Unterhaltungsmedien und die Botschaft aus dem Licht: Der Erdenkörper als Avatar – Wie Games das Leben widerspiegeln

In solchem Tun zeigt der Mensch Mißachtung des Erdenkörpers, doch keinen Dank für das zur Reife überlassene grobstoffliche Werkzeug, das nicht genug beachtet, sauber und rein gehalten werden kann, da es für das bestimmte Erdenleben unentbehrlich ist.
Deshalb lerne den Erdenkörper richtig kennen, Mensch, damit Du ihn darnach behandeln kannst! Erst dann wirst Du auch fähig, ihn richtig zu verwenden, zu beherrschen als das, was er für Dich auf dieser Erde ist.
(Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft, Vortrag „Der Erdenkörper“)

Angeregt durch meine nähere Bekanntschaft mit dem Assassin’s Creed-Franchise (hier und hier) ging mir kürzlich ein interessanter Gedanke durch den Kopf – daher dieser Beitrag in der Serie. Nun weiß ich nicht, wie viele meiner Leser Gamer sind; ich vermute, nicht allzu viele. Ich selbst würde mich nie als Gamerin bezeichnen, weil der Begriff für mich viel Zeit, Einsatz und Ehrgeiz impliziert und ich zwar gern mal diverse Stunden mit einem schönen Spiel verbringe, aber dazwischen durchaus Monate liegen können, und außerdem lege ich so überhaupt keinen Wert auf Superleistung, Superrüstung und Superwaffe. Gähn. Für mich sind Atmosphäre, Handlung und Charaktere das entscheidende.
Was uns dann auch zum Thema dieses Beitrages bringt. (Das sich übrigens auch auf Filme erstreckt; mehr dazu später.) Um zur Erläuterung Assassin’s Creed als Beispiel zu nehmen, die Grundidee der Spielereihe ist folgende: Wissenschaftler haben eine Methode entwickelt, auf das „genetische Gedächtnis“ von Menschen zuzugreifen, soll heißen, in der menschlichen DNA ist nicht nur Erbgut im herkömmlichen Sinne gespeichert, sondern auch die Erinnerungen jener Vorfahren, von denen die DNA stammt. Der Spieler führt also grundlegend zwei Charaktere, einen in der Gegenwart und einen, nämlich dessen Ahnen, in einer historischen Epoche. (Interessierte Leser müssen sich nun nicht durch die fünfzehn oder so Teile der Reihe kämpfen, es gibt auf YouTube sehr schöne Zusammenschnitte.) Und hier wird es auf mehreren Ebenen interessant. Ich kann mich nicht entsinnen, ob es im Spiel jemals so genannt wird, aber in der Verfilmung wird für den Vorgang des „Rückführens“ in das historische Geschehen tatsächlich dieser Begriff verwendet, nämlich „Regression“. Die Parallele zu vergangenen Leben und Reinkarnation ist also nicht wirklich schwer zu ziehen. Aber in dieser Artikelserie auch schon oft behandelt worden, daher will ich nicht vertiefend darauf eingehen.

Die andere Ebene erfordert ein leichtes Umdenken, und hier kommen wir auch zu Filmen wie The Matrix, Avatar und vielen anderen. Der Gedanke dabei ist, daß „wir“, unser eigentliches Bewußtsein, also letztlich gesehen unser Geist im Sinne der Gralsbotschaft, ein „Avatar“ steuern und durch ein Leben mit all seinen Geschehnissen führen. Und das ist ja, was wir tun! Zugegeben, wir fühlen unser gegenwärtiges Avatar sicher etwas intensiver als eine computergenerierte Spielfigur, aber wenn wir uns einfach einmal von der Vorstellung trennen, daß unser derzeitiger Erdenkörper sonderlich viel mit unserem Ich zu tun hat… dann rücken wir die Dinge in ein ganz anderes Licht. Und wenn wir das Szenario, für das unser aktuelles Avatar geschaffen ist, hoffentlich erfolgreich bewältigt haben… dann ist zwar für dieses Avatar das Spiel vorbei, aber für uns noch lange nicht. Eigentlich doch ein schöner Gedanke.

deion

Die Seele selbst, die sich in ihrer Art dem grobstofflichen Körper nie verbindet, sondern die nur fähig ist, sich einem Erdenkörper anzuschließen, wenn die dazu bedingten Voraussetzungen erfüllt sind, vermöchte ohne besondere Brücke den Erdenkörper nicht zu bewegen, ebensowenig zu durchglühen. […] Wir können anstatt Brücke auch Werkzeug sagen, das die Seele noch besonders benötigt. […] Die Seele wird mit dem Astralkörper verbunden und wirkt durch diesen auf den schweren Erdenkörper. Und auch der Erdenkörper kann in seiner dazu notwendigen Ausstrahlung die Seele nur durch den Astralkörper als den Vermittler wirklich an sich binden. […]
Der Astralkörper ist der in erster Linie von der Seele abhängige Mittler zu dem Erdenkörper. Was dem Astralkörper geschieht, darunter leidet auch der Erdenkörper unbedingt. Die Leiden des Erdenkörpers aber berühren den Astralkörper viel schwächer, trotzdem er mit ihm eng verbunden ist.
Wird zum Beispiel irgendein Glied des Erdenkörpers abgenommen, nehmen wir dafür einmal einen Finger an, so ist damit nicht gleichzeitig auch der Finger vom Astralkörper genommen, sondern dieser verbleibt trotzdem ruhig wie bisher. Deshalb kommt es vor, daß ein Erdenmensch zeitweise wirklich noch Schmerzen oder Druck empfinden kann dort, wo er kein Glied mehr an dem Erdenkörper hat.
(„In der grobstofflichen Werkstatt der Wesenhaften“)

