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Man arbeitet sich vor. Meine Übersetzung von Jaroljmeks (wie zum Geier spricht man den Menschen eigentlich aus?) Mekkabahn-Artikel wird in der nächsten Ausgabe des Journal of the T. E. Lawrence Society erscheinen.
Bin mal gespannt, wann es mit dem Mikusch-Artikel soweit ist – die Ausgabe drauf? Oder in einem Jahr? Aber immerhin ist er überhaupt beim Empfänger gelandet und wurde meines Wissens auch akzeptiert. War ja ein ziemlicher Kraftakt.

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Unterhaltungsmedien und die Botschaft aus dem Licht: Trennung von und Rückkehr zu den Wurzeln in The Dark Crystal und Age of Resistance

Es ist für ihn ein Übergang wie der des kleinen Kindes, welches unter den zärtlichen Händen einer Mutter oder Großmutter leuchtenden Auges und mit vor Begeisterung erhitzenden Wangen beglückt Märchen anhören konnte, um dann endlich die Welt und Menschen in der Wirklichkeit zu sehen. Ganz anders, als es in den schönen Märchen klingt, und doch bei schärferer, rückwärtiger Betrachtung dieser Märchen im Grunde ebenso.
(Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft, Vortrag „Kreatur Mensch“)

Mehr als jedem anderen Genre ist es Fantasy – oder seinen älteren Formen, dem Märchen oder der Sage – möglich, viele Wahrheiten über mehr als rein irdische Dinge zu vermitteln, auch wenn dies dem Urheber selbst vielleicht unerkannt bleibt. Als Kind habe ich Märchen und Sagen sehr geliebt, und ich bin ihnen in ihrer modernen Inkarnation als Fantasy-Romane und -Filme bis heute treu geblieben.
Eines der ungewöhnlichsten Projekte in diesem Genre war Jim Hensons Film The Dark Crystal von 1982. Er erzählte eine klassische Fantasy-Geschichte mit Hilfe von Hensons Spezialmedium: Puppen. Nun, am 30. August 2019, kehrte Hensons Werkstatt, inzwischen unter der Leitung seiner Tochter Lisa, in Serienform zu diesem Projekt zurück. Puppen stehen noch immer im Zentrum der Produktion, obwohl heutzutage auch auf die im Gegensatz zu den 80ern weit fortgeschrittenen Möglichkeiten des CGI zurückgegriffen wird. Selbst unter Fantasygeschichten selten ist die Tatsache, daß es auf dem Planeten oder der phantastischen Welt Thra keine Menschen gibt; humanoide Lebensformen sind die Gelflinge (zu denen die wesentlichen Helden der Handlung gehören) und Podlinge, sowie Aughra, die gleichzeitig Schamanin, Sprecherin Thras und Hüterin des titelgebenden Kristalls, der Seele Thras, wenn man so will, ist.
Diese Verbundenheit zu der fiktionalen „Mutter Erde“ zieht sich als roter Faden durch die Geschichte. Die Gelflinge leben in einer matriarchalischen Gesellschaft in sieben Stämmen oder auch Rassen mit ihrer jeweils eigenen Kultur, doch zusammengeschlossen unter der Herrschaft der „All-Maudra“ oder Matriarchin, diese wiederum gehorsam der Hüterin Thras, Mutter Aughra.

Diese naturverbundene Welt ist geordnet, harmonisch und im Gleichgewicht, bis fremde Besucher auf Thra ankommen. Die Urskekse sind körperlose Lichtwesen, weise und wissend und bereichern anfangs das Zusammenwirken der Kräfte Thras. Doch durch scheinbar einfache kleine Dinge beginnt das Gleichgewicht langsam aus dem Lot zu geraten. Aughra zeigt sich fasziniert von dem Wissen um die Sterne, und die Urskekse sind gern bereit, ihr Wissen zu teilen. Im Gegenzug richtet sich ihr Interesse auf den Kristall der Wahrheit, in dem sie eine Möglichkeit sehen, sich ihrer noch immer vorhandenen inneren Dunkelheit endlich zu entledigen.
Wie schon in Stevensons Jekyll and Hyde besteht der Fehler darin, daß ein einfacher, bequemer Weg dazu gesucht wird. Weder Doktor Jekyll noch die Urskekse wollen ihre Schwächen, ihr Dunkel bewußt und mit eigener Anstrengung überwinden, sie suchen nach einer einfachen Lösung, die sie von ihrem Dunkel befreit. Doch eine Befreiung dieser Art ist keine Überwindung – das Dunkel kann nicht einfach so verschwinden, es nimmt lediglich eine neue und zugleich stärkere Form an. In beiden Fällen wortwörtlich. Während Jekyll und Hyde als eigenständige Persönlichkeiten einen Körper teilen, so spalten sich die Urskekse in zwei getrennte, plötzlich körperhafte Arten, die abgrundtief bösen, nur dem Grobstofflichen zugewandten, aktiven Skekse und die weisen, passiven Urru oder Mystiker. Aughra, die ihr Bewußtsein zunehmend länger auf Astralreisen in den Kosmos aussendet, ignoriert die Gefahr dieser Entwicklung und überläßt den Skeksen die Obhut des Kristalls im Gegenzug für mehr Wissen.

Eine Übertragung dieser Grundlagen der Handlung von The Dark Crystal auf das Schöpfungswissen der Gralsbotschaft ist nicht wirklich schwer. Die (grobstofflich) körperlosen Urskekse binden sich durch ihre gewollte Interaktion an die Grobstofflichkeit, bis sie zuletzt „inkarnieren“. Dies geht einher mit einer Spaltung in aktive und passive Pole, aber bedingt durch falsches Streben ist es kein natürlicher, gesunder Zustand. Anstatt für einander den nötigen Ausgleich zu schaffen, stehen sich beide Pole als grundverschieden ohne Berührungspunkte gegenüber und gehen getrennte Wege.

