzgeber, die durch ihre Moralvorstellungen Abtreibung geradezu förderten, bei Bekanntwerden bestraften und sich selbst wertvollen Nachwuchses beraubten.

Erschüttert sah Fritz Meyer auf die Sterbende. Wieder hatte das Verhängnis seinen Lauf genommen. Ein junges, blühendes Menschenleben war vernichtet. Wenn er geholfen hätte, würde sie weiterleben. […]
Mitschuldig war er geworden an ihrem Tod, aber sein Gewissen war frei von Schuld, denn das Gesetz sprach ihn frei.
Das Gesetz verlangte diesen Tod!
(8)

„Es ist kein Mitleid, Vera, das mich zweifeln läßt. Es ist nur die Pflicht, Menschenleben zu erhalten. Ich leide unter diesem Zwiespalt. Das Bestreben, ein Menschenleben zu erhalten, kostet so oft zwei. […]“(9)

Auch die Schuld des Mannes machte sie erneut deutlich:

Wieder eine Seele auf den Weg des Verbrechens getrieben! Einem gewissenlosen Menschen in die Hände gefallen, mußte sie schuldig werden, um der Schande und übler Nachrede zu entgehen.
Und er dachte an die andere, die vor einigen Tagen bei ihm gewesen war, um das gleiche Ansinnen an ihn zu stellen. Auch sie war zum Verbrechen bereit.
Er hatte sie von sich gewiesen.
Hatte er recht gehandelt?
Würde seine Weigerung sie hindern, den einmal gewählten Weg zu gehen? […]
Hatte er sie durch seine Pflichterfüllung in den Tod gejagt? Gab es nicht auch ein Gebot, das keimende Leben zu vernichten, wenn das Leben der Mutter in Gefahr war? Das Leben dieser und jener – war es nicht bedroht? Bedroht durch ihren eignen Willen? Hier fing die Schuld an. […]
Er blieb frei von Schuld, jene aber würden schuldig werden. Sie waren entschlossen, ihr junges Leben zum Opfer zu bringen, wenn man sie nicht von dem befreite, was ihnen Entsetzen einflößte. Mord oder Selbstmord. Es blieb ihnen keine andere Wahl.
Wer trieb sie dazu?
„Das Leben des Kindes ist in unsere Hand gegeben. Es ist
u n s e r Kind. In diesen Fällen absolut nur Kind der F r a u. Sie kann damit machen, was sie will. Ja, sie hat das Recht, das Kind zu töten.“ An diese Worte Vera Buchwalds mußte er jetzt denken. Der Mann fühlte sich ledig aller Verpflichtungen und die Frau nur sollte Bürde und Lasten auf sich nehmen? Fing die Schuld nicht bei dem Manne an?
(10)

„Sie nennen mich eine Mörderin und bedenken nicht, daß ich es bin, die Morde verhindert! Ist es nicht eine barmherzige Tat, wenn ich beklagenswerten, verführten Mädchen und ehebrecherischen Frauen helfe? Wenn ich den Keim zum Absterben bringe, so begehe ich keinen Mord. Noch niemals, das schwöre ich Ihnen, ist ein Kind, das unter meinen Händen lebensfähig das Licht der Welt erblickte, von mir umgebracht worden. Was aber würde geschehen, wenn ich diesen verzweifelten Frauen nicht helfen würde? Was würde aus all den Arbeiterinnen und Dienstmädchen, die mir schwören, daß sie ihr Kind töten wollten, wenn ich ihnen nicht helfe? Würden da nicht erst Mörderinnen entstehen und sich die Zahl der Kindesmorde verdoppeln? Würden da nicht erst Verbrechen geschaffen, grausiger als das, was Sie für ein Verbrechen ansehen? Ich sage Ihnen, daß es eine gute Tat ist, diese bis an den Rand der Verzweiflung getriebenen Frauen von ihrer Last zu befreien. Wenn Sie jemand zur Verantwortung ziehen wollen, so suchen Sie die Verführer, die die armen Mädchen verlassen haben, die reichen Liebhaber, die von nichts wissen wollen, wenn sie eine Frau in Schande gebracht haben, an die müssen Sie sich wenden, Herr Doktor. Sie sind es, die das Unrecht begehen.“(11)

Neu in ihren Werken sind Marès’ Gedanken zur Bevölkerungspolitik. Zurückgehende Geburtenzahlen waren bereits einmal ein Thema, doch in Das große Unrecht formuliert sie zum ersten Mal wesentliche Unterscheidungsmerkmale. Wie 1931 in der angeheizten Debatte um Abschaffung des § 218 gerade von kommunistischer und sozialistischer Seite betont werden würde, war es die Arbeiterschicht, die statistisch gesehen mit 6 Kindern pro Familie die höchste Geburtenzahl aufwies, während es der Mittelstand auf 3,8 und die Oberschicht auf gerade 2,7 brachte.(12)

„Es werden täglich soviel Kinder geboren. Man braucht nur durch die Straßen der Vorstädte zu gehen, da tritt man förmlich auf die kleinen Proletarier. Sie fangen schon an überhandzunehmen.“
„Da könnten die oberen Kreise ja dafür sorgen, daß dies nicht geschieht, indem sie ebenfalls viele Kinder in die Welt setzen.“
„Ich für mein Teil verzichte auf Konkurrenz,“ und Thea rümpfte die Nase. „Die Zeiten haben sich eben auch überlebt, Herr Professor. Eine Frau von heute hütet sich, fünf oder sechs Kinder in die Welt zu setzen! […]“
(13)

In Hinblick auf die Volksgesundheit unterstützte Marès dagegen sowohl Abtreibung als auch Kinderlosigkeit.

„Liebe Schwester, glauben Sie mir, ich habe keene Angst vor der Arbeit, die noch ein fünftes macht, und keene Angst vor dem Durchfüttern. […] Aber der Saufbold von Mann – – das Kind wird ja blödsinnig sein! Die anderen sind schon ganz traurige Dinger, eines blöder als das andere – und nun dieses – und dazu noch der Fußtritt – – Schwester, helfen Sie mir doch – was nützt denn so ein Mensch – der verkommt ja doch man – –“ Die Schmerzen überwältigten sie und sie konnte nicht weitersprechen.
Vera versuchte sie zu trösten. „Ich glaube, Sie sehen Gespenster, Frau Lehmann, lassen Sie uns das Kind erst mal anschauen, es ist gar nicht ausgeschlossen, daß es ein gesundes Kind sein wird, an dem Sie Freude haben können.“
Frau Lehmann lachte auf. „Erst mal sehen! Na, den Trost kennen wir ja schon. Und wenn die anderen ‚gesehen’ haben, dann kann unsereins sehen, wie er mit so ’n Balg zurechtkommt […].“
(14)

„Der heilige Zweck der Ehe ist doch, gesunde Lebewesen in die Welt zu setzen, nicht Krüppel, die an den Sünden der Eltern zugrunde gehen, und was noch schlimmer ist – die Sünden der Eltern fortpflanzen.“
„Ich kann Ihren Ausführungen nur beipflichten, Herr Kollege. Aber wer soll entscheiden, ob einer gesund und somit heiratsfähig ist? Die meisten Menschen wissen ja selbst nicht, ob sie gesund sind. Wer begibt sich denn, bevor er heiratet, zum Arzt und fragt ihn, ob er heiraten darf?“
„Und doch bin ich der Meinung, Herr Professor, man müßte mehr dagegen arbeiten, daß kranke Menschen eine Ehe eingehen.“
„Nützt nichts, Herr Kollege. Es läßt sich doch niemand abhalten, ich habe das schon zu oft erlebt. Nein, ich wäre dafür, gegen die Ehe nichts einzuwenden, ihnen aber das Kinderzeugen zu verbieten. Auf diesem Wege läßt sich eher etwas erreichen.“
(15)

Was sich bei dieser Überlegung jedoch geradezu zynisch ausnimmt, ist Marès‘ Meinung, eine Frau, die keine Kinder bekomme, erfülle nicht nur ihre weibliche Bestimmung nicht, sondern werde krank. Wie sich dieser Widerspruch zur geforderten Kinderlosigkeit kranker Frauen verhält – bei Kranken kann man nichts mehr kaputtmachen? –, erklärt sie leider nicht.

„[…] Jeder Mensch wird doch als gesundes Kind geboren.“
„Das ist durchaus nicht der Fall. Im Gegenteil. Die meisten Kinder bringen die Keime ihrer Krankheiten schon mit auf die Welt. Vererbung, das ist die Wurzel des Übels. Die Kinder werden aus dem Blut der Eltern geschaffen, ist dieses schlecht und unrein, können keine gesunden Kinder entstehen.“
„Das ist ja aber schrecklich. So sollten nur gesunde Menschen heiraten.“
„So s o l l t e es sein. Aber, was meinst du, Kind, wie wenige dürften da heiraten.“
„Weißt du, Fritzi –“ Lieschen flüsterte und sah schüchtern zu ihrem Manne auf, „ich habe gehört, wenn man nicht will, braucht man kein Kind zu bekommen – es gibt Mittel –“
„Da hast du den wunden Punkt, das ist das Schlimmste für die Frauen! […] Das ist es ja, was uns die Frauen krank und siech macht, die Verhütung des Kinderkriegens! Zum Donnerwetter, dazu ist die Frau doch da! Von der Natur ist sie zur Trägerin der Generation bestimmt, sie hat sich ihrer Bestimmung nicht zu entziehen, aus keinem Grunde.“
„Aber du sagtest doch eben, die kranken Frauen –“
„Sollten nicht heiraten, um keine Kinder in die Welt zu setzen. Ganz recht. Auf dem Standpunkt beharre ich auch. Das sind faule Reiser am Baum des Lebens, die kein Recht haben, ihre Fäulnis dem gesunden Saft einzuflößen, sie sollen der Fortentwicklung fernbleiben. […]“
(16)

Guter Ansatz, aber in Bezug auf den Inhalt von Lilli, Lillis Ehe und Das große Unrecht sehr mangelhaft recherchiert: Budke/Schulze, Schriftstellerinnen in Berlin 1871 bis 1945. (Zum Vergrößern auf das Bild klicken.)


(1) lt. Mütterreigen; ein bibliographischer Nachweis konnte bisher nicht erbracht werden.

(2) Daher wohl auch die Falschdarstellung in Schriftstellerinnen in Berlin 1871 bis 1945 von Petra Budke und Jutta Schulze.