Natürlich sind wir dazu angehalten, unser Avatar gut in Schuß zu halten. Denn unter anderem hält bekanntlich Essen Leib und Seele zusammen – wortwörtlich! Nun ist mir in Games noch nie untergekommen, daß die Charaktere essen (trinken, namentlich Alkohol, ist hingegen verbreitet, führt jedoch folgerichtig zu einer Beeinträchtigung der Fähigkeiten), aber Assassin’s Creed dient unerwartet auch hier als Anstoß, nämlich in Form des darauf basierenden Kochbuchs, in dem sich folgender Satz findet:

So zählen Auberginen, Kichererbsen und Lammfleisch, Kreuzkümmel, Mandeln und Koriander noch immer zu den wichtigsten Zutaten der Küche dieses Landstrichs. Zutaten, deren Geschmack Altaïr ohne Zweifel sehr vertraut war.
(Thibaud Villanova: Assassin’s Creed – Das offizielle Kochbuch)

Und zwar im späten 12. Jahrhundert bis Mitte des 13. Jahrhunderts. Das ist also eine sehr lange Tradition, und ich finde den Gedanken ansprechend. Der Influx völlig anderer Eßgewohnheiten und Nahrungsmittel ist ja eine sehr neue Entwicklung, wenn man von dem normalen, langsamen Gang absieht, mit dem über Jahrhunderte exotische Genüsse in ein Land einwanderten. (Heute kennen wir kaum etwas Deutscheres als die Kartoffel, aber vor acht-, neunhundert Jahren hätte man sie hier vergeblich gesucht.) Vielleicht verbinden „uns“, soll heißen unsere Erdenkörper, kulinarische Traditionen viel stärker mit unseren kulturellen und ethnischen Wurzeln als wir gemeinhin denken.

Der Erdenkörper ist verbunden mit dem Teil der Erde, auf dem er geboren wurde! […] Nur der Teil dieser Erde gibt dem Körper ganz genau, was er bedarf, um richtig zu erblühen und kraftvoll zu bleiben.
(Vortrag „Der Erdenkörper“)

ED 995

So die Signatur meiner Marta-Sammlung im Institut für Zeitgeschichte. Ich erhielt gestern die Beschreibung der Sammlung zur Durchsicht und war durchaus ein wenig beeindruckt, daß neun Seiten dabei herausgekommen sind. (Mein Mitgefühl an dieser Stelle für den Bearbeiter/die Bearbeiterin, der/die all die Inhalte auflisten und katalogisieren mußte – ich weiß, daß das eine ätzende Arbeit ist.)
Ein leises Lächeln löste die Beschreibung meiner Person als „Journalistin“ aus, aber erstens ist alles andere zu kompliziert, um es in einen kurzen, knackigen Text zu packen (ich bevorzuge „Biographin“, das würde sich aber in diesem Fall mit dem Rest des Satzes beißen), und zweitens ist es, genau betrachtet, gar nicht mal so falsch. Relotius ist (war?) ein Journalist. Jens Bisky ist ein Journalist. Und meine Recherche war erheblich gründlicher und wahrheitsgetreuer als die dieser „echten“ Journalisten. Wenn man aus dem Text nun lesen möchte, ich allein habe Marta aus ihrer Anonymität gehoben… zu viel der Ehre. Die gebührt tatsächlich Jens Bisky bzw. seiner Quelle „Frau S.“ Aber erstmals lebensgeschichtlich erfaßt, ja, das würde ich über weite Strecken durchaus für mich in Anspruch nehmen. Mit Hilfe und dank vieler wunderbarer Menschen.

Zum Bestand:
Die Journalistin Clarissa Schnabel veröffentlichte 2015* eine
Biografie über Marta Hillers und deren Umfeld unter dem Titel
„Mehr als Anonyma“. Damit wurde die zunächst anonyme
Autorin des Bestsellers „Eine Frau in Berlin“ erstmals
lebensgeschichtlich gefasst.

Der Nachlass der Journalistin und Autorin Hillers befindet sich
seit 2016 im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte (Signatur ED
934) und wird sinnvoll ergänzt durch die Abgabe von Fr.
Schnabel, die dem Archiv 2019 ihre Rechercheunterlagen und
auch Originalkorrespondenz der Geschwister Hillers übergab.
Und darüber hinaus „Frau Hillers‘ Schreibmaschine“.

In 20 AE** liegen nun Personenrecherchen aus verschiedenen
Archiven und Literatur vor; sind familiäre und freundschaftliche
Beziehungen nachvollziehbar. Durch Kopien können die
journalistischen Arbeiten von M. Hillers als auch ihrer Freundin
Trude Sand direkt rezipiert werden. Einige Originale der
Veröffentlichungen etwa in „Die neue Gartenlaube“, „Wir
Mädel“, „Hilf mit!“ [Schriftleiterin Sand ab 1942] sind enthalten.
Daneben ein Russisch-Kurs (Hillers) und „Zickezacke Landjahr
Heil!“ (Sand).

Hillers‘ Aktivitäten für die KPD sind nun quellengestützt
belegbar.

Die in der Überlassung vorhandenen Fotos bleiben kopiert im
Ursprungszusammenhang; die Originale sind im Bildarchiv.
Verschiedene Unterlagen liegen auch digital vor; eine
Abbildung der Ordnerstruktur und Verweise auf Fundstellen im
Bestand befindet sich in Band 20. Der Massenspeicher wird
dem Bildarchiv übergeben.


*Es muß natürlich 2013 lauten; 2015 erschien die erweiterte zweite Auflage. Ich habe es bereits weitergegeben.

**Archiveinheiten

Essentially published

Man arbeitet sich vor. Meine Übersetzung von Jaroljmeks (wie zum Geier spricht man den Menschen eigentlich aus?) Mekkabahn-Artikel wird in der nächsten Ausgabe des Journal of the T. E. Lawrence Society erscheinen.
Bin mal gespannt, wann es mit dem Mikusch-Artikel soweit ist – die Ausgabe drauf? Oder in einem Jahr? Aber immerhin ist er überhaupt beim Empfänger gelandet und wurde meines Wissens auch akzeptiert. War ja ein ziemlicher Kraftakt.