Wenn es auch nur die zartesten Andeutungen sind, die diese Feinstofflichkeit wie ein Hauch durchziehen, so genügen sie doch, das empfindsame Wollen in dem Geistkeime zu wecken und aufmerksam zu machen. Er verlangt, von dieser oder jener Schwingung zu „naschen“, ihr nachzugehen, oder, wenn man es anders ausdrücken will, sich von dieser mitziehen zu lassen, das einem Sichanziehenlassen gleichkommt. […]
Der sich in dieser Weise nun mehr und mehr entwickelnde Keim des Geistes muß der Erde dabei immer näher kommen, da von dieser die Schwingungen am stärksten ausgehen und er immer bewußter steuernd diesen folgt, oder besser gesagt, sich von ihnen „anziehen“ läßt, um die nach seiner Neigung gewählten Arten immer stärker auskosten zu können. Er will vom Naschen zu dem wirklichen „Schmecken“ übergehen, und zu dem „Genießen“.
(„Der Mensch und sein freier Wille“)

Der Mensch als solcher stand allein und verwendete nun im Wachsen vorwiegend die schrofferen, strengeren Empfindungen bei seinem Lebensunterhalte, wodurch die zarteren mehr und mehr zur Seite gedrängt und isoliert wurden, bis sie sich als der zartere Teil des geistigen Menschen ganz abspalteten.
Dieser zweite Teil nun wurde, um nicht unwirksam im Grobstofflichen zu bleiben, wo er zur Hebung unbedingt in erster Linie notwendig war, in ein zweites Gefäß inkarniert, das der Feinheit entsprechend weiblichen Geschlechtes war, während die schrofferen Empfindungen dem grobstofflich stärkeren Manne blieben.
(„Die Erschaffung des Menschen“)

Aughra wiederum verläßt den rechten Weg durch ihr Streben nach Verstandeswissen. Sie trennt sich von ihrer Verbindung zu den wesenhaften Kräften ab, bis sie „Thras Lied“ nicht mehr hören kann. Zugleich versinkt sie in Verinnerlichung, Passivität; eine Verbiegung des weiblichen, passiven Pols.
Aughras Abwesenheiten werden länger und länger, bis schließlich Jahrhunderte über ihren Astralreisen vergehen. In der Zwischenzeit haben die Bewohner Thras, allen voran die Gelflinge, die Skekse als neue Herren des Kristalls akzeptiert, ohne die Wahrheit zu kennen. Die Skekse in ihrem rein irdisch ausgerichteten Streben nutzen den Kristall nur noch für selbstsüchtige Zwecke. Sie entziehen dem Kristall und damit Thra Kräfte, um ihre grobstofflichen Körper zu erhalten, nehmen, geben aber nichts zurück. Der ursprünglich klare Kristall selbst nimmt – als Ausdruck des falschen Zweckes, dem er zu dienen gezwungen ist – eine dunkle Färbung an, und schließlich breitet sich als Folge unter allen Kreaturen eine seltsame Form von Wahnsinn und tödlicher Krankheit aus: „The Darkening“ – letztlich also die Ausbreitung des Dunklen.

Auch hier ist die Bildhaftigkeit recht einfach. Zum einen steht der Kristall für die Kraft, die alle Schöpfung durchzieht und von der Menschheit in falsche Kanäle geleitet wird und damit zerstörend statt aufbauend wirkt. Zum anderen aber ist der Kristall und vor allem die Tatsache, daß seine Spaltung einhergeht mit der Spaltung der Urskekse, ein Abbild des menschlichen Verstandes oder gar des menschlichen Gehirns. Der abgetrennte, klare Splitter steht damit für das Klein- oder Empfindungshirn. Ohne die Zusammenarbeit beider Teile kann das Groß- oder Verstandeshirn nur noch Werke der Grobstofflichkeit schaffen, schließt sich von allem Höheren ab und verdunkelt. Und entsprechend, als stärkster Teil, breitet der Mensch diese Dunkelheit in der gesamten Nachschöpfung aus.