(3) Das große Unrecht, S. 153f.

(4) Ebenda, S. 290

(5) Ebenda, S. 308f.

(6) Ebenda, S. 202f.

(7) Ebenda, S. 205

(8) Ebenda, S. 229

(9) Ebenda, S. 312

(10) Ebenda, S. 225f.

(11) Ebenda, S. 150f.

(12) Krey, Franz: Maria und der Paragraph. Berlin u. a.: Internationaler Arbeiter-Verlag, 1931

(13) Das große Unrecht, S. 126f.

(14) Ebenda, S. 170

(15) Ebenda, S. 120f.

(16) Ebenda, S. 34f.


Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10

Jolanthe Marès – Die Schriftstellerin von Berlin W. Teil 4

„Also einpacken, nach Hause fahren. Stillsitzen und die Versorgung erwarten in Gestalt eines Hauptmanns. Von Garnison zu Garnison ziehen, Kinder bekommen, Wirtschaft führen.“ – Das selbstbestimmte Leben emanzipierter Frauen in Begierde

Zweifellos eines ihrer besten Werke ist Marès’ dritter Roman, Begierde.(1) Die Handlung folgt drei Protagonistinnen auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes, wenn auch nicht vollends glückliches Leben. Ebba Holm ist von ihrem spielsüchtigen Ehemann verlassen worden und nach Berlin gezogen, wo ihr Bruder Lukas Westphal lebt. Dennoch sieht sie wenig von ihm und seiner Familie; Lukas ist von den Anforderungen seiner Karriere eingefangen, seine Frau Thea geht im gesellschaftlichen Repräsentieren auf, die gemeinsame Tochter Inge ist ein „moderner“ Backfisch ohne moralischen Halt – das klassische Modell der kritisierten „Gesellschaftsfamilie“, wie es auch in Lilli auftaucht. Ebba nimmt sich Inges an, und es gelingt ihr, das Herz des jungen Mädchens zu gewinnen. Nach und nach findet auch Lukas seinen Ruhepol in Ebbas Heim. Nur Thea weigert sich, auf Vergnügungen und Vereinspositionen zu verzichten. Als Lukas’ finanzielle Lage prekär wird, verläßt sie ihn mit einem Liebhaber, den sie wiederum – wie die Gerüchteküche einige Monate später zu berichten weiß – nach Spielverlusten für einen schwerreichen Russen sitzenläßt, der sie mit nach St. Petersburg nimmt. Ebba findet ihr Glück als Ersatzmutter ihrer Nichte und in der Leitung von Lukas’ Haushalt.
Gerda von Wangenheim, eine junge Aristokratin, ist nach harten Kämpfen mit ihrer standesbewußten Familie nach Berlin gekommen, um sich zur Konzertsängerin ausbilden zu lassen. Obwohl ihr das Anbiedern an die Gesellschaft widerstrebt, sieht sie ein, daß sie als unbekannte Anfängerin Werbung benötigt. Sie gibt einige private wie öffentliche Auftritte, doch gefeiert wird in erster Linie ihr schönes Äußeres; Kritiker bescheinigen ihr lediglich die Notwendigkeit weiteren Studiums. Als überraschend Gerdas Vater stirbt, versiegen ihre Mittel, ihre Ausbildung fortzusetzen. In dieser Lage bietet sich Kurt Winkelmann an, der seit langem in scheinbar hoffnungsloser Leidenschaft zu Gerda entbrannt ist und sie mit seinem großzügigen Kredit nun endlich für sich zu gewinnen hofft. Gerda akzeptiert sein Geld zunächst, doch als er sich in einem seiner zunehmend unbeherrschteren Momente zu Tätlichkeiten gegen sie hinreißen lassen will, bricht sie jeden Kontakt zu ihm ab. Sie wendet sich an den Kommerzienrat Menders mit der Bitte um Kredit, um Winkelmann auszahlen zu können, doch auch dieser verlangt als Gegenleistung sexuelle Gefälligkeiten. Derart vor die Wahl gestellt, sich um ihrer Kunst willen zu verkaufen, sich ins Privatleben zurückzuziehen und auf eine standesgemäße Partie zu warten oder aber ihrem hohen Ziel zu entsagen, entschließt sich Gerda, ihren Traum, eine große, seriöse Künstlerin zu werden, aufzugeben. Sie akzeptiert ein Angebot ans Varieté und sichert sich damit finanzielle Unabhängigkeit.
Die Bildhauerin Lotte Wunsch (der Name ist nicht von ungefähr gewählt), mit 38 Jahren in jener Zeit bereits eine alternde Frau, ist seit einem versuchten sexuellen Übergriff durch ihren früheren Lehrmeister nicht in der Lage gewesen, eine Beziehung zu einem Mann einzugehen. Nur zu deutlich nimmt sie die überall herrschende „Begierde“ des Romantitels wahr: Die Gier nach Leidenschaft, nach Liebe, nach Erfolg, nach Geld, nach Besitz schlechthin. Erst als der Architekt Paul Gehring in ihr Leben tritt, verspürt sie den Willen, die Dämonen der Vergangenheit auszutreiben. Sie beginnt an einer Skulptur zu arbeiten, die den Menschen einen Spiegel ihrer Begierden vorhalten soll. Gehring jedoch, als er die Gorgo zum ersten Mal sieht, erkennt, wie eng Lottes Leben mit ihrer künstlerischen Begabung verbunden ist. In der Furcht, nur eine zweite Rolle spielen zu müssen, gibt er Lotte frei, ohne sich bewußt zu sein, daß er sie damit gestrandet zurückläßt. Lottes eigenes Begehren ist längst geweckt; von dem geliebten Mann verlassen, sehnt sie sich nun wenigstens nach einem Kind. Sie stürzt sich in eine rauschhafte Beziehung zu dem Maler Arno Stürmer (auch hier ist der Name Programm) und wird von ihm schwanger; danach trennt sie sich von ihm, um ihr Leben von nun an ihrem Kind und ihrer Kunst zu widmen.

„Der Schrei nach dem Kinde“ war in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ein stehender Begriff geworden und taucht als solcher auch in Begierde auf: Der Wunsch berufstätiger, ungebundener Frauen nach einem Kind, der sich aufgrund geltender Moralvorstellungen nicht oder nur unter Erbringung von Opfern verwirklichen ließ. Jolanthe Marès hieß diesen Wunsch als sowohl dem ureigensten Beruf der Weiblichkeit als auch dem Wohl des Volkes entsprechend gut(2), war sich jedoch der Schwierigkeiten bewußt. Daher engagierte sie sich in der Bewegung zur Gleichstellung lediger Mütter und widmete ihre nächsten zwei Bücher dieser Thematik.

Begierde schließt mit der Hoffnung, aus dem Leid des zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung tobenden Ersten Weltkrieges möge eine bessere Welt hervorgehen:

„Gesunder Egoismus! Egoismus ist immer ungesund, ist nichts weiter als Eigennutz und Rücksichtslosigkeit. Der Egoismus der heutigen Zeit, das ist die Wurzel des Übels. Der Egoismus regiert die Welt. Er ist es, der Freundschaft, Liebe, Gefühl, der das religiöse Empfinden aus der Welt verdrängt hat. Er ist es, der die Menschen lehrt, sich schrankenlos ihren Begierden, ihren Leidenschaften hinzugeben.
Auch ich, meine Herren, bewundere die Errungenschaften unserer Zeit, soweit sie auf dem Gebiete der Technik und der Wissenschaften beruhen, aber ich beklage tief, daß über diesen Errungenschaften die Ideale und die Gefühlswelt versinken mußten.
Oder halten Sie es wirklich für wertvoller, daß statt dessen der Materialismus und der Atheismus an die Spitze getreten sind?
Wir leben in einer Zeit eminenter Entwicklungen des Hirns auf Kosten der Seele!
Schaffen Sie Gefühlswerte statt der Erfindungen, meine Herren, wenn Sie nicht wollen, daß eine Welt zusammenstürzt. Bekämpfen Sie den Materialismus, den Kultus der eigenen Persönlichkeit! Nehmen Sie den Kampf auf mit Ihrem eigenen Ich. Vielleicht bedarf es nur eines kräftigen Willensaktes – und aus Zerstörern – werden Erbauer!“
„Wie kann man von Zusammenbruch sprechen angesichts der Kulturwerte, die unsere heutige Zeit geschaffen?“
„Der höchste aller Kulturwerte, das ist die Entwicklung der Gefühlswelt, die Sie aus der Welt schaffen wollen. Schon zu tief umstrickt von Eigennutz und Selbstsucht sind die Menschen. Sie sehen nicht die Furien, die ihnen entgegenrasen, sie hören nicht den Orkan, der ihnen entgegentobt. Blind und taub wüten sie ihm entgegen. Und er wird sie einhüllen in Leid und Schmerzen, in Jammer und Not. Ich sehe die Menschen eingehüllt in purpurne Wolken und in tiefe, nachtschwarze Schatten. Schreien und Wehklagen ist in der Luft. Feurige Blitze zucken, Donnergebrüll rast durch das All. –
Ich aber freue mich. Ich werde lachen, wie – ‚Der Mensch’ – lacht“, und seine ausgestreckte Rechte wies auf das aus dem grünen Blätterwerk hervorragende Ungeheuer, sein Blick wurde hell und prophetisch: „Denn aus Trümmern und Gebein – aus Blut und Asche wird etwas geboren werden – geboren vom unerbittlichen Schicksal – höherstehend als alle von Menschen geschaffenen Kulturwerte – daraus geboren wird:
die Seele der Menschheit!“
(3)


(1) Titelzusatz war zunächst „Ein Berliner Roman aus der Zeit vor dem großen Kriege“, was sich in den Auflagen ab dem 21. Tausend (ca. 1921) in „Ein Berliner Roman“ verkürzte.

(2) Ein gesellschaftliches Schreckgespenst waren bereits damals sinkende Geburtenzahlen. In Das große Unrecht ging Marès verstärkt auf diese Thematik ein.

(3) Begierde, S. 254ff.


Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 5
Teil 6
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Teil 8
Teil 9
Teil 10

Jolanthe Marès – Die Schriftstellerin von Berlin W. Teil 3

„Ich lachte ihn aus und sagte ihm, ob er nicht den Aufsatz im Lokalanzeiger gelesen hätte: ‚Mädchen, die man nicht heiratet’. Das sind nämlich wir, wir Mädchen von Berlin W, wir seien leichtsinnige, oberflächliche Geschöpfe, die nur Sinn und Interesse für Kleider und Männer hätten, ‚verstehen Sie wohl, für Männer – und so etwas heiratet man nicht!’“ – Die Mädchen und Frauen von Berlin W in Lilli und Lillis Ehe

Marès’ Erstlingswerk und Bestseller, der Briefroman Lilli, zeigt in seiner Technik noch typische Anfängermängel, besticht jedoch durch seine folgerichtige und dank der jungen, pathoslosen Stimme seiner Erzählerin umso grausameren Schilderung eines „gefallenen Mädchens“. Er wurde vorübergehend von der Zensur beschlagnahmt, jedoch bald für den Handel freigegeben; Lilli erreichte sechsstellige Verkaufszahlen.

Die siebzehnjährige Lilli Stein kehrt voller idealistischer Pläne aus einem Dresdner Pensionat in ihre Heimatstadt Berlin zurück. Sehr schnell jedoch muß sie feststellen, daß das Leben im Elternhaus keineswegs ihren Vorstellungen entspricht; ihr Vater ist mit seiner Arbeit beschäftigt, die Mutter geht im gesellschaftlichen Leben auf. Trotz Lillis wachem Blick für die sie umgebende Doppelmoral der „guten Gesellschaft“ wird sie nach und nach in den Strudel ihres Umfeldes hineingezogen, schließt Freundschaft mit Suse Wolf, einer jungen Lebedame, und erfährt durch deren Einwirken eine erste sexuelle Beziehung, deren kaltherziger Verlauf das nach Idealen strebende Mädchen tief verletzt. Doch fast zwangsläufig folgen weitere Abenteuer. Während eines Sommerurlaubs lernt Lilli den jungen Leutnant Hans von Schöneich kennen, der für sie zunächst nicht mehr als ein weiterer Flirt ist, doch Hans’ ehrliche Liebe zu ihr findet bald Erwiderung. Aus Angst vor seiner Prinzipientreue verschweigt Lilli ihr Vorleben; Andeutungen darauf will Hans nicht verstehen.
Suse Wolf entschließt sich nach dem Selbstmord eines Verehrers, dem sie insgeheim wahre Gefühle entgegenbrachte, zu einer „Gesellschaftsheirat“, macht ungeachtet ihres Rufes eine glänzende Partie und sagt sich um ihrer neuen Stellung willen von ihrer Vergangenheit los.
Trotz ihrer Liebe zu Hans fällt Lilli durch die räumliche Distanz zwischen ihnen (Hans ist nicht in Berlin stationiert) immer wieder in ihr altes Leben zurück. Die Katastrophe, die sie herannahen sieht, trifft schließlich ein, als Hans bei einem Besuch in Berlin von ihren Liebhabern erfährt und sich von ihr lossagt. In ihrer Verzweiflung begeht Lilli einen Selbstmordversuch, der jedoch scheitert. So faßt sie den Entschluß

O, nie wieder mit dem Herzen lieben, – immer auf der Oberfläche bleiben, ja, so ist es recht, Suse, wie klug bist du!(1)

Die Erzählung endet, als sie sich mit Dr. Goldmann, ihrem ersten Liebhaber, zu einem Stelldichein verabredet.

In dem Assessor, dem „weißen Raben“, verkörperte Marès das Gewissen des Romans, erklärte jedoch nicht die Unlogik, daß dieser der erste Mann ist, der Lilli auf der Straße anspricht (was gleichbedeutend war mit einer Aufforderung zum Flirt oder sexuellen Abenteuer), und in späteren Gesprächen die leichtlebigen Damen der Gesellschaft, die sich auf der Straße ansprechen lassen, kritisiert.

„Sie meinen die Freiheit der Sitten! Darin finden Sie doch wohl Ihren Genuß?“
„Sollten Sie von dieser Freiheit nicht auch profitieren, Herr Assessor?“
„Nein, mein gnädiges Fräulein, und abermals nein! Für diese holde Weiblichkeit, diese feschen und modernen jungen Damen, welche in der Lästerallee im Zoo und in der Tauentzienstraße ihre Körperreize zur Schau stellen, deren Hauptbeschäftigung im Flirten, Lieben und Sichliebenlassen besteht, für diese Töchter der anständigen Gesellschaft habe ich nichts übrig.
Ich bitte Sie, Reize, die öffentlich zur Schau gestellt werden, Frauen, die sich dem Manne anbieten, die suche ich mir anderwärts!“
„Sie urteilen hart, Herr Assessor, ganz so schlimm ist es nun doch nicht.“
„Es ist so, wie ich Ihnen sage, glauben Sie mir, mein Urteil ist das Resultat meiner und meiner Freunde Erfahrungen. Ein großer Teil junger Damen aus den Gesellschaftskreisen steht der Demimonde in nichts nach.“
„Oha, Herr Assessor, wie können Sie so etwas behaupten!“
„Ich will es Ihnen beweisen. Sehen Sie sich die heutigen jungen Damen an, wie sie sich herausfordernd und auffallend kleiden, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß eine Demimondaine sich diskreter anzieht. Wie sie sich benehmen, mit Blicken den Mann anlocken, sich von jedem ansprechen lassen; ich versichere Sie, ich brauche nur ein einziges Mal die Tauentzienstraße herunterzugehen, da könnte ich zehn solcher jungen Damen haben, die anstandslos mit mir gingen, ein Drittel davon gleich mit in meine Wohnung! Oh, ich weiß, viele Männer, die davon profitieren, wie Sie selbst sich vorhin ausdrückten, gnädiges Fräulein. Männer, die es vorziehen, ihre Sinne mit diesen ‚Damen’ zu befriedigen, weil es bequemer und billiger, ist! – ja, billiger, so drückte man sich aus! Sehen Sie, ein ‚Dämchen’ kostet Geld, und es ist manches andere noch mit in den Kauf zu nehmen; aber eine ‚Dame’ tut alles aus ‚Liebe’!
Bitte fahren Sie nicht auf, natürlich trifft es nicht allemal zu, es läuft auch mal ein bißchen wirkliche Liebe mit unter, aber im allgemeinen führt diese Menschen doch nur die Sinnlichkeit zusammen, und sie frönen nur der Lust. Und dies alles unter dem Deckmantel der anständigen Frau, welche die Nase rümpft über jene, die nicht zur Gesellschaft gehört und die sich dem Manne für Geld hingibt!
Nein, meine Gnädigste, von dieser Freiheit und Ungebundenheit werde ich nicht profitieren, ich habe eine Schwester, und dies allein würde mich hindern, einer Dame, welche dem Schein nach zur Gesellschaft gehört, anders entgegen zu treten, als ich von jedem Manne verlangte meiner Schwester gegenüber.“
„Nach dem Bilde, welches Sie entwerfen, Herr Assessor, würde ja der größte Teil der Frauen zu den Kokotten zu zählen sein.“
„Pardon, Gnädigste, das trifft zum Glück nicht zu, aber ein großer Teil bestimmter Kreise im sogenannten Berlin W ist angefressen von Sittenlosigkeit, und darum, daß nicht der ganze Westen verseucht werde, müssen die besseren Elemente entschieden Front dagegen machen, denn so etwas wirkt ansteckend, sehr ansteckend!“
„Das soll auf mich gehen, Herr Assessor.“
„Bitte, gnädiges Fräulein, ich habe das nicht so gemeint, aber lassen Sie uns einmal dabei bleiben. Sind Sie nicht ein anderer Mensch als Sie vor einem Jahre waren, und wer oder was hat Sie dazu gemacht?“
„Nun ja, man ist bekanntlich immer ein Produkt seiner Umgebung, aber lassen wir bitte mich aus dem Spiel.“
„Nein, gnädiges Fräulein, ich bitte, bleiben wir gerade bei Ihnen. Vor Jahresfrist kamen Sie wohlerzogen und gesittet, voller guter Vorsätze nach Berlin, und was ist heute aus Ihnen geworden? Eine junge Dame, welche nur ihrem Vergnügen nachgeht, welche die Vormittage ihrer Körperpflege und Toilettenfragen widmet, nachmittags abwechselnd Teebesuche macht, auf den Straßenbummel geht, ihren Freund besucht, auch wohl Sport treibt und abends auf Gesellschaften und ins Theater geht, um neue Flirts anzubahnen. Bitte, habe ich nicht recht? Ist dies nicht Ihr jetziges Leben? Oberflächlich und inhaltslos!“
„Inhaltslos kann ich nicht sagen!“
„Der Inhalt sind die kleinen Abenteuer, welche die Damen sich vor und außerhalb der Ehe leisten, ich weiß! Sehr verlockend für uns Männer, eine Ehe einzugehen!“
„Das sagen Sie, Herr Assessor!“
„Ja, leider gibt es auch Männer, die anders denken, denen es nur um die Mitgift zu tun ist!“
„Nach Ihrer Ansicht dürfte also ein Mann ein Mädchen mit einer Vergangenheit niemals heiraten?“
„Das will ich nicht sagen. Das kommt ganz auf den Fall an. Nehmen wir an, ein Mädchen hat sich dem Manne, welchen sie liebt, ich möchte betonen, den sie wirklich liebt, hingegeben; die Verhältnisse gestatten keine Heirat, die beiden kommen auseinander; niemals würde ich in einem solchen Falle Anstoß an dem nehmen, was war. Ich verurteile nur diese Verhältnisse, welche aus Frivolität oder purer Sinnlichkeit geschlossen, und Frauen, die heute sich dem einen hingeben, um morgen mit einem anderen anzubändeln, Frauen, die keine Moral und keine Sitte haben, die ich nicht anders bezeichnen kann als Kokotten der anständigen Gesellschaft. Wie kann man eine solche Frau zur Mutter seiner Kinder machen wollen!“
(2)

Wieder und wieder betont sie den Einfluß und damit die Verantwortung der Männer auf und für das Verhalten der Frauen:

„Bekehren Sie alle Männer zu Ihrer Ansicht, nehmen Sie Ihnen einen Schwur ab, kein Mädel aus Berlin W anzurühren, weder Flirt, geschweige denn eine Heirat einzugehen, sie einfach zu ignorieren, – ich garantiere Ihnen, daß Sie innerhalb eines halben Jahres nur sittsame und wohlanständige Mädchen finden werden.“
„Das wäre allerdings ein Radikalmittel! Die lieben süßen Mädels aushungern, einfach aushungern!“
„Bei der Schwachheit des männlichen Geschlechts wohl kaum ausführbar.“
„Ich fürchte auch.“ […]
[„I]ch bleibe dabei, wir werden uns so kleiden, uns so benehmen, wie es den Männern gefällt, sobald wir Mißerfolge haben, werden wir uns ändern! Sie begreifen gar nicht, was ich damit der Männerwelt für Zugeständnisse mache. Dem Manne gefallen, darauf läuft es hinaus, und darauf bauen Sie auf.
Sie können nicht verlangen, daß wir uns um einen einzigen umwandeln sollen, die Mehrheit entscheidet, wir sind nun eben von dieser Mehrheit umgeben […].“
(3)

„Sehen Sie, Lilli, […] das ist es ja, was uns junge Mädchen so weit gehen läßt. Die Männer wissen ja ganz genau, wie es um uns bestellt ist und heiraten uns doch! Ja, wenn das nicht der Fall wäre, wenn alle Männer sich dagegen wehren würden, glauben Sie mir, dann gäbe es nur weißgewaschene Jungfrauen, denn heiraten wollen sie doch alle, wenn es viele auch bestreiten.“(4)

Eine interessante Theorie ist der Zusammenhang zwischen Aufklärung sowie sicherer gewordenen Abtreibungsmethoden bzw. dem Zur-Verfügung-Stehen abtreibungswilliger Ärzte für die „Gesellschaft“ und der neugefundenen sexuellen Freiheit der Frauen, lange vor den „wilden 20ern“:

„Sage mir, Salome, wie kommt es, daß Ihr modernen jungen Mädchen so sicher seid, keine Kinder zu bekommen.“
[„M]an weiß doch Bescheid, es gibt ja Mittel genug, sich zu schützen, die Aufklärung greift doch jetzt in jedes Gebiet ein, und wir machen uns das zunutze!“
„Wei[ß]t Du, ich glaube, dieses leichte über das Kinderkriegen Hinweghüpfen können mag wohl eine starke Triebfeder sein, die Euch so weit gehen läßt. Früher schreckte man vor der völligen Hingabe zurück, aus Angst vor dem Kinde, heute kennt man eine Furcht nicht mehr.“
(5)

Aushangfotos zur Verfilmung von Lillis Ehe (zum Vergrößern auf die Bilder klicken).

Der Fluch aller erfolgreichen Werke ist zweifellos die Fortsetzung. In Lilli treibt Suse Wolf das Kind des einzigen Mannes, den sie lieben könnte, ab und heiratet trotz ihres Leumunds in adlige Kreise. Lilli Stein verliert den Mann, den sie liebt, durch eigene Schwäche und lebt daraufhin lustiger drauflos denn je. In dieser seiner Beschreibung des Niederganges vielversprechender junger Menschen ist der Roman eindrucksvoller, als es jedes moralisierende Ende vermocht hätte.
Sei es, weil der Verlag auf dem Erfolg von Lilli aufbauen wollte, weil gerade das fehlende moralisierende Ende kritisiert wurde oder weil Jolanthe Marès selbst dieses nachreichen wollte, um ihre Position deutlich zu machen – was folgte, war eine Fortsetzung, die es nicht hätte geben sollen. Lillis Ehe hat als eigenständiges Werk unbedingt seine Berechtigung in Marès’ gesellschaftskritischen Romanen. Als Fortsetzung betrachtet jedoch verdirbt es, was Lilli so beeindruckend machte.

Lilli hat sich nach dem Verlust von Hans nicht wieder völlig in ihr leichtes Leben gefunden. Als ein alter Bekannter ihrer Mutter, Doktor Werner Friese, ihr den Hof zu machen beginnt, stimmt sie einer Heirat zu, um darin Halt und Moral wiederzufinden. Doch bald nach der Hochzeit zeigt sich, daß Werner sie in erster Linie geheiratet hat, weil er ihren Ruf kannte und darauf spekuliert, in einer Ehe mit ihr seine Freiheit zu behalten. Lilli reagiert zuerst mit Eifersucht, dann mit Verweigerung; als Werner sie daraufhin zum Verkehr zwingt, verliert sie die Kraft zum Kämpfen und beginnt zu trinken. Mit Billigung ihres Mannes geht sie eine Affäre mit Ullrich Traube ein, der zunächst ein Abenteuer erwartet, aber schnell erkennt, in welch desolatem seelischen Zustand sich Lilli befindet.
Suse von Simon derweil fühlt die Leere ihrer reinen Gesellschaftsehe. Ihr Mann behandelt sie mit Höflichkeit, doch ohne Liebe, bis Suse in einem seltenen Temperamentsausbruch seine Leidenschaft erzwingt. Für eine Zeit scheint das Glück in ihrer Beziehung eingekehrt zu sein, aber dann erfährt Suse, daß sie infolge des vorgenommenen Schwangerschaftsabbruchs keine Kinder mehr bekommen kann. Ihr Mann Herbert wendet sich nun vollends von ihr ab.
Traube, der es ehrlich mit Lilli meint, versucht sie vergeblich zu einer Scheidung von ihrem Mann zu überreden – Werner will nicht einwilligen, Rückhalt von ihren Eltern kann sie nicht erwarten. Traube setzt zumindest eine zeitweilige Trennung unter dem Deckmantel eines Kuraufenthaltes durch, doch kurz vor der geplanten Abreise entdeckt Lilli, daß Werner und ihre Mutter ein Verhältnis pflegten. Sie begeht einen zweiten und diesmal erfolgreichen Selbstmordversuch.
Auf einer Spazierfahrt lernt Suse Arbeiterkinder kennen, die durch die Berufstätigkeit ihrer Eltern sich tagsüber selbst überlassen sind. In ihr keimt der Gedanke auf, ein Tagesheim zu ihrer Betreuung einzurichten, und setzt ihren Plan schließlich durch. Von der Ernsthaftigkeit ihrer Wandlung überzeugt, findet auch Herbert den Weg zu ihr zurück.

Der Schwerpunkt in Lillis Ehe hat sich bereits verschoben von einer Warnung der Eltern und der Jugend vor dem verantwortungslosen Lebenswandel der Gesellschaft in Berlin W hin zu einer Warnung vor den Auswirkungen dieses Lebenswandels auf Ehegemeinschaften… und dadurch bedingt natürlich wiederum auf die Familie, auf die übergeordnete Gesellschaftsordnung in Deutschland schlechthin. Insbesondere die wichtige Rolle der Mutter wird betont. Lillis Ehe ist vom Stil her ausgereifter als Lilli; der etwas unausgewogene Brief-/Tagebuchbericht hat dem erzählenden Roman Platz gemacht. Gerade Lillis Handlungsstrang ist in seiner Schilderung von Ursache und Wirkung sehr realistisch, Lillis Depression, Selbsthaß und beginnende Alkoholabhängigkeit als Folge der Mißhandlungen – seelischer wie körperlicher Art – durch ihren Ehemann zeigen starkes psychologisches Einfühlungsvermögen der Autorin. Dennoch ist eine deutliche moralisierende Strömung unverkennbar insofern, daß nur Lillis früherer Lebenswandel sie für ihren Ehemann überhaupt erst interessant machte, daß also (obwohl sich die Autorin zu solchen Aussagen nicht versteigt) Lilli sich ihr Unglück selbst zuzuschreiben habe. Ebenfalls in diese Kerbe zu schlagen scheint die Verbindung zwischen Lilli und Hans von Schöneich: Lange Zeit richtet sich Lilli an der Erinnerung an Hans’ Liebe noch empor; als sie jedoch aufgibt und den Dingen ihren Lauf läßt, verunglückt der Flieger tödlich. An Sympathie für die junge Protagonistin läßt es Marès jedoch nicht fehlen. Moralisierend wirkt dagegen insbesondere Suses Handlungsstrang: Unfruchtbarkeit als Strafe für die Tötung keimenden Lebens und Belohnung tugendhaften Lebenswandels in Form der zurückgewonnenen Liebe ihres Mannes.

Mit Suse bricht unerwartet auch eine soziale Komponente in die Romanhandlung ein. Von viereinhalb Millionen berufstätiger Ehefrauen in Deutschland ist die Rede, von einem Jugendhort in Charlottenburg als erstem Kindertagesheim seiner Art und weiteren in Berlin… klare statistische Angaben, die zeigen, daß sich die Autorin mit dieser Thematik befaßt hat, sehr wahrscheinlich sich auch in entsprechenden Vereinigungen engagierte. In ihren Folgeromanen sollte sie weitere soziale Themen aufgreifen, gleichzeitig jedoch vor einem zu starken Engagement von Müttern in wohltätigen Bewegungen auf Kosten des Familienlebens warnen.
Ebenfalls durch Suse erlaubt sich Marès ein offenes Plädoyer für das natürliche Bedürfnis der Frau nach Sexualität, nicht zu verwechseln mit einem gesteigerten Triebleben, wie es die kritisierte Gesellschaft von Berlin W vertritt.

„Unsinn, ich liebe keinen andern, ich habe mich nicht vergessen, du bist es, den ich liebe, siehst du denn nicht, daß du mich in die Arme eines andern treibst, durch deine Kälte und Gleichgültigkeit?
Du gibst mir Brosamen, wo ich Anrecht habe auf alles. Du läßt mich hungern, läßt mich verschmachten! Was stehst du da und starrst mich an, als ob ich ein Geist wäre? Nein, ich bin Fleisch und Blut – bin deine Frau –“ […]
„Weib, du bist toll geworden, so beherrsche dich!“
Langsam löst sie ihre Arme: „Wenn du mich jetzt von dir stößt, dann nehme ich morgen den ersten besten, du kennst mich, du weißt, daß es geschieht, wie ich es sage. Dann will ich sehen, ob du die Reitpeitsche gegen mich erheben wirst, gegen dein Weib, welches sündigen mußte, weil du sie von dir stießest.“
(6)

Noch in ihrer 1924 veröffentlichten Kurzgeschichte Temperierte Liebe wies Marès ganz im Sinne des nachkommenden van de Velde darauf hin, ein Ehemann müsse zugleich der Liebhaber seiner Frau sein: Da nicht nur Männer, wie diese immer glaubten, sondern auch Frauen sich bei „Hausmannskost“ langweilten, sei dies der beste Schutz gegen Untreue.


(1) Lilli, S. 171

(2) Ebenda, S. 112ff.

(3) Ebenda, S. 118f.

(4) Ebenda, S. 57

(5) Ebenda, S. 107

(6) Lillis Ehe, S. 79f.