Unterhaltungsmedien und die Botschaft aus dem Licht: Trennung von und Rückkehr zu den Wurzeln in The Dark Crystal und Age of Resistance

Es ist für ihn ein Übergang wie der des kleinen Kindes, welches unter den zärtlichen Händen einer Mutter oder Großmutter leuchtenden Auges und mit vor Begeisterung erhitzenden Wangen beglückt Märchen anhören konnte, um dann endlich die Welt und Menschen in der Wirklichkeit zu sehen. Ganz anders, als es in den schönen Märchen klingt, und doch bei schärferer, rückwärtiger Betrachtung dieser Märchen im Grunde ebenso.
(Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft, Vortrag „Kreatur Mensch“)

Mehr als jedem anderen Genre ist es Fantasy – oder seinen älteren Formen, dem Märchen oder der Sage – möglich, viele Wahrheiten über mehr als rein irdische Dinge zu vermitteln, auch wenn dies dem Urheber selbst vielleicht unerkannt bleibt. Als Kind habe ich Märchen und Sagen sehr geliebt, und ich bin ihnen in ihrer modernen Inkarnation als Fantasy-Romane und -Filme bis heute treu geblieben.
Eines der ungewöhnlichsten Projekte in diesem Genre war Jim Hensons Film The Dark Crystal von 1982. Er erzählte eine klassische Fantasy-Geschichte mit Hilfe von Hensons Spezialmedium: Puppen. Nun, am 30. August 2019, kehrte Hensons Werkstatt, inzwischen unter der Leitung seiner Tochter Lisa, in Serienform zu diesem Projekt zurück. Puppen stehen noch immer im Zentrum der Produktion, obwohl heutzutage auch auf die im Gegensatz zu den 80ern weit fortgeschrittenen Möglichkeiten des CGI zurückgegriffen wird. Selbst unter Fantasygeschichten selten ist die Tatsache, daß es auf dem Planeten oder der phantastischen Welt Thra keine Menschen gibt; humanoide Lebensformen sind die Gelflinge (zu denen die wesentlichen Helden der Handlung gehören) und Podlinge, sowie Aughra, die gleichzeitig Schamanin, Sprecherin Thras und Hüterin des titelgebenden Kristalls, der Seele Thras, wenn man so will, ist.
Diese Verbundenheit zu der fiktionalen „Mutter Erde“ zieht sich als roter Faden durch die Geschichte. Die Gelflinge leben in einer matriarchalischen Gesellschaft in sieben Stämmen oder auch Rassen mit ihrer jeweils eigenen Kultur, doch zusammengeschlossen unter der Herrschaft der „All-Maudra“ oder Matriarchin, diese wiederum gehorsam der Hüterin Thras, Mutter Aughra.

Diese naturverbundene Welt ist geordnet, harmonisch und im Gleichgewicht, bis fremde Besucher auf Thra ankommen. Die Urskekse sind körperlose Lichtwesen, weise und wissend und bereichern anfangs das Zusammenwirken der Kräfte Thras. Doch durch scheinbar einfache kleine Dinge beginnt das Gleichgewicht langsam aus dem Lot zu geraten. Aughra zeigt sich fasziniert von dem Wissen um die Sterne, und die Urskekse sind gern bereit, ihr Wissen zu teilen. Im Gegenzug richtet sich ihr Interesse auf den Kristall der Wahrheit, in dem sie eine Möglichkeit sehen, sich ihrer noch immer vorhandenen inneren Dunkelheit endlich zu entledigen.
Wie schon in Stevensons Jekyll and Hyde besteht der Fehler darin, daß ein einfacher, bequemer Weg dazu gesucht wird. Weder Doktor Jekyll noch die Urskekse wollen ihre Schwächen, ihr Dunkel bewußt und mit eigener Anstrengung überwinden, sie suchen nach einer einfachen Lösung, die sie von ihrem Dunkel befreit. Doch eine Befreiung dieser Art ist keine Überwindung – das Dunkel kann nicht einfach so verschwinden, es nimmt lediglich eine neue und zugleich stärkere Form an. In beiden Fällen wortwörtlich. Während Jekyll und Hyde als eigenständige Persönlichkeiten einen Körper teilen, so spalten sich die Urskekse in zwei getrennte, plötzlich körperhafte Arten, die abgrundtief bösen, nur dem Grobstofflichen zugewandten, aktiven Skekse und die weisen, passiven Urru oder Mystiker. Aughra, die ihr Bewußtsein zunehmend länger auf Astralreisen in den Kosmos aussendet, ignoriert die Gefahr dieser Entwicklung und überläßt den Skeksen die Obhut des Kristalls im Gegenzug für mehr Wissen.

Eine Übertragung dieser Grundlagen der Handlung von The Dark Crystal auf das Schöpfungswissen der Gralsbotschaft ist nicht wirklich schwer. Die (grobstofflich) körperlosen Urskekse binden sich durch ihre gewollte Interaktion an die Grobstofflichkeit, bis sie zuletzt „inkarnieren“. Dies geht einher mit einer Spaltung in aktive und passive Pole, aber bedingt durch falsches Streben ist es kein natürlicher, gesunder Zustand. Anstatt für einander den nötigen Ausgleich zu schaffen, stehen sich beide Pole als grundverschieden ohne Berührungspunkte gegenüber und gehen getrennte Wege.