Weil [der Mensch] das Feinstoffliche des Jenseits und das Grobstoffliche des Diesseits in sich vereinigt, ist es ihm möglich, beides zu überschauen, beides gleichzeitig zu erleben. Dazu steht ihm noch ein Werkzeug zur Verfügung, das ihn an die Spitze der gesamten grobstofflichen Schöpfung stellt: der Verstand. Mit diesem Werkzeuge vermag er zu lenken, also zu führen.
Verstand ist das höchste Irdische und soll das Steuer sein durch das Erdenleben, während die treibende Kraft die Empfindung ist, die der geistigen Welt entstammt. Der Boden des Verstandes ist also der Körper, der Boden der Empfindung aber ist der Geist.
Der Verstand ist an irdischen Raum- und Zeitbegriff gebunden, wie alles Irdische, als Produkt des Gehirnes, das zum grobstofflichen Körper gehört. Der Verstand wird sich niemals raum- und zeitlos betätigen können, trotzdem er an sich feinstofflicher als der Körper ist, aber doch noch zu dicht und schwer, um sich über irdische Raum- und Zeitbegriffe zu erheben. Er ist also vollkommen erdgebunden.
Die Empfindung aber (nicht das Gefühl) ist raum- und zeitlos, kommt deshalb aus dem Geistigen.
So ausgerüstet, konnte der Mensch innig verbunden sein mit dem Feinstofflichsten, ja sogar Fühlung haben mit dem Geistigen selbst, und doch inmitten alles Irdischen, Grobstofflichen leben und wirken. Der Mensch allein ist in dieser Weise ausgestattet.
Er allein sollte und konnte die gesunde, frische Verbindung geben als die einzige Brücke zwischen den lichten Höhen und dem grobstofflichen Irdischen! Durch ihn allein in seiner Eigenart konnte das reine Leben vom Lichtquell herab in das tiefste Grobstoffliche und von diesem wieder hinauf in herrlichster, harmonischer Wechselwirkung pulsieren! Er steht verbindend zwischen beiden Welten, so daß durch ihn diese zu einer Welt geschmiedet sind.
Er erfüllte jedoch diese Aufgabe nicht. Er trennte diese beiden Welten, anstatt sie fest vereinigt zu erhalten. […]
Der Mensch war durch die soeben erklärte Eigenart tatsächlich zu einer Art Herr der grobstofflichen Welt bestellt worden, weil die grobstoffliche Welt von seiner Mittlerschaft abhängig ist, insoweit, daß sie je nach seiner Art mitzuleiden gezwungen war, oder durch ihn emporgehoben werden konnte, je nachdem die Strömungen vom Licht- und Lebensquell aus rein durch die Menschheit fließen konnten oder nicht.
Der Mensch aber unterband das für die feinstoffliche und für die grobstoffliche Welt notwendige Fließen dieses Wechselstromes. Wie nun ein guter Blutumlauf den Körper frisch und gesund erhält, so ist es mit dem Wechselstrome in der Schöpfung. Ein Unterbinden muß Verwirrung bringen und Erkrankung, die sich zuletzt in Katastrophen löst. […]
Die rein materialistischen, also erdgebundenen, tiefstehenden Gedanken des Verstandes mit all ihren Nebenerscheinungen der Erwerbs- und Gewinnsucht, Lüge, des Raubes, der Unterdrückung, Sinneslust usw. mußten die unerbittliche Wechselwirkung der Gleichart herbeiführen, die alles dementsprechend formte, die Menschen trieb, und zuletzt über allem sich entladen wird mit… Vernichtung! […]
Der Mensch diente nicht wie notwendig als Bindeglied zwischen den feinstofflichen und den grobstofflichen Teilen der Schöpfung, ließ den stets erfrischenden, belebenden und fördernden notwendigen Wechselstrom nicht hindurch, sondern trennte die Schöpfung in zwei Welten, indem er sich der Bindung entzog und ganz an das Grobstoffliche kettete. Somit mußten beide Weltteile nach und nach erkranken.
(„Der Mensch in der Schöpfung“)

Wie ineinandergreifende Glieder einer Kette arbeiten die Instrumente in dem Menschenkörper, die dem Geiste zur Benützung zur Verfügung stehen. Sie alle betätigen sich aber nur formend, anders können sie nicht. Alles ihnen Übertragene formen sie nach ihrer eigenen besonderen Art. So nimmt auch das Vorderhirn das ihm vom Kleinhirn zugeschobene Bild auf und preßt es seiner etwas gröberen Art entsprechend erstmalig in engere Begriffe von Raum und Zeit, verdichtet es damit und bringt es so in die schon greifbarer feinstoffliche Welt der Gedankenformen. […]
Der Mensch jedoch trat freiwillig aus dieser Bahn, welche ihm durch die Beschaffenheit des Körpers vorgeschrieben war. Mit Eigensinn griff er in den normalen Lauf der Kette seiner Instrumente, indem er den Verstand zu seinem Götzen machte. Dadurch warf er die ganze Kraft auf die Erziehung des Verstandes, einseitig nur auf diesen einen Punkt. Das Vorderhirn als der Erzeuger wurde nun im Hinblick auf alle anderen mitarbeitenden Instrumente unverhältnismäßig angestrengt.
Das rächte sich naturgemäß. Die gleichmäßige und gemeinschaftliche Arbeit aller Einzelglieder wurde umgeworfen und gehemmt, damit auch jede richtige Entwicklung. […]
Die Folge ist Zurückdrängung der Tätigkeit aller vernachlässigten Teile, welche schwächer bleiben mußten in geringerer Benutzung. Dazu gehört in erster Linie des Kleingehirn, welches das Instrument des Geistes ist. Daraus geht nun hervor, daß die Betätigung des eigentlichen Menschengeistes nicht nur stark behindert wurde, sondern oft ganz unterbunden ist und ausgeschaltet bleibt. Die Möglichkeit rechten Verkehres mit dem Vorderhirn über die Brücke des kleinen Gehirnes ist verschüttet, während eine Verbindung des menschlichen Geistes direkt mit dem Vorderhirn vollkommen ausgeschlossen bleibt, da dessen Beschaffenheit gar nicht dazu geeignet ist. […]
Ist aber der Lauf natürlichen Geschehens solcherart gehemmt, so muß Erkrankung und Versagen, als Letztes wirres Durcheinander und Zusammenbruch die unbedingte Folge sein.
(„Empfindung“)

Die optische Gestaltung der Skekse und Mystiker (basierend auf Brian Frouds Konzeptzeichnungen) ist durchdacht. Während die Skekse an Geier erinnern, tragen die Mystiker organische Formen, warme Erdfarben, und ihre Gesichtslinien beruhen auf Mustern der Megalithkulturen und Naturvölker und stehen in direktem Zusammenhang mit Leylinien. Spiritualität und Naturverbundenheit werden also auch optisch ausgedrückt und verweisen letztlich darauf, daß die Mystiker einen Teil von Aughras Funktion eingenommen haben. Entsprechend ist es in der Serie ein Mystiker, der „Bogenschütze“, der Aughra auf ihren Weg zurückleitet.
Der Schütze und seine dunkle Hälfte, der Jäger, wurden speziell für die 1. Staffel der Serie kreiert und sind herausragende Charaktere der Handlung. Im Film, um die große Enthüllung nicht vorwegzunehmen, wurde der gemeinsame Ursprung der Mystiker und Skekse so lange wie möglich verschleiert, jedoch gab es Hinweise. Sie haben optische Gemeinsamkeiten, wenn man genau hinschaut. Die vier Arme der Mystiker sind bei den Skeksen durch ihre Roben nicht erkennbar, jedoch rudimentär vorhanden, laut eines der Puppenmacher. In der Serie, in der zumindest bei den Fans dieses Hintergrundwissen vorausgesetzt werden konnte, wird vorwiegend im Falle des Jägers auch das verborgene, verkümmerte Armpaar gezeigt. Neben dem Überraschungseffekt wird damit ebenfalls deutlich gemacht, wie speziell Aughras „alter Freund“ sowohl in seiner hellen als auch seiner dunklen Hälfte ist: Beide leben abseits ihrer jeweiligen Gemeinschaft und nach eigenen Regeln. Der Schütze ist aktiver als die übrigen Mystiker und greift bewußt in das Geschehen ein; der Jäger kehrt den „Hofintrigen“ der Skekse zugunsten einer zwar pervertierten, aber naturnahen Lebensweise den Rücken – und als solcher ist er der einzige, dessen zweites Armpaar noch in Gebrauch ist.