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Teil 2
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10

Jolanthe Marès – Die Schriftstellerin von Berlin W. Teil 2: Themen und Bezüge in Jolanthe Marès’ wichtigsten Werken

Jolanthe Marès war keine junge Erstlingsautorin, als sie Anfang 1914 ihren erfolgreichen „Sittenroman aus Berlin W“ veröffentlichte; sie zählte bereits 47 Jahre. Als Mitglied der in ihren Werken als heuchlerisch angeprangerten „guten Gesellschaft“ und als Mutter war es ihr ein Anliegen, eine Entwicklung aufzuzeigen, die sie als besorgniserregend empfand. So entstand Lilli, die Geschichte eines Mädchens aus Berlin W, das unschuldig und idealistisch beginnt und durch Einfluß der Gesellschaft als Dirne ebendieser Gesellschaft endet.
Klassifiziert wurde Lilli als Sittenroman, unterscheidet sich jedoch in einem wesentlichen Punkt von der Literatur dieses Genres zu dieser Zeit. Im üblichen verstand man darunter Erzählungen mit erotischen Inhalten, die vorgaben, Kritik an den Verführerfiguren ihrer Handlung zu üben und somit als Warnung für das wirkliche Leben zu dienen, im Grunde genommen aber nichts anderes waren als eben erotische Literatur. Eines der bekanntesten Beispiele ist der bereits 1907 erschienene, zweimal verfilmte Roman Arme kleine Eva! von Paul Langenscheidt, der auf der Suche nach mehr und noch mehr „bestürzenden“ Situationen seine gesamte innere Logik opfert.(1)
Jolanthe Marès hingegen meinte es ernst mit ihrer Warnung vor dem Einfluß der Gesellschaft in Berlin W insbesondere auf die weibliche Jugend. Mehr als einmal prangerte sie auch den Deckmantel der äußeren Moral an, den sich gerade das Sittenroman-Genre ja ebenfalls zunutze machte. Sie widmete Lilli „den Eltern“ und hob in ihrem Geleitwort ihre Sorge hervor:

Ich habe den Mut gehabt, dies Buch zu schreiben, um es gewissen Gesellschaftskreisen als Spiegelbild vorzuhalten.
Feig wäre es, einen Abgrund zu schauen, und zu schweigen. Wenn ich meinen Nächsten in Gefahr sehe, so ist es meine Pflicht, meine Warnerstimme zu erheben. Ich sehe eine Gefahr, ich sehe einen Abgrund, dem nicht ein einzelner, nein, eine ganze Gesellschaftsschicht, vor allem unsere Zukunft, unsere Jugend, zusteuert, wenn nicht durch rücksichtslose Offenheit energisch dagegen angekämpft wird.
Man muß dem Treiben, das in diesen Kreisen herrscht, ins Auge schauen, die Dinge beim rechten Namen nennen, um die Eltern aufmerksam zu machen, welcher Gefahr ihre Töchter entgegen gehen, wenn sie vergessen, den Kindern ein Schutz, ein Halt zu sein, wenn sie ihnen kein Heim geben und keine Familie bilden.
Man muß jeden einzelnen aufrütteln, das abgestumpfte, moralische Bewußtsein wieder wecken und zu der sittlichen Höhe zu führen suchen.
Von vielen Seiten werden Einwendungen gemacht werden; man wird sagen: es ist ja nicht halb so schlimm. Das sind die Blinden, die nicht sehen können oder nicht sehen wollen. An sie wendet sich mein Buch in erster Linie, denn eine Vogel-Strauß-Politik ist nicht mehr am Platze, wo das Gift der Unsittlichkeit und Heuchelei eine nationale Gefahr zu werden droht.
Mögen sie endlich erkennen, daß unsere Zivilisation auf vulkanischem Boden ruht, mögen sie den Eruptionen der in meinem Werk charakterisierten Schichten endlich ihre ganze Aufmerksamkeit zuwenden, damit sie ihre Töchter behüten vor dem Umgang mit jenen Wesen, die unter dem Deckmantel der „anständigen Gesellschaft“ doch nur Dirnen sind.
Denen aber, die wissen, denen möchte ich zurufen: Helft nicht nur Einhalt zu tun einem solchen Treiben, ehe es zu spät ist, ehe Ihr Eure Töchter, Eure Schwestern auf diesem Wege findet, sondern auch vorbildlich einzutreten für die Regeneration des ethischen Pflichtgefühls zum Wohle unseres Volkes und der Menschheit.
(2)

Lippenbekenntnisse waren dies nicht; tatsächlich sind im Grunde genommen in Lilli bereits fast alle Themen und Motive vereinigt, die Marès in ihren folgenden Romanen erneut aufgreifen und mehr oder weniger vertieft verwenden sollte. Man kann ihr Geleitwort also als Richtschnur oder Leitbild ihres Schreibens ansehen. Die Rolle der Eltern wird immer wieder betont, insbesondere die der Mütter – auf der positiven Seite jene, die in ihrer Herzensgüte wahre Mütter sind, selbst wenn sie keine Kinder haben (Begierde, Die fremde Frau), auf der negativen die zahlreichen Damen der Gesellschaft, die über Jugendwahn, Vergnügungssucht und Repräsentieren vergessen, ihre Töchter vor den Freibeutern der Gesellschaft zu beschützen (Lilli, Lillis Ehe, Begierde, Mütterreigen, Das große Unrecht, Die fremde Frau). Daneben zielen Jolanthe Marès’ Werke in ihrer Kritik vor allem auf die Schuld des Mannes, doch in vielen Fällen ist es schwer, den Standpunkt der Autorin zu ihren Männergestalten zu deuten. Durchweg positive Helden nach heutigen Maßstäben finden sich selten. Fast alle werden mit negativen Zügen gezeichnet, als Verführer, als Heuchler, die mit zweierlei Maß messen, als Machtmenschen und Unterdrücker. Ein Problem bei der Deutung ergibt sich zweifellos aus den veränderten Anschauungen damals und heute. In Marès’ Welt galt Ehe, Mutterschaft und Haushalt ganz selbstverständlich als wahrer Beruf der Frau, sich dieser ureigensten Bestimmung entziehen zu wollen als unnatürlich und unweiblich. Gleichermaßen galt es als anerkannt, daß ein Mann außereheliche Beziehungen pflegen konnte, ohne deshalb seiner Liebe zu und Achtung vor seiner Frau Abbruch zu tun – eine Frau hingegen, die ein außereheliches Verhältnis hatte, betrog damit ihren Mann.

So kann selbst eine warmherzige Figur wie Ullrich Traube in Lillis Ehe vorbringen:

„Sage mal, wie stehst du eigentlich mit deinem Mann, ich werde nicht klug daraus.“
„Ich stehe mich sehr gut mit ihm, seinetwegen brauchst du dir keine Sorgen zu machen, er sanktioniert alles! Alles! Verstehst du? Gleiche Moral für Mann und Weib!“
„Donnerwetter.“
„Bequem, was? Wenn ich dagegen an den Grafen Simon denke, wie er zornsprühend vor uns stand und die Reitpeitsche nehmen wollte, um ein ungetreues Weib zu züchtigen!
Brutal, nicht wahr?“
„Mir sympathischer, muß ich gestehen.“
„Mir auch.“ Erregt stößt sie die Worte hervor, springt auf und beginnt, im Zimmer umherzugehen. „Was sind wir einem Manne wert, der kein Gewicht darauf legt, uns allein zu besitzen? – Also du würdest auch?“
„Keine Untreue dulden bei meiner Frau.“
„Und du selbst, würdest du dir Freiheiten zubilligen?“
„Beim Manne ist das eine andre Sache, sieh mal – “
„Weiß schon, kenne ich alles, spare deine Worte!“
(3)

Auch der ausnahmslos positiv dargestellte Hans Büchner in Inge – seine Frau wirft mit feststehenden Tatsachen seiner Zeit um sich:

„Es liegt in der Natur der Frau, daß sie sich dem Manne anpaßt. Das bedingt noch kein Unterordnen.“(4)

Und Peter Reiling in Die Mausefalle Liebe kehrt unter dem Schutz einer guten Absicht den Despoten heraus:

„Lieb will ich dich haben. Unsagbar lieb. Oh, du sollst es gut haben bei mir. Aber nun mußt du dich schonen. Wie ist es mit deiner Kündigungsfrist?“
Sie reißt die Augen auf. Befreit sich aus seinen Armen. „Meine Kündigungsfrist? Du meinst doch nicht etwa – “
„Komm her, Liebes. Wir wollen ganz vernünftig miteinander reden.“ Er schlingt seinen Arm um ihre Mitte und führt sie zu dem großen braunen Klubsessel. Als sie sitzt, rückt er den zweiten Sessel dicht neben den ihren, nimmt ihre beiden Hände in die seinen und spricht: „Die Liebe hat uns zusammengeführt. Du und ich, wir sind zwei freie Menschen. Aber wir sind es nicht mehr von dem Augenblick an, da wir ein neues Leben erwecken. Wir haben Verpflichtungen gegen dieses neue Leben.“
„Ich werde mich ihnen nicht entziehen. Ich werde noch mehr arbeiten. Dieses Kind soll keinen Mangel leiden – “ stößt sie hervor.
„Und an mich denkst du nicht, Rena? Willst du mich ausschließen? Willst du mich hindern, die Verpflichtung, die wir ja zu gleichen Teilen haben, zu erfüllen? Es ist doch auch mein Kind, Renate.“
„Ich will dich doch nicht ausschließen – Peter – wie könnte ich!“
„Wann kannst du deine Stellung aufgeben?“
„Meine Stellung aufgeben?“ Ihre Hände zucken in den seinen, er hält sie fest umschlossen.
„Selbstverständlich mußt du deine Stellung aufgeben. Ich will nicht, daß meine Frau im Büro arbeitet.“
Nun ist der Ruck so energisch, daß ihre Hände frei werden. Sie fliegen in die Luft und fallen auf die Lehnen des Stuhles nieder.
„Ich soll deine Frau werden? Du bestimmst über mich – “ keucht sie – „ich soll mich deinem Willen unterwerfen – “
(5)

Keiner dieser Männer wird eines Besseren belehrt, es wird innerhalb der Handlung nicht einmal angedeutet, sie seien im Unrecht.
Doch ganz so schwarz und weiß liegen die Dinge nicht. Schon Traubes Worte lassen eine kritische Haltung der Autorin zu seiner Einstellung erahnen; viel deutlicher wird dies an einer anderen Stelle in Lillis Ehe:

„Bewahre, Herbert. Meine Meinung geht nur dahin, daß er schon einen Fehler begangen hatte, indem er ihr verzieh, damals gleich hätte er die Scheidung einleiten sollen – verzeihen ist immer eine Schwäche in meinen Augen.“
„Sie urteilen hart, Exzellenz,“ erwidert Baron Streckwitz.
„Mag sein. Aber mein Standpunkt ist der, daß ein Ehemann über die Untreue seiner Frau nicht hinweg kann, nicht hinwegkommen darf.“
„Aber es können doch Umstände mitspielen –“
„Ich lasse keine Umstände gelten.“
„Haben Sie, Exzellenz, niemals einer verheirateten Frau den Hof gemacht?“ wendete sich Suse an ihn.
„Mehr als einer, liebe Gräfin.“
„Damit geben Sie also zu, daß Sie den Versuch gemacht haben, eine verheiratete Frau zur Untreue zu verleiten. Ein Versuch ist gleichbedeutend mit der Tat. Sie wollen eine Frau, welche ihrem Manne untreu ist, mit kurzen Worten abtun, für sich selbst aber nehmen Sie das Recht in Anspruch, der Verführer zu sein. Sie wären sicherlich hocherfreut, wenn die betreffende Dame Ihren Versuchungen und Lockungen erlegen wäre, und wenn der Herr Gemahl sie dann zum Hause hinausgejagt hätte, und sie wäre zu Ihnen gekommen, und hätte Sie um Schutz geben, hätte verlangt, daß Sie ihre Ehre wieder herstellen sollten, hätten Sie sie dann geheiratet?“
„Ich hätte mich gehütet.“
„Die Frau vom Manne fortlocken, und dann den Stein nach ihr werfen, das ist auch eine Moral! Immer verlangt man Stärke und Beherrschung von der Frau! Der Mann läßt alle Saiten springen, um die Frau zu Fall zu bringen; ist sie seinen Verlockungen erlegen, dann macht er ihr noch den Vorwurf: ‚warum hast du es getan?’ Nennen Sie das Sitte und Anstand, meine Herren? Konsequenzen ziehen und auf sich nehmen, so gehört es sich.“
(6)

Klare Worte findet sie auch in Dela Steinthal:

„Sehen Sie sich doch um in unsrer guten und anständigen Gesellschaft! Setzt sich nicht ein jeder über Sitte und Moral hinweg? Mann sowohl als Weib? Nur mit mehr oder weniger Heimlichkeit. Aber im Grunde doch in aller Öffentlichkeit. Ich bin der Ansicht, daß diese Begriffe sich eben überlebt haben. Vergessen Sie nicht die Vorwärtsentwicklung der Frau, die sich von der Herrschaft des Mannes befreit hat. Die durch berufliche Tätigkeit ein selbständiger Mensch geworden ist. Nein, wir Frauen von heute lassen uns nicht mehr an die Kette legen.“
„Eine Frau, die so denkt, sollte nicht heiraten.“
„Und warum, bitte?“
„Weil die Ehe etwas Heiliges ist.“
„Nur für die Frau soll sie das sein, nicht wahr?“ Wieder klang ihr spöttisches Lachen ihm entgegen. „Der Mann hat sich über diese Heiligkeit immer und stets hinweggesetzt. O nein, mein Herr von Bohnen, die Frau ist auf dem Wege der großen Abrechnung! Doch, ich muß gestehen, es erstaunt mich, eine solche Ansicht aus Ihrem Munde zu hören, denn ich bin sicher, daß Sie schon oft den Versuch gemacht haben, in die Heiligkeit einer Ehe Unheiliges hineinzutragen. Oder sollten Sie wirklich nie den Versuch gemacht haben, eine verheiratete Frau zu verführen?“
(7)

Es ist oftmals schwer zu erkennen, ob Marès in ihren – für das heutige Verständnis – kontroversen Aussagen eigene Überzeugungen sprechen läßt oder im Gegenteil diese Aussagen, die sicher der Überzeugung vieler ihrer Zeitgenossen entsprachen, in dieser deutlichen Ausformulierung als verlogen und schlichtweg unlogisch präsentierte.
Friedrich Benzmann in Dela Steinthal steht ganz auf dem verbreiteten Standpunkt, man heirate „sein Verhältnis“ nicht:

„[…] abgesehen davon, daß ich niemals meine Einwilligung geben werde zu der Heirat mit einer Dame, zu der er in intimen Beziehungen gestanden hat.“(8)

Gleichzeitig fordert er jene Dame auf, nach der Abreise seines Sohnes seine Geliebte zu werden.
Wenn es in Sonja Holms Ehe heißt:

„Sie braucht sich nicht aufzugeben, Irene, sie muß nur ihre Lebensgewohnheiten und vielleicht auch ihre Ansichten ändern.“(9)

so fällt es schwer, diese Aussage als glaubwürdig anzusehen. Entsprechend erwidert die jüngere Irene:

„Lebensgewohnheiten und Ansichten sind ein Teil unseres Selbst, Tante Elisabeth. […]“(10)

Andererseits jedoch läuft die Handlung der allermeisten Romane auf eine Bestätigung eben dieser erzkonservativen und aller Logik entbehrenden Aussagen hinaus. Insbesondere in Hinblick auf die Emanzipation der Frau fehlen überzeugende und auch naheliegende Argumente auf Kritik völlig; statt dessen wird bezüglich der Gleichberechtigung der Frau stets mit dem fragwürdigen Recht auf die gleiche Unmoral, wie sie seitens des Mannes gelebt wird, gekontert. Wenn sich Jolanthe Marès für die Gleichstellung der Frau stark machte – wofür manches in ihren Werken spricht –, so tat sie dies in keiner zufriedenstellenden Form. Stand sie hingegen auf dem Standpunkt, Emanzipation bedeute lediglich, die gleichen Fehler des Mannes zu übernehmen, so verwundern die positiv gezeichneten unabhängigen Frauengestalten ihrer Romane.
Vielleicht liegt der Widerspruch in der sich rasch wandelnden Gesellschaftsordnung ihrer Zeit, kombiniert mit den Künstlerkreisen, in denen sich Marès bewegte, sowie einer vom wilhelminischen Zeitgeist geprägten, religiösen, jedoch nicht übermäßig frommen Erziehung begründet. In den zwanzig Jahren unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg bis zum beginnenden Dritten Reich durchlief Deutschland eine radikale Wandlung seines Gesellschaftsbildes insbesondere im Hinblick auf die Stellung der Frau. Alte Vorstellungen von „weiblicher Bestimmung“ prallten auf Forderungen nach Gleichheit der Geschlechter, behütete, korsettgeschnürte junge Damen der Oberschicht wichen der „neuen Frau“, die Bubikopf trug und Sexualität außerhalb ehelicher Bindungen lebte, die nach den wilden 20ern wiederum abgelöst wurde von der weniger radikalen, tüchtigen, zwar berufstätigen, aber Ehe doch als normales Lebensziel ansehenden Frau, zuletzt verdrängt durch das Ideal nationalsozialistischer Ausprägung, der deutschen Mutter.
Marès kannte zweifellos viele freidenkende, unabhängige Künstlerinnen; auch beeinflußt wurde sie sicherlich von emanzipiert denkenden Frauen in der Bewegung zur Gleichstellung unverheirateter Mütter, in der sie sich engagierte. Es fällt auf, daß sich ihre „unbekehrten“, aber positiven modernen Frauengestalten stets im Künstlermilieu bewegen, während sowohl die egoistische Neue Frau als auch die Modelle sanfter Weiblichkeit aus der bürgerlichen Gesellschaft stammen.

Gerade in Bezug auf ledige Mütter bewies Marès ausgesprochene Toleranz und Wirklichkeitssinn.

„[…] Was treibt denn diese armen Geschöpfe an den Rand der Verzweiflung? Was treibt sie zum Mord oder zum Selbstmord? Doch nur die Furcht vor dem Steinwurf, der sie trifft. Es ist weniger die Furcht vor der Sorge, das kleine Wesen ernähren zu müssen, als das Grauen vor der Schande. Meine gnädige Frau, die Lebensbedingungen sind heute nun einmal so, daß nicht alle Frauen heiraten können, begehrt und geliebt werden sie aber trotzdem. Und indem sie arbeiten und ihr tägliches Brot verdienen, nehmen sie Anteil am Lebenswerk, und damit haben sie auch das Recht, sich ihr Leben zu zimmern auf ihre Art. Die Welt hat sich geändert, was vor dreißig oder vierzig Jahren galt, hat heute keinen Bestand mehr.
Dies ist meine Meinung als Mensch, und nun spreche ich als Arzt. Und da sage ich Ihnen: Daß diesen außerehelichen Verhältnissen viel mehr gesunde Kinder entsprießen als den rechtmäßigen Ehen. Denn diese Menschen führt Zuneigung und wirkliche Liebe zusammen, während die heutigen Ehen doch zumeist Rechenexempel und Zweckheiraten sind. […]
Die Naturtriebe sind nicht zu unterdrücken und gegen sie kann der Mensch nichts ausrichten, am wenigsten mit Verboten und Gesetzen. Verbot und Heimlichkeit erst schafft Unmoral und zeitigt Unglück. Die Zeit, in welcher diese Gesetze galten, ist vorüber. Bedenken Sie als Frau doch einmal das viele Unglück, das dadurch in die Welt gekommen ist. […]
Greifen wir auf unseren Fall zurück, Frau Kommerzienrat. Hätten die Eltern Vera Buchwald nicht verstoßen, hätten sie die Tochter liebevoll bei sich behalten und ihr geholfen, das Schwere, die Untreue des Geliebten zu tragen, Vera Buchwald hätte voraussichtlich ein gesundes Kind zur Welt gebracht, brauchte nicht an der Liebe und Güte der Menschen zu zweifeln, und vielleicht hätte der Geliebte durch das Kind wieder zu ihr zurückgefunden und sie wäre glücklich geworden.“
„[…] Nimmt man sich dieser Frauen und Mädchen nicht schon in der weitgehendsten Weise an? Gibt es nicht schon Institute und Zufluchtsorte für sie?“
„Gewiß, das ist richtig. Aber man sollte nicht auf halbem Wege stehenbleiben. Uns fehlen Einrichtungen, durch die die Last und Sorge des Großziehens dieser vaterlosen Kinder den Müttern abgenommen werden.“
(11)