Wenn es auch nur die zartesten Andeutungen sind, die diese Feinstofflichkeit wie ein Hauch durchziehen, so genügen sie doch, das empfindsame Wollen in dem Geistkeime zu wecken und aufmerksam zu machen. Er verlangt, von dieser oder jener Schwingung zu „naschen“, ihr nachzugehen, oder, wenn man es anders ausdrücken will, sich von dieser mitziehen zu lassen, das einem Sichanziehenlassen gleichkommt. […]
Der sich in dieser Weise nun mehr und mehr entwickelnde Keim des Geistes muß der Erde dabei immer näher kommen, da von dieser die Schwingungen am stärksten ausgehen und er immer bewußter steuernd diesen folgt, oder besser gesagt, sich von ihnen „anziehen“ läßt, um die nach seiner Neigung gewählten Arten immer stärker auskosten zu können. Er will vom Naschen zu dem wirklichen „Schmecken“ übergehen, und zu dem „Genießen“.
(„Der Mensch und sein freier Wille“)

Der Mensch als solcher stand allein und verwendete nun im Wachsen vorwiegend die schrofferen, strengeren Empfindungen bei seinem Lebensunterhalte, wodurch die zarteren mehr und mehr zur Seite gedrängt und isoliert wurden, bis sie sich als der zartere Teil des geistigen Menschen ganz abspalteten.
Dieser zweite Teil nun wurde, um nicht unwirksam im Grobstofflichen zu bleiben, wo er zur Hebung unbedingt in erster Linie notwendig war, in ein zweites Gefäß inkarniert, das der Feinheit entsprechend weiblichen Geschlechtes war, während die schrofferen Empfindungen dem grobstofflich stärkeren Manne blieben.
(„Die Erschaffung des Menschen“)

Aughra wiederum verläßt den rechten Weg durch ihr Streben nach Verstandeswissen. Sie trennt sich von ihrer Verbindung zu den wesenhaften Kräften ab, bis sie „Thras Lied“ nicht mehr hören kann. Zugleich versinkt sie in Verinnerlichung, Passivität; eine Verbiegung des weiblichen, passiven Pols.
Aughras Abwesenheiten werden länger und länger, bis schließlich Jahrhunderte über ihren Astralreisen vergehen. In der Zwischenzeit haben die Bewohner Thras, allen voran die Gelflinge, die Skekse als neue Herren des Kristalls akzeptiert, ohne die Wahrheit zu kennen. Die Skekse in ihrem rein irdisch ausgerichteten Streben nutzen den Kristall nur noch für selbstsüchtige Zwecke. Sie entziehen dem Kristall und damit Thra Kräfte, um ihre grobstofflichen Körper zu erhalten, nehmen, geben aber nichts zurück. Der ursprünglich klare Kristall selbst nimmt – als Ausdruck des falschen Zweckes, dem er zu dienen gezwungen ist – eine dunkle Färbung an, und schließlich breitet sich als Folge unter allen Kreaturen eine seltsame Form von Wahnsinn und tödlicher Krankheit aus: „The Darkening“ – letztlich also die Ausbreitung des Dunklen.

Auch hier ist die Bildhaftigkeit recht einfach. Zum einen steht der Kristall für die Kraft, die alle Schöpfung durchzieht und von der Menschheit in falsche Kanäle geleitet wird und damit zerstörend statt aufbauend wirkt. Zum anderen aber ist der Kristall und vor allem die Tatsache, daß seine Spaltung einhergeht mit der Spaltung der Urskekse, ein Abbild des menschlichen Verstandes oder gar des menschlichen Gehirns. Der abgetrennte, klare Splitter steht damit für das Klein- oder Empfindungshirn. Ohne die Zusammenarbeit beider Teile kann das Groß- oder Verstandeshirn nur noch Werke der Grobstofflichkeit schaffen, schließt sich von allem Höheren ab und verdunkelt. Und entsprechend, als stärkster Teil, breitet der Mensch diese Dunkelheit in der gesamten Nachschöpfung aus.

Weil [der Mensch] das Feinstoffliche des Jenseits und das Grobstoffliche des Diesseits in sich vereinigt, ist es ihm möglich, beides zu überschauen, beides gleichzeitig zu erleben. Dazu steht ihm noch ein Werkzeug zur Verfügung, das ihn an die Spitze der gesamten grobstofflichen Schöpfung stellt: der Verstand. Mit diesem Werkzeuge vermag er zu lenken, also zu führen.
Verstand ist das höchste Irdische und soll das Steuer sein durch das Erdenleben, während die treibende Kraft die Empfindung ist, die der geistigen Welt entstammt. Der Boden des Verstandes ist also der Körper, der Boden der Empfindung aber ist der Geist.
Der Verstand ist an irdischen Raum- und Zeitbegriff gebunden, wie alles Irdische, als Produkt des Gehirnes, das zum grobstofflichen Körper gehört. Der Verstand wird sich niemals raum- und zeitlos betätigen können, trotzdem er an sich feinstofflicher als der Körper ist, aber doch noch zu dicht und schwer, um sich über irdische Raum- und Zeitbegriffe zu erheben. Er ist also vollkommen erdgebunden.
Die Empfindung aber (nicht das Gefühl) ist raum- und zeitlos, kommt deshalb aus dem Geistigen.
So ausgerüstet, konnte der Mensch innig verbunden sein mit dem Feinstofflichsten, ja sogar Fühlung haben mit dem Geistigen selbst, und doch inmitten alles Irdischen, Grobstofflichen leben und wirken. Der Mensch allein ist in dieser Weise ausgestattet.
Er allein sollte und konnte die gesunde, frische Verbindung geben als die einzige Brücke zwischen den lichten Höhen und dem grobstofflichen Irdischen! Durch ihn allein in seiner Eigenart konnte das reine Leben vom Lichtquell herab in das tiefste Grobstoffliche und von diesem wieder hinauf in herrlichster, harmonischer Wechselwirkung pulsieren! Er steht verbindend zwischen beiden Welten, so daß durch ihn diese zu einer Welt geschmiedet sind.
Er erfüllte jedoch diese Aufgabe nicht. Er trennte diese beiden Welten, anstatt sie fest vereinigt zu erhalten. […]
Der Mensch war durch die soeben erklärte Eigenart tatsächlich zu einer Art Herr der grobstofflichen Welt bestellt worden, weil die grobstoffliche Welt von seiner Mittlerschaft abhängig ist, insoweit, daß sie je nach seiner Art mitzuleiden gezwungen war, oder durch ihn emporgehoben werden konnte, je nachdem die Strömungen vom Licht- und Lebensquell aus rein durch die Menschheit fließen konnten oder nicht.
Der Mensch aber unterband das für die feinstoffliche und für die grobstoffliche Welt notwendige Fließen dieses Wechselstromes. Wie nun ein guter Blutumlauf den Körper frisch und gesund erhält, so ist es mit dem Wechselstrome in der Schöpfung. Ein Unterbinden muß Verwirrung bringen und Erkrankung, die sich zuletzt in Katastrophen löst. […]
Die rein materialistischen, also erdgebundenen, tiefstehenden Gedanken des Verstandes mit all ihren Nebenerscheinungen der Erwerbs- und Gewinnsucht, Lüge, des Raubes, der Unterdrückung, Sinneslust usw. mußten die unerbittliche Wechselwirkung der Gleichart herbeiführen, die alles dementsprechend formte, die Menschen trieb, und zuletzt über allem sich entladen wird mit… Vernichtung! […]
Der Mensch diente nicht wie notwendig als Bindeglied zwischen den feinstofflichen und den grobstofflichen Teilen der Schöpfung, ließ den stets erfrischenden, belebenden und fördernden notwendigen Wechselstrom nicht hindurch, sondern trennte die Schöpfung in zwei Welten, indem er sich der Bindung entzog und ganz an das Grobstoffliche kettete. Somit mußten beide Weltteile nach und nach erkranken.
(„Der Mensch in der Schöpfung“)