Die Entstehungsgeschichte der Serie ist selbst in hohem Maße symbolisch. Der Film von 1982 war ein Projekt, das seinem Schöpfer Jim Henson nach eigener Aussage am meisten am Herz lag, und der kommerzielle und kritische Mißerfolg war eine schwere Enttäuschung für ihn. Doch im Laufe der folgenden drei Jahrzehnte wurden die schiere künstlerische und technische Innovation und das world building von einem wachsenden Publikum wertgeschätzt. Das Gefühl der Fremdheit, das frühe Zuschauer der Welt von Thra und dem Erzählmodus von The Dark Crystal entgegenbrachten, wich Respekt für die Leistung, die dahintersteckte und ihrer Zeit voraus war, und Liebe für die Charaktere. Heute gilt The Dark Crystal als Klassiker oder Kultfilm.
Es war beides, Jim Hensons spezielle Liebe zu seinem Werk und die andauernde Begeisterung des Fandoms, das die Henson Company unter der Leitung von Lisa Henson dazu bewegten, die Geschichte in irgendeiner Form weitererzählen zu wollen. Ins Auge gefaßt wurde im digitalen Zeitalter natürlich Animation, und so kontaktierte man Netflix als möglichen Produzenten. Die Idee einer Serie fand dort Interesse, aber wie Cindy Holland von Netflix sich im Interview erinnerte:

I went home and I watched the movie again and I kept thinking about it was like “Well, the mythology is great but what makes it really special and transcendent is the puppets.”
(The Crystal Calls – Making The Dark Crystal: Age of Resistance)

Holland stand nicht allein mit ihrer Auffassung da; auch zukünftiger Regisseur Louis Leterrier hatte den Kampf gegen alle vernünftigen, preisleistungsgelenkten Entscheidungen aufgenommen, um respektvoll und werkgetreu mit Jim Hensons Erbe umzugehen. Und so erlebte ausgerechnet im digitalen Zeitalter das Puppenspiel plötzlich seine wohl größte und spektakulärste Manifestation. Einerseits ist darin ein Ringschluß zu erkennen. Die Jim Henson Company kehrte, nachdem sich ihr Schwerpunkt schon lange auf animierte Produktionen verlagert hatte, unvermutet zu ihren Wurzeln zurück, und zwar für gerade das Werk, das ihrem Gründer besonders am Herzen gelegen hatte. Denn für Netflix stand es außer Frage, Age of Resistance mit einer anderen Firma als Puppenbauer und Puppenspieler zu produzieren. Und so fanden sich sogar noch einige am Film beteiligt gewesene Personen zu seiner fast vierzig Jahre später das Licht der Welt erblickenden Vorgeschichte ein.

Andererseits sind aber auch andere Lehren oder Erkenntnisse daraus zu ziehen. Die Tatsache, daß bei einer Entscheidung zwischen digitalem, perfektem, leicht umzusetzendem Medium und realen, greifbaren, aber unperfekten und umständlich zu handhabenden Gegenständen das „Echte“ auf voller Linie gewann (auch die Möglichkeit, zumindest die als schwer „lebendig“ zu gestalten geltenden Gelflinge als digitale Charaktere einzubringen, wurde nach einem Screentest einstimmig verworfen), spricht vielleicht Bände. CGI bereichert Filme auf unglaubliche Weise, und auch die Dark Crystal-Serie profitiert atemberaubend davon. Aber wie so oft ruft steigender technischer Fortschritt zugleich eine Gegenströmung hervor. Auf die Industrialisierung folgte zunächst die Romantik, in einer späteren Phase das Arts and Crafts Movement bzw. der Jugendstil. Und mit fortschreitender Digitalisierung wächst gleichzeitig die Zahl derer, die Handwerken und Gärtnern, aber auch Naturreligionen neu für sich entdecken. The Dark Crystal: Age of Resistance scheint eine weitere Manifestation dieses unbewußten Bedürfnisses oder zumindest Wunsches nach Taktilem zu sein, nach „Wirklichem“, das mit allen Sinnen erfahren werden kann. Und liegt nicht genau darin die Aussage der Geschichte? Sind die Skekse mit ihrer kalten, technologischen, selbstbezogenen und vampirischen Art nicht ein Spiegelbild dessen, was ohne gesunden Ausgleich aus der Menschheit geworden ist? Die fehlende Hälfte, Herzenswärme, Mitgefühl, Verbindung zu „Mutter Erde“ und allen lebenden Wesen, wie sie die Mystiker verkörpern, verschafft sich nur allzu deutlich Gehör. Auch für uns wird es höchste Zeit, die beiden getrennten Hälften wieder zusammenzufügen, wollen wir nicht weiterhin ein ähnliches Elend über die Erde bringen wie im fiktionalen Thra.