„Was nennen Sie frei? Daß eine junge Dame einem Manne zeigt, wenn sie Gefallen an ihm findet? Daß sie ihm zu verstehen gibt: ‚Du gefällst mir, komm, wenn du magst, du findest Erhörung!’ Finden Sie das nicht viel stolzer und königlicher, als wenn die Frau sitzt und wartet, bis sie gnädiglich bemerkt wird? Sehen Sie, ich will Ihnen ein Beispiel geben. Nehmen Sie unsere Sitten beim Tanz. Die Damen sitzen herum und müssen geduldig warten, bis ein männliches Wesen die Gewogenheit hat, sie zum Tanz zu holen, ist das nicht entwürdigend? Wäre es nicht richtiger, die Damen machten bemerkbar, mit wem sie zu tanzen wünschten? Finden Sie das ein zu freies Benehmen, wenn eine Dame zeigt, daß sie sich lieber mit einem Manne unterhält als mit einer Frau, wenn sie Freundschaft für ihn empfindet? Ja, soll die Frau immer und ewig am Gängelband bleiben? Heutzutage läuft man schon als Kind mit offenen Augen umher, das Verantwortlichkeitsgefühl wird gestärkt, darum kann man auch mehr Freiheit beanspruchen, jeder ist ja für sein Leben selbst verantwortlich und hat die Konsequenzen zu tragen. Sehen Sie mich an, ich stamme aus sehr gutem, reichem Hause, mit 18 Jahren habe ich mich in einen armen Schriftsteller verliebt, ich habe ihm meine Liebe angetragen, denn wie hätte der arme Teufel es gewagt, mir von seiner Liebe zu sprechen, ich habe mich mit meiner ganzen Familie entzweit, natürlich seinetwegen, ich bin einfach davongelaufen, direkt zu ihm, ‚da bin ich – nimm mich!’ Und er hat mich genommen und wir haben zusammen gelebt, gearbeitet, und hatten oft nichts als trockenes Brot, das ging so zwei Jahre, dann kam unser Bubi und mit ihm das Glück ins Haus. Ein Roman meines Mannes wurde von einer größeren Zeitung angenommen, ich fand einen Verleger für meine Gedichte, und dann ging es aufwärts. Wir sind heut noch nicht getraut, und doch respektiert man uns überall als Mann und Frau. Jetzt besteht mein Mann darauf, die Trauung nachzuholen, des Kindes wegen, lächerlich, ich wäre es auch so zufrieden, und wenn es anders gekommen wäre, wenn er mich verlassen hätte, hätte es auch gehen müssen. Ich hätte das Kind und hätte mir mein Teil vom Leben genommen, und meine Arbeit würde mir über alles hinweghelfen.“(12)

Das Künstlermilieu, in der Jolanthe Marès viele ihrer Geschichten ansiedelte, erlaubte ihr zudem die Freiheit, auch einen anderen Typ Mann einzubringen, der nicht als der führende, herrschende Teil einer Beziehung fungierte, sondern als die passive Kraft zu der aktiven einer starken Frau in einer gleichberechtigten Partnerschaft – Beispiele sind auf der positiven Seite Kurt Riedel und Erik Gundersen in Inge – seine Frau, auf der negativen Michail Salmanoff in Dela Steinthal, lebendig und spürbar mit Vergnügen gezeichnete Figuren des „neuen Mannes“.

Fragwürdig erscheint bei den ernstgemeinten Absichten, die Marès mit ihrem Schritt in die Literaturwelt verfolgte, die Veröffentlichung bei und die sich daran anschließende jahrelange Zusammenarbeit mit dem Borngräber-Verlag. Wilhelm Borngräber hatte sich auf erotische Literatur spezialisiert, brachte u. a. die Zeitschrift Reigen („Blätter für galante Kunst“) heraus, für die Marès in den Folgejahren schreiben würde. Verleger Hofrat Borngräber scheint ein geradezu typischer Vertreter der Marèsschen Gesellschaft von Berlin W gewesen zu sein: Es finden sich Berichte über Feierlichkeiten in seiner Villa, bei denen die Nackttänzerin Celly de Rheidt und ihre Gruppe auftraten; im Februar 1920 veranstaltete er einen Reigen-Ball im Marmorsaal auf dem Gelände des Zoologischen Gartens unter dem Motto „Eine Nacht auf Kythera“, dessen Kleidervorschrift „galantes Kostüm“ für Damen sich im heutigen Sprachgebrauch schlichtweg in „sexy“ übersetzt.
Derlei Künstler- und Gesellschaftsfeste beschrieb Jolanthe Marès immer wieder detailliert in ihren Romanen. Ein Verwandter des Verlegers, möglicherweise ein Bruder, war der Schriftsteller Otto Borngräber (1874-1916). Ein Auszug aus dessen „erotischem Mysterium“ Die ersten Menschen erschien im Reigen-Almanach 1920.

Immer wieder fließt auch das „feine“ örtliche Berlin ihrer Zeit in Marès’ Romane ein: Das Restaurant Borchardt (Lillis Ehe), das Juweliergeschäft Friedländer (Lillis Ehe, Dela Steinthal), der Palais de Danse und das Chat noir (Seine Beichte), das Weinhaus Trarbach (Das große Unrecht), der Femina-Palast (Die Mausefalle Liebe), das Hotel-Restaurant Hessler (Dela Steinthal), die Auto-Ausstellung am Kaiserdamm (Unsterbliche Liebe), das Romanische Café (Die Mausefalle Liebe) und die Cafés Kranzler (Dela Steinthal) sowie Café des Westens (Begierde), der Pavillon Mascotte (Begierde), das Metropol-Theater (Dela Steinthal), die Hotels Eden (Unsterbliche Liebe), Esplanade (Begierde, Seine Beichte, Dela Steinthal) und Bristol (Dela Steinthal), der Schwedische Pavillon in Wannsee (Verschenktes Leben), das Kaffeehaus Vaterland (Meine Frau und ich), die exakte Beschreibung des Künstlerhauses St. Lukas, Fasanenstraße 13, in Die Sünderin:

Brinkmann wohnte im sogenannten Künstlerhause. Einem burgähnlich erbauten Gebäude, dessen Hofmauern, von Wein und Efeu umsponnen, romantisch in die Höhe ragten, auf dessen Hof eine Brunnenfigur ihr Dasein verträumte. Graue Sandsteintreppen führten in die Höhe, liefen an dunkelgebeizten, zumeist mit selbstgefertigten künstlerischen Visitenkarten behefteten Türen vorbei. Gußeiserne Ampeln, dicke, vertrocknete Laubgewinde und tiefdunkel getönte Ölgemälde schmückten Decken und Wände, düster und doch anheimelnd wirkend. Betrat man im Frühling oder Sommer das Treppengebäude, tat einen Blick aus dem Fenster auf den Hof hinaus, so glaubte man sich zurückversetzt in die Zeit des Mittelalters und wartete auf das Erscheinen des Ritters und seiner Burgfrau. Das Donnern und die Erschütterung der Eisenbahn, die fast die Außenmauern streifte, rief in die Gegenwart zurück. (13)

Hinter dem „alten Tanzlokal in der Chausseestraße“ (Seine Beichte) dürfte sich das Ballhaus Berlin verbergen, hinter der „Wirtschaft am Nürnberger Platz“ (Unsterbliche Liebe) das Café Carlton, die „Klause“ (Die Mausefalle Liebe) steht entweder für die Westend-Klause in der Reichsstraße oder die Dom-Klause am Fehrbelliner Platz, und bei dem Geschäft „Braun“, in dem Marga Hertz in Dela Steinthal für 9200 (Inflations-)Mark Strümpfe erwirbt, handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um Simon und Sigmund Braun, Damenmoden en gros, am Hausvogteiplatz.
Auch berühmte Persönlichkeiten kommen nicht zu kurz; die Reinhardt-Bühnen werden mehrfach erwähnt, die Schauspielerin Maria Orska als Lulu in Erdgeist und der Schauspieler Alexander Moissi als Hamlet (Das große Unrecht), die Kabarettistin Maria Ney (Unsterbliche Liebe), der Maler Max Pechstein (Die Mausefalle Liebe), die Sänger Frieda Hempel und Enrico Caruso (Begierde); in Sonja Holms Ehe spricht man von Georg Kaisers neuem Stück und von der Aufführung des Neidhardt von Gneisenau an der Jungen Bühne. Der Name Gerda von Wangenheim (Begierde) ist wohl eine Hommage an den Reinhardt-Schauspieler Eduard von Wangenheim. In Dela Steinthal stellt der Galerist Felix Steinthal Werke von Oskar Kokoschka und Ludwig Meidner aus. Ein Gedicht von Lulu von Strauß und Torney wird in Begierde zitiert.
Fast nebenbei in den Handlungen verteilt finden sich Themen ihrer Zeit wie beispielsweise die lang andauernde Diskussion um pro oder contra Tonfilm (Die Mausefalle Liebe).


(1) Es hat den Anschein, als kannte Jolanthe Marès Arme kleine Eva! und zog möglicherweise Inspiration daraus, denn ihr Roman Lillis Ehe endet mit den wie eine Hommage wirkenden Worten „Arme, kleine Lilli.“

(2) Lilli, S. 6f.

(3) Lillis Ehe, S. 139f.

(4) Inge – seine Frau, S. 56

(5) Die Mausefalle Liebe, S. 112f.

(6) Lillis Ehe, S. 67ff.

(7) Dela Steinthal, S. 55f.

(8) Ebenda, S. 186

(9) Sonja Holms Ehe, S. 37

(10) Ebenda

(11) Das große Unrecht, S. 123ff.

(12) Lilli, S. 31f.

(13) Die Sünderin, S. 117


Teil 1
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10

Jolanthe Marès – Die Schriftstellerin von Berlin W. Teil 1

In der Literatur über Emanzipation in ausgehendem Kaiserreich und Weimarer Republik stößt man bisweilen auf die Werke Jolanthe Marès’ – in mancherlei Hinsicht ein Widerspruch. Marès, 1866 geboren, stand der neuen Zeit mit ihren neuen Sitten und neuen Frauen skeptisch, warnend gegenüber. Sie war nicht mehr jung, als sie ihren Erstlingsroman und Bestseller Lilli einige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges veröffentlichte, war mit anderen Moralvorstellungen erzogen worden und aufgewachsen und brauchte lange, um sich mit den veränderten Verhältnissen und dem modernen Selbstverständnis der Frau insbesondere in der Weimarer Republik auszusöhnen. Gänzlich gelang es ihr nie.