Wie ineinandergreifende Glieder einer Kette arbeiten die Instrumente in dem Menschenkörper, die dem Geiste zur Benützung zur Verfügung stehen. Sie alle betätigen sich aber nur formend, anders können sie nicht. Alles ihnen Übertragene formen sie nach ihrer eigenen besonderen Art. So nimmt auch das Vorderhirn das ihm vom Kleinhirn zugeschobene Bild auf und preßt es seiner etwas gröberen Art entsprechend erstmalig in engere Begriffe von Raum und Zeit, verdichtet es damit und bringt es so in die schon greifbarer feinstoffliche Welt der Gedankenformen. […]
Der Mensch jedoch trat freiwillig aus dieser Bahn, welche ihm durch die Beschaffenheit des Körpers vorgeschrieben war. Mit Eigensinn griff er in den normalen Lauf der Kette seiner Instrumente, indem er den Verstand zu seinem Götzen machte. Dadurch warf er die ganze Kraft auf die Erziehung des Verstandes, einseitig nur auf diesen einen Punkt. Das Vorderhirn als der Erzeuger wurde nun im Hinblick auf alle anderen mitarbeitenden Instrumente unverhältnismäßig angestrengt.
Das rächte sich naturgemäß. Die gleichmäßige und gemeinschaftliche Arbeit aller Einzelglieder wurde umgeworfen und gehemmt, damit auch jede richtige Entwicklung. […]
Die Folge ist Zurückdrängung der Tätigkeit aller vernachlässigten Teile, welche schwächer bleiben mußten in geringerer Benutzung. Dazu gehört in erster Linie des Kleingehirn, welches das Instrument des Geistes ist. Daraus geht nun hervor, daß die Betätigung des eigentlichen Menschengeistes nicht nur stark behindert wurde, sondern oft ganz unterbunden ist und ausgeschaltet bleibt. Die Möglichkeit rechten Verkehres mit dem Vorderhirn über die Brücke des kleinen Gehirnes ist verschüttet, während eine Verbindung des menschlichen Geistes direkt mit dem Vorderhirn vollkommen ausgeschlossen bleibt, da dessen Beschaffenheit gar nicht dazu geeignet ist. […]
Ist aber der Lauf natürlichen Geschehens solcherart gehemmt, so muß Erkrankung und Versagen, als Letztes wirres Durcheinander und Zusammenbruch die unbedingte Folge sein.
(„Empfindung“)

Die optische Gestaltung der Skekse und Mystiker (basierend auf Brian Frouds Konzeptzeichnungen) ist durchdacht. Während die Skekse an Geier erinnern, tragen die Mystiker organische Formen, warme Erdfarben, und ihre Gesichtslinien beruhen auf Mustern der Megalithkulturen und Naturvölker und stehen in direktem Zusammenhang mit Leylinien. Spiritualität und Naturverbundenheit werden also auch optisch ausgedrückt und verweisen letztlich darauf, daß die Mystiker einen Teil von Aughras Funktion eingenommen haben. Entsprechend ist es in der Serie ein Mystiker, der „Bogenschütze“, der Aughra auf ihren Weg zurückleitet.
Der Schütze und seine dunkle Hälfte, der Jäger, wurden speziell für die 1. Staffel der Serie kreiert und sind herausragende Charaktere der Handlung. Im Film, um die große Enthüllung nicht vorwegzunehmen, wurde der gemeinsame Ursprung der Mystiker und Skekse so lange wie möglich verschleiert, jedoch gab es Hinweise. Sie haben optische Gemeinsamkeiten, wenn man genau hinschaut. Die vier Arme der Mystiker sind bei den Skeksen durch ihre Roben nicht erkennbar, jedoch rudimentär vorhanden, laut eines der Puppenmacher. In der Serie, in der zumindest bei den Fans dieses Hintergrundwissen vorausgesetzt werden konnte, wird vorwiegend im Falle des Jägers auch das verborgene, verkümmerte Armpaar gezeigt. Neben dem Überraschungseffekt wird damit ebenfalls deutlich gemacht, wie speziell Aughras „alter Freund“ sowohl in seiner hellen als auch seiner dunklen Hälfte ist: Beide leben abseits ihrer jeweiligen Gemeinschaft und nach eigenen Regeln. Der Schütze ist aktiver als die übrigen Mystiker und greift bewußt in das Geschehen ein; der Jäger kehrt den „Hofintrigen“ der Skekse zugunsten einer zwar pervertierten, aber naturnahen Lebensweise den Rücken – und als solcher ist er der einzige, dessen zweites Armpaar noch in Gebrauch ist.