Ihr dachtet nie an eine notwendige Gegenleistung, achtetet nicht jenes großen Gottgesetzes, daß im Geben allein Recht zum Nehmen liegt, sondern Ihr habt gedankenlos genommen, mit oder ohne Bitten schrankenlos gefordert, ohne dabei einmal nur der Pflicht der Schöpfung gegenüber zu gedenken, in der Ihr Gäste Euch zu skrupellosen Herren machten wolltet!
(Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft, Vortrag „In der grobstofflichen Werkstatt der Wesenhaften“

Eventually published

Inzwischen ist die Korrespondenz mit dem Journal Editor der T. E. Lawrence Society ins Laufen gekommen. Es gab massive Probleme mit der Mailumleitung, so daß einiges im Limbus verschwunden ist – darunter auch Nachrichten von mir. Das heißt letztlich, daß ich meine beiden „Unpublished“-Einträge erst einmal offline setzen werde, denn sie werden nun wohl doch veröffentlicht. Nur eben nicht so schnell. Das Journal erscheint zweimal im Jahr, man kann sich die Laufzeiten also ausrechnen.
Jetzt hoffe ich nur, daß wenigstens die Korrespondenz zwischen den Editors des Journals und des Newsletters funktioniert, denn eigentlich waren die beiden unveröffentlichten Texte an den Newsletter gegangen…

„Loge von Welttheater“

Mit der Transkription nun soweit durch; an einzelnen Wörtern kniffele ich noch, aber grundsätzlich „steht“ der Text. (Marta hatte in der alten deutschen Schreibschrift [„Sütterlin“, wie sie etwas vereinfacht bezeichnet wird] übrigens eine sehr viel klarere Schrift als in der modernen Form – von der ich bis heute nicht weiß, wie sie eigentlich heißt.)
Es fällt nicht nur auf, daß die Originaltexte sehr viel kürzer sind als die Buchfassung, was Yuliya von Saal ja bereits hervorgehoben hatte und was letztlich auch nicht wirklich überrascht – wenn ich Tagebuch schreibe und die Notizen später für, sagen wir, einen Blogeintrag verwende, muß ich sie auch erheblich ausarbeiten. Denn sie sind Gedächtnisstützen; vieles von dem, was um die Notizen herum geschah, ist in meinem Kopf abgespeichert, aber ich habe mir nicht die Mühe gemacht, alles detailliert aufzuschreiben, weil: wozu?
Bei Marta kam natürlich die Zeitknappheit hinzu. Gerade im zweiten Tagebuch (IfZ-Signatur ED 934, Bd. 3), vom 28. April bis 17. Mai 1945, überschlagen sich die Ereignisse, und zum Hinsetzen und ausgiebigem Schreiben fehlte ganz einfach die Ruhe. Man sieht es an den Einträgen; die Schrift ist fahrig, fehlerlastig, immer wieder wird nach einem oder zwei Sätzen abgebrochen und später weiternotiert. Dazwischen aber auch immer mal wieder die philosophischen Gedankengänge, die in Eine Frau in Berlin so bestechen, teilweise zu den überraschendsten Gelegenheiten.
Es ist wahr, wie Frau von Saal schreibt: Die vielen Überlegungen um Frauen und Männer, die den Ton des Buches bestimmen, fehlen in den Originaltagebüchern fast komplett. Das heißt zum einen nicht, daß sie nicht da sind; sie finden nur zwischen den Zeilen statt, wenn Marta zum Beispiel von Gesprächen mit anderen Frauen berichtet. Zum anderen glaube ich, daß, als Marta noch 1945 ihre Aufzeichnungen in die maschinengeschriebene „Fassung 2“ übertrug, ihr viele Dinge im Rückblick deutlich wurden.
Die Selbstreflexion, die ja einen Teil der Podiumsdiskussion ausmachte, wo sie, obwohl ein nachträgliches Produkt, immer noch als ungewöhnlich für die Schriften der Zeit betont wurde, finde ich schwer einzuschätzen. Soll heißen: War sie echt? Las Marta im Abstand der Jahre, als das Buchprojekt langsam spruchreif wurde, ihre Aufzeichnungen neu durch und dachte: „Du liebe Zeit, wie konnte ich so oberflächlich sein?“ Oder war diese Reflexion Teil der literarischen Persona, die Marta für ihr Buch – mitunter mit spürbarem Vergnügen – schuf?

Denn wenn es etwas gibt, das mir im Zuge meiner Recherchen auffiel, dann, daß sie generell wenig reflektierte. Ich brachte das schon mehrfach zur Sprache im Zusammenhang mit der berüchtigten Frage, ob Marta eine Nazisse gewesen sei. Bis heute verneine ich diese Frage. Ich habe Marta immer als unpolitisch bezeichnet, nicht, weil sie sich etwa politisch nicht engagiert hätte (sie tat es), sondern weil sie politisch wenig bis keinen Tiefgang hatte, so erschloß es sich mir zumindest. Sie kam mit allen politischen Systemen ihres Lebens – und das waren so einige! – zurecht, weil sie sich mit allen arrangieren konnte. Nicht so sehr aus Opportunismus, sondern aus Desinteresse. Sie hatte andere Dinge, die ihr wesentlich wichtiger waren als Politik, selbst wenn sie sich in einem politischen Umfeld bewegte und davon geprägt wurde. Kann man Marta oberflächlich nennen? Durchaus. Das schließt nicht aus, daß sie gebildet war und viele Interessen hatte.

Ihre Originaltagebücher geben davon Zeugnis – immer unter dem Vorbehalt, daß es Notizen sind, die eventuelle innere Vorgänge nicht wiedergeben. Psychologisch bestimmt spannend ist die einfache Tatsache, daß die Aufzeichnungen anfangs zunächst vom „Führer“ sprechen. Im Laufe der Tage wird er zu „Hitler“, bis sie schließlich bei „Adolf“ ankommen. Die Aufzeichnungen offenbaren gerade anfangs eine erschreckende Unreflektiertheit: Die Wut auf die Führung wächst und gedeiht, das Volk sieht sich als irregeleitet, getäuscht.

„dies alles verdanken wir unserem Führer!“ Wir reden und reden, können die Größe des Verbrechens, das an uns allen begangen, nicht fassen.