Daß ihr Gesamtwerk Mitte der 30er Jahre auf der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ der Reichsschrifttumskammer erschien, ist Ironie der Geschichte, denn es läßt sich vermuten, daß die Autorin den Nationalsozialisten und der Rückkehr zu einem traditionellen Frauenbild durchaus wohlwollend begegnete. In vielen ihrer Romane sind die positiv belegten Figuren germanischen Typs, groß, blond und stattlich die dominanten Männer, schlank, zart, rotblond die anschmiegsamen Frauen. Schwarzhaarige Personen hingegen verkörperten – zumindest in ihrem Werk bis Mitte der 20er Jahre – meist Antagonisten, Verführer, moralisch fragwürdige Gestalten… und emanzipierte Frauen.

Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. Marès sah die natürliche Sphäre der Frau im Heim, als Mutter und als Ehefrau; dieses jedoch setzte für sie nicht Unwissenheit voraus, sondern im Gegenteil einen hohen Bildungsstand, Geschmack, Kultur, um die nachfolgende Generation, die Zukunft ihres Volkes, im Sinne eines sittlichen Ideals zu erziehen. Fotos zeigen eine elegante, geschmackvoll gekleidete Dame, die in gebildeter Gesellschaft ebenso bestehen konnte wie in der Leitung ihres Haushaltes.

Zu ihrer Zeit war Jolanthe Marès eine Erfolgsautorin, von Popularität und auch Inhalt ihrer Werke am ehesten vergleichbar mit ihrer jüngeren Kollegin Marie Louise Fischer (wenn sie auch sehr viel weniger Wert auf ein Happy End legte als diese). Mehrere ihrer Romane wurden verfilmt, und in der Literatur der drei Jahrzehnte ihres schriftstellerischen Schaffens wird – positiv wie negativ – immer wieder auf sie Bezug genommen. Heute ist über ihre Person nicht mehr viel bekannt. Familienüberlieferungen haben sich kaum erhalten, und persönliche Dokumente sind so gut wie keine vorhanden. Dennoch lassen sich anhand ihrer Romane und der Berliner Adreß- und Kirchenbücher noch verhältnismäßig viele Fakten rekonstruieren.

Jolanthe Marès wurde am 27. August 1866(1) als Selma Lesser geboren, älteste Tochter von Julius Lesser und seiner Frau Anna, geb. Magenhöfer. Beide Elternteile waren in erster Ehe verwitwet. Die Familie vergrößerte sich rasch; Julius Lesser brachte zwei Söhne mit in die Ehe, die 1854 bzw. 1856 geborenen Max und Hugo, nach Selmas Geburt folgte 1868 die Tochter Lucia, 1869 der Sohn Johannes, 1871 ein weiterer Sohn, Friedrich, 1875 schließlich die Zwillinge Anna Emilie Dorothea Caroline und Julius.
Julius Lesser war Begründer der Kreditauskunftei Lesser & Liman, der ersten ihrer Art in Deutschland, die bis 1908 nach Frankfurt/Main, Mannheim, Dortmund, Düsseldorf, Köln, Karlsruhe, Hamburg, Bremen, Lübeck, Kiel, Leipzig, Halle/Saale, Magdeburg, Breslau, Danzig, Nürnberg, Straßburg, Wien, Budapest, Amsterdam, Rotterdam und Brüssel expandierte. Lessers Einkommen scheint beträchtlich gewesen zu sein, gelang es ihm trotz des reichen Kindersegens doch, sein Berliner Büro über die Jahre zu erweitern und von Berlin Mitte (Dorotheenstraße 9, dann Breite Straße 5) schließlich in die Friedrichstraße 62 im neuen Westen zu verlegen. Seine Privatwohnung wechselte von der Auguststraße 67 in die Kurze Straße 7, die Wallner-Theater-Straße 46, die Bendlerstraße 9 und zuletzt zum Lützowufer 22. Als Lesser 1881 starb, übernahm seine Witwe zumindest nominell die Leitung des Unternehmens, später stiegen ihre Söhne Friedrich und Julius in das Geschäft ein. (Der älteste Sohn Johannes verstarb bereits im Alter von 22 Jahren.)

Am 12. August 1885 heiratete Selma Lesser den Kaufmann Wilhelm Reichel (1858-1898). Aus dieser Ehe gingen die Kinder Alfred und Edda hervor. Mit dem Tod ihres Mannes fand sich Selma Reichel in der Situation wieder, den Unterhalt für sich und ihre beiden Kinder verdienen zu müssen. Zunächst zog sie in die Nähe ihrer Mutter in die Neue Winterfeldtstraße 1 und lebte vermutlich von vorhandenem Vermögen; zwei Jahre später eröffnete sie eine Pension für, so scheint es, wählerische und begüterte Gäste: Ihre erste Adresse war die Potsdamer Straße 50, 1903 wechselte sie in die Tauentzienstraße 1.

Selma Reichels Lage war keine ungewöhnliche im schnell wachsenden Berlin ihrer Zeit. Während 1861 noch 76% der Einwohner in der Kernstadt gelebt hatten, nahm dieser Anteil aufgrund der Reduzierung des privaten Wohnraums zugunsten von Geschäfts- und Verwaltungsgebäuden stark ab. Man begann in die benachbarten Vorstädte Charlottenburg, Schöneberg und Wilmersdorf („Berlin W“) auszuweichen; 1910 lebte nur noch ein Viertel der Einwohner Berlins in der Innenstadt. Gleichzeitig nahm der Zuzug nach Berlin stark zu, und durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes stieg auch der Fremdenverkehr an. Die Nachfrage nach kurzfristig beziehbarem, möbliertem Wohnraum wuchs.
Für hinterbliebene Damen aus gehobenen bürgerlichen Kreisen, die zwar Witwenrenten erhielten, von diesen jedoch nur in Ausnahmefällen leben konnten, die nie eine Erwerbstätigkeit ausgeübt oder bei ihrer Verheiratung aufgegeben hatten, war der Betrieb einer Pension somit eine naheliegende und verhältnismäßig leicht umzusetzende Einnahmequelle: Räumlichkeiten boten die großen Privatwohnungen der Betreiberinnen, Mobiliar zur Einrichtung war aus Mitgift oder Erbteil vorhanden. Erst mit zunehmender Entwicklung des Pensionswesens als Haupterwerbszweig bürgerlicher Frauen gingen die Wirtinnen dazu über, gezielt große Wohnungen anzumieten, die sie als Fremden- und Familienpensionen herrichteten. Diese Wohnungen enthielten nur noch zusätzlich die Privaträume der Besitzerinnen. Pensionate, wie Pensionen im Berliner Sprachgebrauch auch genannt wurden, bestanden im Gegensatz zur privaten Zimmervermietung mit Frühstück (Chambre garnis) aus mindestens vier Zimmern mit voller Verköstigung und beherbergten zugleich männliche und weibliche Gäste.
Auch Selma Reichels Pension machte diese Entwicklung durch. Waren die Räumlichkeiten in der Potsdamer Straße 50 im vierten Stock angesiedelt, in der Tauentzienstraße lange Jahre hindurch im Hochparterre, so erweiterte sie ihren Betrieb schließlich bei sich bietender Gelegenheit in den zweiten und dritten Stock. Bereits bei Bezug der Lokalitäten in der Potsdamer Straße hatte sie ihre Mutter zu sich genommen, die bis 1904 in ihrer Wohnung lebte und sich dann wieder eine eigene Bleibe suchte.
Eine wichtige Rolle spielt eine Pension in Marès’ Roman Begierde.

Es war Gesellschaftsabend in der Pension Mohrmann. In Gruppen hatte man sich im Besuchs- und Teezimmer zusam-mengefunden und saß plaudernd umher.
Diese Gesellschaftsabende in der Pension waren sehr beliebt. Nicht nur, daß die jeweiligen Gäste sich zusammenfanden, auch diejenigen, welche vorzeiten hier gelebt, jetzt ihr eigenes Heim hatten oder anderswo untergekommen waren, fanden sich an diesem Abend ein. Auch Freunde und Bekannte konnten durch Pensionsgäste eingeführt werden. Durch den Zufluß neuer Elemente wurde die Unterhaltung angeregt, neuer Gesprächsstoff geschaffen, und neue Beziehungen knüpften sich an.
(2)

Mit hoher Wahrscheinlichkeit brachte die Autorin hier eigene Erfahrungen ein. So läßt sich einiges über ihre Gäste schlußfolgern, gerade in Hinblick auf Selma Reichels zukünftige Laufbahn. Es steht zu vermuten, daß sie Künstler und, was wesentlicher ist, Künstlerinnen beherbergte und auf diese Weise Kontakt zu deren Kreisen fand. Im Adreßbuch 1911 ist sie nicht nur als Pensionsinhaberin, sondern auch als Rezitatorin verzeichnet. Ein Jahr darauf findet sich erstmals der Eintrag „Reichel-Marès, Jolanthe“; neben ihrem Pensionat hatte sie die Leitung des Lyzeums des Westens übernommen. Über diese Schule ist kaum noch etwas bekannt. Die wenigen existierenden Quellen lassen vermuten, daß es sich um eine private Schule für Erwachsenenbildung mit Schwerpunkt auf Kunsterziehung handelte.

Selma Reichel, die neugeschaffene Jolanthe Marès, gab ihre Pension auf und widmete sich von nun an dem Schreiben. Sie blieb Berlin W und seiner kosmopolitischen Mischung aus bürgerlich-wohlhabender Schicht, Künstlern, Intellektuellen, jüdischen Einwohnern und russischen Emigranten treu: Sämtliche Wohnungen, die sie von nun an bis zu ihrem Lebensende bewohnen sollte – Meinekestraße 21, Schaperstraße 33, Pfalzburger Straße 3, Giesebrechtstraße 5 – lagen in Berlin-Charlottenburg/Wilmersdorf.


(1) In manchen Quellen, so auch Jolanthe Marès’ Aufnahmeantrag in den Reichsverband Deutscher Schriftsteller (jedoch nicht in ihrem Aufnahmeantrag in die Reichsschrifttumskammer), findet sich die Jahresangabe 1868. Es kann sich dabei nur um den Versuch der Autorin gehandelt haben, sich zu „verjüngen“.

(2) Begierde, S. 38


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