Die Entstehungsgeschichte der Serie ist selbst in hohem Maße symbolisch. Der Film von 1982 war ein Projekt, das seinem Schöpfer Jim Henson nach eigener Aussage am meisten am Herz lag, und der kommerzielle und kritische Mißerfolg war eine schwere Enttäuschung für ihn. Doch im Laufe der folgenden drei Jahrzehnte wurden die schiere künstlerische und technische Innovation und das world building von einem wachsenden Publikum wertgeschätzt. Das Gefühl der Fremdheit, das frühe Zuschauer der Welt von Thra und dem Erzählmodus von The Dark Crystal entgegenbrachten, wich Respekt für die Leistung, die dahintersteckte und ihrer Zeit voraus war, und Liebe für die Charaktere. Heute gilt The Dark Crystal als Klassiker oder Kultfilm.
Es war beides, Jim Hensons spezielle Liebe zu seinem Werk und die andauernde Begeisterung des Fandoms, das die Henson Company unter der Leitung von Lisa Henson dazu bewegten, die Geschichte in irgendeiner Form weitererzählen zu wollen. Ins Auge gefaßt wurde im digitalen Zeitalter natürlich Animation, und so kontaktierte man Netflix als möglichen Produzenten. Die Idee einer Serie fand dort Interesse, aber wie Cindy Holland von Netflix sich im Interview erinnerte:

I went home and I watched the movie again and I kept thinking about it was like “Well, the mythology is great but what makes it really special and transcendent is the puppets.”
(The Crystal Calls – Making The Dark Crystal: Age of Resistance)

Holland stand nicht allein mit ihrer Auffassung da; auch zukünftiger Regisseur Louis Leterrier hatte den Kampf gegen alle vernünftigen, preisleistungsgelenkten Entscheidungen aufgenommen, um respektvoll und werkgetreu mit Jim Hensons Erbe umzugehen. Und so erlebte ausgerechnet im digitalen Zeitalter das Puppenspiel plötzlich seine wohl größte und spektakulärste Manifestation. Einerseits ist darin ein Ringschluß zu erkennen. Die Jim Henson Company kehrte, nachdem sich ihr Schwerpunkt schon lange auf animierte Produktionen verlagert hatte, unvermutet zu ihren Wurzeln zurück, und zwar für gerade das Werk, das ihrem Gründer besonders am Herzen gelegen hatte. Denn für Netflix stand es außer Frage, Age of Resistance mit einer anderen Firma als Puppenbauer und Puppenspieler zu produzieren. Und so fanden sich sogar noch einige am Film beteiligt gewesene Personen zu seiner fast vierzig Jahre später das Licht der Welt erblickenden Vorgeschichte ein.

Andererseits sind aber auch andere Lehren oder Erkenntnisse daraus zu ziehen. Die Tatsache, daß bei einer Entscheidung zwischen digitalem, perfektem, leicht umzusetzendem Medium und realen, greifbaren, aber unperfekten und umständlich zu handhabenden Gegenständen das „Echte“ auf voller Linie gewann (auch die Möglichkeit, zumindest die als schwer „lebendig“ zu gestalten geltenden Gelflinge als digitale Charaktere einzubringen, wurde nach einem Screentest einstimmig verworfen), spricht vielleicht Bände. CGI bereichert Filme auf unglaubliche Weise, und auch die Dark Crystal-Serie profitiert atemberaubend davon. Aber wie so oft ruft steigender technischer Fortschritt zugleich eine Gegenströmung hervor. Auf die Industrialisierung folgte zunächst die Romantik, in einer späteren Phase das Arts and Crafts Movement bzw. der Jugendstil. Und mit fortschreitender Digitalisierung wächst gleichzeitig die Zahl derer, die Handwerken und Gärtnern, aber auch Naturreligionen neu für sich entdecken. The Dark Crystal: Age of Resistance scheint eine weitere Manifestation dieses unbewußten Bedürfnisses oder zumindest Wunsches nach Taktilem zu sein, nach „Wirklichem“, das mit allen Sinnen erfahren werden kann. Und liegt nicht genau darin die Aussage der Geschichte? Sind die Skekse mit ihrer kalten, technologischen, selbstbezogenen und vampirischen Art nicht ein Spiegelbild dessen, was ohne gesunden Ausgleich aus der Menschheit geworden ist? Die fehlende Hälfte, Herzenswärme, Mitgefühl, Verbindung zu „Mutter Erde“ und allen lebenden Wesen, wie sie die Mystiker verkörpern, verschafft sich nur allzu deutlich Gehör. Auch für uns wird es höchste Zeit, die beiden getrennten Hälften wieder zusammenzufügen, wollen wir nicht weiterhin ein ähnliches Elend über die Erde bringen wie im fiktionalen Thra.