Dazu könnte man natürlich aus heutiger Sicht so einiges sagen. Nun ist es zugegebenermaßen schwierig, einen Diktator, wenn er einmal an der Macht ist, wieder abzuwählen; und zumindest Marta wählte Adolf niemals an die Macht, das läßt sich zu 100% beweisen (1933 war sie erstens Kommunistin und zweitens weit weg in der Sowjetunion). Und natürlich veranstalteten KZs keinen Tag der offenen Tür. Ich glaube beispielsweise der Cousine meines Großvaters, die sagte, sie hätte nie von Judenverfolgungen gewußt – sie lebte in einem kleinen Dorf auf dem Land, wo es vermutlich keine jüdischen Bewohner gab und auch keine Straf- oder Konzentrationslager. Aber Marta lebte elf von zwölf Jahren des Regimes in Berlin, in einem Künstler- und Intelligentia-Umfeld, das einen hohen Prozentsatz sowohl an Juden als auch an Linksintellektuellen aufwies. Sie war Journalistin. Sie kannte Soldaten, die an der Ostfront kämpften. Ihr Großcousin und ihre Freundin sowie mehrere Bekannte standen unter Beobachtung der Gestapo. Ihre Mutter wurde vermutlich (unbestätigt, aber die Indizien deuten darauf hin) ein Euthanasie-Opfer. Es war kein Nichtwissenkönnen in Martas Fall; es war ein Nichtwissenwollen. Und das erklärt sich, so wie ich es sehe, in erster Linie daraus, daß Marta nicht reflektierte, sondern als „Schwester Leichtfuß“ lieber mit anderen Dingen beschäftigt war.

Frau St. [Stamer] und ich sind wie la cigale et la fourmie [sic],

schreibt sie in ihren Aufzeichnungen, und da ist sicherlich viel Wahres dran. Die Marta, die man auf den Seiten ihrer Originaltagebücher kennenlernt, ist weit weniger sympathisch und nahbar als die Anonyma aus Eine Frau in Berlin.

Man hört von Juden, die wieder auftauchen, Wohnungen, Möbel usw. in Besitz nehmen dürfen; halten sich an die Parteigenossen. Frau W. [Werndl], die das erzählt, fügt hinzu: „Ganz richtig so“. Ich denke an ein Wort, das Jünger zitierte, nach einem Franzosen: „Es ist ein Fest für den Menschen, wenn das Hohe erniedrigt wird, wenn das Mächtige in den Kot sinkt“. Das feige Verschwinden und Untertauchen unserer Führung erbittert uns so sehr – wie die Verbrecher, wie die Ganoven fliehen sie vor dem, was sie verschuldeten.

Zum Ende ihrer Aufzeichnungen hin ist jedoch bereits ein leichtes Umdenken erfolgt.

Dann das zweite Stichwort: Die deutsche Objektivität. Uns ist ein starker Gerechtigkeitssinn eingeboren. Kein whright [sic] or wrong – my country – nein, wir sehen unser eigenes Unrecht vielleicht noch schärfer. „Unsere haben’s genau so gemacht“ – ein Wort, das sich bis zum Überdruß wiederholt: unsere haben die Dörfer des Ostens leergegessen, haben die Alten und Jungen zum Schuften getrieben, haben, wie Russen erzählen, Kinder und Greise umgebracht, haben alles drüben denen angetan, was man jetzt uns antut.

Die Originalaufzeichnungen haben aber auch durchaus ihre Momente. Die kleinen Skizzen und Anekdoten des Berliner Lebens bestechen wie eh und je, und es gibt amüsante Einzeiler.

Fiebrig erregte, aufgekratzte, nervöse Stimmung, Witze, Galgenhumor (Wie man die Flugzeuge erkennt? Die hellen sind Engländer, die dunklen Russen; und die man gar nicht sieht, das sind unsere!)

Inzwischen schluckten wir „die größte Niederlage aller Zeiten“, um adolfinisch zu reden.

(Eine dolle Vokabel, werde ich mir merken!)

Ein Großteil der Aufzeichnungen dreht sich um das Essen, und hier wußte ich den unterschwelligen Humor sehr zu schätzen, den Marta zeigte, als sie – erkennbar nach Durchsicht ihrer Aufzeichnungen – für Eine Frau in Berlin den berühmten Satz einfügte, all ihr Denken, Tun und Fühlen beginne im Bauch.

Eine ganz interessante Geschichte ist übrigens das „Flüchtlingsmädel aus Königsberg“. Ich schrieb hier schon vor einigen Jahren über den auf LeMO entdeckten Bericht dazu und auch darüber, daß ich mit Frau Seifert telefoniert hatte. Wir kamen seinerzeit auf keinen gemeinsamen Nenner, denn Cousine Doras Geschichte spielte sich in Pankow ab, während ich davon überzeugt war (und es hat sich ja nun bestätigt), daß Martas Schilderung aus Tempelhof stammte. Außerdem wußte ich, daß Marta Einzelheiten zu den Personen verändert hatte, daß das Flüchtlingsmädel in der Form also vermutlich nicht existierte. Aber mir erschien die Übereinstimmung immer interessant genug, um sie im Hinterkopf zu behalten – denn wie gesehen übernahm Marta ja Schilderungen und baute sie im Zusammenhang verändert in ihr Buch ein. Es ist also durchaus möglich, daß sie auf irgendeinem Wege von Dora erfuhr. Das Flüchtlingsmädel aus Königsberg und die Puddingschwestern (nicht -tanten, wie Frau Seifert schreibt) jedenfalls tauchen in den Originaltagebüchern nicht auf, nur zwei Sätze, die diesen Figuren später zugeordnet wurden.

P.S. (2.8.19)

Nun fällt mir doch mittelschwer verspätet auf, daß ich an dieser Stelle noch nichts zu den Personen und ihren fiktionalen Gegenstücken geschrieben habe. Wer Interesse hat, schaue in meiner englischen Artikelserie nach: https://clarissaschnabel.wordpress.com/2014/11/07/the-life-and-times-of-marta-dietschy-hillers-part-4-the-characters-and-places-in-a-woman-in-berlin/

Zukunftsmusik

Die Transkription der Originaltagebücher schreitet voran, sollte in absehbarer Zeit fertig sein. Einige bemerkenswerte Dinge dabei; ich werde gelegentlich darüber berichten.
Nun stellte sich die Frage, was ich mit diesen wesentlichen Zusatzinfos tun werde. Die Biographie hat sich namentlich im Kapitel 6 teilweise überholt; aber lohnt sich dafür eine korrigierte 3. Auflage? Derzeit tendiere ich dazu, entweder die komplette Biographie mit Änderungen oder nur die Änderungen im Blog zur Verfügung zu stellen – das muß ich aber noch in den Einzelheiten prüfen. (Wer also aktuell mit dem Gedanken spielt, die Biographie zu kaufen, sollte jetzt nicht darauf spekulieren, die Inhalte bald hier kostenlos zu finden!)

Mein Mikusch-Paper ist eingereicht; natürlich – der Fluch des Oberst Lawrence schlägt wie immer zu – kam bis dato keine Rückmeldung. Allerdings ist personell auch irgendwas los in der TEL Society: Der Newsletter ist einen Monat überfällig, weil ein neuer Editor gesucht, aber offenbar nicht gefunden wird; und was beim Editorial Team des Journals los ist? Sollte ich bis dahin kein Echo bekommen haben, geht der Artikel im Dezember hier online.

Liebeserklärung an einen Ziegelstein

Die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer waren sich darin einig, dass die Frage, ob die Aufzeichnungen nun authentisch seien oder nicht, eigentlich falsch gestellt ist. Vielmehr komme jeder Stufe der Aus­ar­beitung ihre eigene, quellenkritisch zu hinterfragende Authentizität zu.

Sehr schön formuliert und die richtige Antwort auf all die (vermutlich dpa-vorgegebenen) gleich klingenden Schlagzeilen zum Thema. Kurzbericht der Podiumsdiskussion hier.

Ich transkribiere mich derzeit langsam, aber unaufhaltsam durch die Originaltagebücher. Es ist, als würde man Eine Frau in Berlin ganz neu entdecken: Man erkennt den Ton, man erkennt die Marta der Biographie, und doch ist es ein völlig – oder doch über weite Strecken – unbekannter Text.

Nun noch den Ziegelstein heiß gemacht, dann ins Bett, gestiefelt und gespornt. Gedanken wandern zu den Lieben, fern wie auf dem Mond: Prag, Bayern, Krefeld… Wo ist der Bruder? Wo der Schwager? Steht das Haus in Alpen noch? Dort möcht ich hin, sobald ich kann, dort ist – oder war doch, und ist’s in meiner Erinnerung – Wärme, Güte, Behaglichkeit + Fürsorge. Dort wächst alles. [Spätere Anmerkung: war schon seit März hin!]
Ziegelstein, angestoßen, wohl aus einem Trümmerhaufen, mein einziges bißchen Wärme in diesen kalten, lieblosen, einsamen Tagen – sei gelobt.

“What I tried to do in this book was look at the events from the point of view of the people in that story line and how they were looking at the world at that point. I asked myself: What made sense to them at that time, not what makes sense from our judgment looking back on these events.”

English translation in the comments section.

Die FAZ und die Welt haben ja gestern Artikel zum Thema veröffentlicht, und ich denke, mit dem Wellenschlagen und Verstorbenen-Bashing wird es damit noch nicht getan sein. Fortunas Rad dreht sich mal wieder. Lange Zeit bedauerten viele, daß Marta ihren späten Ruhm nicht mehr erlebt habe; wenn ich mir derzeit die Diskussionen ansehe, glaube ich, sie hat es schon richtig so gemacht.
Mich verwundern die Aufreger eher ein wenig. Aber wie Martin Doerry bei der Podiumsdiskussion in Hinblick auf seinen Artikel im Spiegel meinte (offenbar war ich nicht die einzige, die qualitative Schwächen darin sah): „Ich muß die Leser abholen.“ Sein Artikel sei nicht an eine wissenschaftliche Leserschaft gerichtet, sondern an diejenigen, die das Buch vor ein paar Jahren mal gelesen hätten. Was vielleicht erklärt, warum die Presse sich an manchen Dingen so hochzieht.

Die Präsentation und Podiumsdiskussion jedenfalls waren hochinteressant. Weniger gut besucht als gedacht; der Organisator, mit dem ich vorher ins Gespräch kam, sprach von rund 100 Anmeldungen, aber vermutlich schreckte die Hitze glücklicherweise doch viele ab – und es war wirklich heiß! (Keine Klimaanlage und Flachdach in dem Vortragssaal.)

Ich war schon sehr viel früher dort, um Zeit für die dazugehörige Ausstellung zu haben (die allerdings kleiner ist als erwartet) und wurde gleich von diversen Mitarbeitern begrüßt; offenbar hatte sich mein Kommen herumgesprochen. Hatte nebenbei den Vorteil, daß ich außerhalb der normalen Zeiten meinen Nutzungsantrag und Bestellungen auf die Digitalisate der Originaltagebücher (sprich: 3 CD-ROMs) abgeben konnte.

In der eigentlichen Präsentation berichtete Yuliya von Saal, daß die Tagebücher durch Max Marek ins Haus kamen, einem Wunsch Martas entsprechend übrigens, die auf das IfZ bereits durch Erich Kubys Buch Die Russen in Berlin 1945 aufmerksam geworden war. Sie stellte dann ein paar Beispiele vor, wie der handschriftliche Originaltext schon 1945 beim Abtippen verändert wurde, und wie sich dieser wiederum vom Buchtext unterschied. (Die auffälligsten Beispiele sind auf der Website des IfZ aufgeführt.)