Ihr dachtet nie an eine notwendige Gegenleistung, achtetet nicht jenes großen Gottgesetzes, daß im Geben allein Recht zum Nehmen liegt, sondern Ihr habt gedankenlos genommen, mit oder ohne Bitten schrankenlos gefordert, ohne dabei einmal nur der Pflicht der Schöpfung gegenüber zu gedenken, in der Ihr Gäste Euch zu skrupellosen Herren machen wolltet!
(Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft, Vortrag „In der grobstofflichen Werkstatt der Wesenhaften“

Eventually published

Inzwischen ist die Korrespondenz mit dem Journal Editor der T. E. Lawrence Society ins Laufen gekommen. Es gab massive Probleme mit der Mailumleitung, so daß einiges im Limbus verschwunden ist – darunter auch Nachrichten von mir. Das heißt letztlich, daß ich meine beiden „Unpublished“-Einträge erst einmal offline setzen werde, denn sie werden nun wohl doch veröffentlicht. Nur eben nicht so schnell. Das Journal erscheint zweimal im Jahr, man kann sich die Laufzeiten also ausrechnen.
Jetzt hoffe ich nur, daß wenigstens die Korrespondenz zwischen den Editors des Journals und des Newsletters funktioniert, denn eigentlich waren die beiden unveröffentlichten Texte an den Newsletter gegangen…

„Loge von Welttheater“

Mit der Transkription nun soweit durch; an einzelnen Wörtern kniffele ich noch, aber grundsätzlich „steht“ der Text. (Marta hatte in der alten deutschen Schreibschrift [„Sütterlin“, wie sie etwas vereinfacht bezeichnet wird] übrigens eine sehr viel klarere Schrift als in der modernen Form – von der ich bis heute nicht weiß, wie sie eigentlich heißt.)
Es fällt nicht nur auf, daß die Originaltexte sehr viel kürzer sind als die Buchfassung, was Yuliya von Saal ja bereits hervorgehoben hatte und was letztlich auch nicht wirklich überrascht – wenn ich Tagebuch schreibe und die Notizen später für, sagen wir, einen Blogeintrag verwende, muß ich sie auch erheblich ausarbeiten. Denn sie sind Gedächtnisstützen; vieles von dem, was um die Notizen herum geschah, ist in meinem Kopf abgespeichert, aber ich habe mir nicht die Mühe gemacht, alles detailliert aufzuschreiben, weil: wozu?
Bei Marta kam natürlich die Zeitknappheit hinzu. Gerade im zweiten Tagebuch (IfZ-Signatur ED 934, Bd. 3), vom 28. April bis 17. Mai 1945, überschlagen sich die Ereignisse, und zum Hinsetzen und ausgiebigem Schreiben fehlte ganz einfach die Ruhe. Man sieht es an den Einträgen; die Schrift ist fahrig, fehlerlastig, immer wieder wird nach einem oder zwei Sätzen abgebrochen und später weiternotiert. Dazwischen aber auch immer mal wieder die philosophischen Gedankengänge, die in Eine Frau in Berlin so bestechen, teilweise zu den überraschendsten Gelegenheiten.
Es ist wahr, wie Frau von Saal schreibt: Die vielen Überlegungen um Frauen und Männer, die den Ton des Buches bestimmen, fehlen in den Originaltagebüchern fast komplett. Das heißt zum einen nicht, daß sie nicht da sind; sie finden nur zwischen den Zeilen statt, wenn Marta zum Beispiel von Gesprächen mit anderen Frauen berichtet. Zum anderen glaube ich, daß, als Marta noch 1945 ihre Aufzeichnungen in die maschinengeschriebene „Fassung 2“ übertrug, ihr viele Dinge im Rückblick deutlich wurden.
Die Selbstreflexion, die ja einen Teil der Podiumsdiskussion ausmachte, wo sie, obwohl ein nachträgliches Produkt, immer noch als ungewöhnlich für die Schriften der Zeit betont wurde, finde ich schwer einzuschätzen. Soll heißen: War sie echt? Las Marta im Abstand der Jahre, als das Buchprojekt langsam spruchreif wurde, ihre Aufzeichnungen neu durch und dachte: „Du liebe Zeit, wie konnte ich so oberflächlich sein?“ Oder war diese Reflexion Teil der literarischen Persona, die Marta für ihr Buch – mitunter mit spürbarem Vergnügen – schuf?

Denn wenn es etwas gibt, das mir im Zuge meiner Recherchen auffiel, dann, daß sie generell wenig reflektierte. Ich brachte das schon mehrfach zur Sprache im Zusammenhang mit der berüchtigten Frage, ob Marta eine Nazisse gewesen sei. Bis heute verneine ich diese Frage. Ich habe Marta immer als unpolitisch bezeichnet, nicht, weil sie sich etwa politisch nicht engagiert hätte (sie tat es), sondern weil sie politisch wenig bis keinen Tiefgang hatte, so erschloß es sich mir zumindest. Sie kam mit allen politischen Systemen ihres Lebens – und das waren so einige! – zurecht, weil sie sich mit allen arrangieren konnte. Nicht so sehr aus Opportunismus, sondern aus Desinteresse. Sie hatte andere Dinge, die ihr wesentlich wichtiger waren als Politik, selbst wenn sie sich in einem politischen Umfeld bewegte und davon geprägt wurde. Kann man Marta oberflächlich nennen? Durchaus. Das schließt nicht aus, daß sie gebildet war und viele Interessen hatte.

Ihre Originaltagebücher geben davon Zeugnis – immer unter dem Vorbehalt, daß es Notizen sind, die eventuelle innere Vorgänge nicht wiedergeben. Psychologisch bestimmt spannend ist die einfache Tatsache, daß die Aufzeichnungen anfangs zunächst vom „Führer“ sprechen. Im Laufe der Tage wird er zu „Hitler“, bis sie schließlich bei „Adolf“ ankommen. Die Aufzeichnungen offenbaren gerade anfangs eine erschreckende Unreflektiertheit: Die Wut auf die Führung wächst und gedeiht, das Volk sieht sich als irregeleitet, getäuscht.

„dies alles verdanken wir unserem Führer!“ Wir reden und reden, können die Größe des Verbrechens, das an uns allen begangen, nicht fassen.

Dazu könnte man natürlich aus heutiger Sicht so einiges sagen. Nun ist es zugegebenermaßen schwierig, einen Diktator, wenn er einmal an der Macht ist, wieder abzuwählen; und zumindest Marta wählte Adolf niemals an die Macht, das läßt sich zu 100% beweisen (1933 war sie erstens Kommunistin und zweitens weit weg in der Sowjetunion). Und natürlich veranstalteten KZs keinen Tag der offenen Tür. Ich glaube beispielsweise der Cousine meines Großvaters, die sagte, sie hätte nie von Judenverfolgungen gewußt – sie lebte in einem kleinen Dorf auf dem Land, wo es vermutlich keine jüdischen Bewohner gab und auch keine Straf- oder Konzentrationslager. Aber Marta lebte elf von zwölf Jahren des Regimes in Berlin, in einem Künstler- und Intelligentia-Umfeld, das einen hohen Prozentsatz sowohl an Juden als auch an Linksintellektuellen aufwies. Sie war Journalistin. Sie kannte Soldaten, die an der Ostfront kämpften. Ihr Großcousin und ihre Freundin sowie mehrere Bekannte standen unter Beobachtung der Gestapo. Ihre Mutter wurde vermutlich (unbestätigt, aber die Indizien deuten darauf hin) ein Euthanasie-Opfer. Es war kein Nichtwissenkönnen in Martas Fall; es war ein Nichtwissenwollen. Und das erklärt sich, so wie ich es sehe, in erster Linie daraus, daß Marta nicht reflektierte, sondern als „Schwester Leichtfuß“ lieber mit anderen Dingen beschäftigt war.

Frau St. [Stamer] und ich sind wie la cigale et la fourmie [sic],

schreibt sie in ihren Aufzeichnungen, und da ist sicherlich viel Wahres dran. Die Marta, die man auf den Seiten ihrer Originaltagebücher kennenlernt, ist weit weniger sympathisch und nahbar als die Anonyma aus Eine Frau in Berlin.

Man hört von Juden, die wieder auftauchen, Wohnungen, Möbel usw. in Besitz nehmen dürfen; halten sich an die Parteigenossen. Frau W. [Werndl], die das erzählt, fügt hinzu: „Ganz richtig so“. Ich denke an ein Wort, das Jünger zitierte, nach einem Franzosen: „Es ist ein Fest für den Menschen, wenn das Hohe erniedrigt wird, wenn das Mächtige in den Kot sinkt“. Das feige Verschwinden und Untertauchen unserer Führung erbittert uns so sehr – wie die Verbrecher, wie die Ganoven fliehen sie vor dem, was sie verschuldeten.

Zum Ende ihrer Aufzeichnungen hin ist jedoch bereits ein leichtes Umdenken erfolgt.

Dann das zweite Stichwort: Die deutsche Objektivität. Uns ist ein starker Gerechtigkeitssinn eingeboren. Kein whright [sic] or wrong – my country – nein, wir sehen unser eigenes Unrecht vielleicht noch schärfer. „Unsere haben’s genau so gemacht“ – ein Wort, das sich bis zum Überdruß wiederholt: unsere haben die Dörfer des Ostens leergegessen, haben die Alten und Jungen zum Schuften getrieben, haben, wie Russen erzählen, Kinder und Greise umgebracht, haben alles drüben denen angetan, was man jetzt uns antut.

Die Originalaufzeichnungen haben aber auch durchaus ihre Momente. Die kleinen Skizzen und Anekdoten des Berliner Lebens bestechen wie eh und je, und es gibt amüsante Einzeiler.

Fiebrig erregte, aufgekratzte, nervöse Stimmung, Witze, Galgenhumor (Wie man die Flugzeuge erkennt? Die hellen sind Engländer, die dunklen Russen; und die man gar nicht sieht, das sind unsere!)

Inzwischen schluckten wir „die größte Niederlage aller Zeiten“, um adolfinisch zu reden.

(Eine dolle Vokabel, werde ich mir merken!)

Ein Großteil der Aufzeichnungen dreht sich um das Essen, und hier wußte ich den unterschwelligen Humor sehr zu schätzen, den Marta zeigte, als sie – erkennbar nach Durchsicht ihrer Aufzeichnungen – für Eine Frau in Berlin den berühmten Satz einfügte, all ihr Denken, Tun und Fühlen beginne im Bauch.

Eine ganz interessante Geschichte ist übrigens das „Flüchtlingsmädel aus Königsberg“. Ich schrieb hier schon vor einigen Jahren über den auf LeMO entdeckten Bericht dazu und auch darüber, daß ich mit Frau Seifert telefoniert hatte. Wir kamen seinerzeit auf keinen gemeinsamen Nenner, denn Cousine Doras Geschichte spielte sich in Pankow ab, während ich davon überzeugt war (und es hat sich ja nun bestätigt), daß Martas Schilderung aus Tempelhof stammte. Außerdem wußte ich, daß Marta Einzelheiten zu den Personen verändert hatte, daß das Flüchtlingsmädel in der Form also vermutlich nicht existierte. Aber mir erschien die Übereinstimmung immer interessant genug, um sie im Hinterkopf zu behalten – denn wie gesehen übernahm Marta ja Schilderungen und baute sie im Zusammenhang verändert in ihr Buch ein. Es ist also durchaus möglich, daß sie auf irgendeinem Wege von Dora erfuhr. Das Flüchtlingsmädel aus Königsberg und die Puddingschwestern (nicht -tanten, wie Frau Seifert schreibt) jedenfalls tauchen in den Originaltagebüchern nicht auf, nur zwei Sätze, die diesen Figuren später zugeordnet wurden.

P.S. (2.8.19)

Nun fällt mir doch mittelschwer verspätet auf, daß ich an dieser Stelle noch nichts zu den Personen und ihren fiktionalen Gegenstücken geschrieben habe. Wer Interesse hat, schaue in meiner englischen Artikelserie nach: https://clarissaschnabel.wordpress.com/2014/11/07/the-life-and-times-of-marta-dietschy-hillers-part-4-the-characters-and-places-in-a-woman-in-berlin/