Es folgten dann verschiedene Themenaspekte durch die Teilnehmer, z. B. über die Rolle und Verantwortung der Presse bei derlei Enthüllungsaktionen (Doerrys Behauptungen zu Jens Bisky überzeugten mich nicht wirklich; sie stellten Journalisten als allein im Dienste der Öffentlichkeit arbeitend dar, ohne zuzugeben, daß natürlich auf dem Gebiet auch ein Wettbewerb stattfindet: Wer enthüllt die Identität als erster?) oder über Erinnerungskultur und welche Bedeutung sie darauf hat, was wie veröffentlicht wird, oder wieso das Buch in den 50er Jahren im Ausland ein Bestseller war und hierzulande fast unbeachtet blieb (es gab verschiedene Theorien). Auch die Frage nach Authentizität stellte sich – was heißt authentisch in diesem Fall, wenn alle Fassungen von der gleichen Autorin stammen, und wie ist das fertige Buch als Zeitdokument zu beurteilen? (Der Konsens: Es ist ein Zeitdokument, aber in erster Linie der 50er, und zeigt, wie sich dort bereits der Blick auf die Dinge verändert hatte.) Damit verbunden auch die Aufforderung der Historikerin Svenja Goltermann, literarisch verarbeitete Memoiren als wissenschaftliche Quellen zu akzeptieren.

Während der Publikumsdiskussion kam natürlich die Frage auf, ob die Originaltexte in einer kritischen Edition erscheinen dürften. Das wurde klar bejaht; die Rechte liegen auch hier bei Max Marek, der seine Erlaubnis erteilt hat. Vielleicht wird also in absehbarer Zeit entweder eine annotierte Version der Frau in Berlin erscheinen oder ein gesonderter Band mit den Tagebuch- sowie den Typoskripttexten.
Martas Leben kam nur am Rande zur Sprache, wobei für diesen Bereich auf die Biographie verwiesen wurde; Herr Schlemmer, der Moderator, outete mich auch prompt als „besonderen Gast“. 🙂 Eine Publikumsfrage drehte sich um Martas Mitgliedschaft in der KPD und wie sich das in den Texten niederschlage. (Antwort: Fast gar nicht.)
Ein großer Diskussionsblock war die Bekanntheit des Buches bzw. des Films in Rußland. Frau von Saal, selbst gebürtige Weißrussin, berichtete, daß beide bekannt seien, aber in erster Linie durch Hörensagen, Internet und politische Hetze in den dortigen Medien. Es wurde zweimal versucht, das Buch offiziell zu übersetzen (es gibt eine inoffizielle Version im Netz), aber der Druck auf die Verlage war so enorm, daß bislang nicht wirklich etwas daraus wurde. (Theoretisch gibt es seit diesem Jahr eine Buchfassung, man kann sie aber nicht bestellen.) Der Film wurde nie ausgestrahlt. Beides wird als faschistische Propaganda gehandelt, und das ist leider das Bild, das in der öffentlichen Meinung davon vorherrscht.

In der Ausstellung sind einige Briefe von Marta an Kurt Marek und umgekehrt zu sehen. Sehr beachtlich fand ich Mareks Bemühungen, Marta zu qualitativ hochwertiger literarischer Arbeit zu bewegen. Er wurde dabei teilweise schon recht heftig. Sie ließ sich von Negativrezensionen wohl sehr niederdrücken, und er erklärte, jede zeitgenössische Kritik sei wertlos; der eigentliche Wert eines Buches könne erst 30 Jahre später beurteilt werden. (Sehr prophetisch, der Mann.) Wenn sie nur positive Rückmeldungen wolle, solle sie halt für die Gartenlaube schreiben (eine der Zeitschriften, in der sie ihre harmlosen Artikel untergebracht hatte), aber dann würde sie eben nicht *gut* schreiben. Schade, daß er sich nicht durchsetzen konnte! „Es ist einfach lächerlich und albern, dass Du in einem Basler Patrizierhaus nichts anderes tust als hin und wieder eine Kachel zu bemalen, statt zu schreiben, was du kannst.“
(Die Kacheln sind legendär, muß ich dazu erwähnen; ohne Hintergrundwissen kann man mit dieser Passage wenig anfangen.)

Im Anschluß fand ein kleiner Empfang statt, auf dem ich unter anderem mit Frau von Saal ins Gespräch kam, was sehr schön war. Für die Schatzsucher da draußen: Sie versucht, den Verbleib eines Tagebuches zu klären, das Marta damals in der Sowjetunion geführt hat, das aber derzeit als verschollen gilt. Wer zufällig etwas wissen sollte oder sich befleißigt fühlt, in dem Bereich zu graben…

Mittwoch stand dann im Zeichen der Originaltagebücher auf CD-ROM. Ein bißchen grummelte ich vor mich hin, daß ich, um den Text in Ruhe studieren zu können, doch wahrhaftig eine Kopienbestellung (für ein Digitalisat) ausfüllen mußte. Mal ehrlich: Ich hätte mir die pdfs einfach auf einen Stick oder die Festplatte ziehen können. Schneller, einfacher und billiger für alle. Aber nach dem lieben Empfang wollte ich ja nun nicht gleich negativ auffallen.
Wie wirken nun die Originale im Vergleich mit der Buchfassung? In erster Linie kürzer. Sie sind übrigens *nicht* in Steno verfaßt, zu meiner gewaltigen Erleichterung, sondern in altdeutscher Schreibschrift. Manche Passagen haben sich ziemlich wortgetreu bis ins Buch erhalten, aber überwiegend ist es doch ein ganz anderer Text, das muß man sich klarmachen. Aus Zeitgründen konzentrierte ich mich in erster Linie auf die Überprüfung meiner Theorien zu den handelnden Personen und Orten. Ich lag da recht gut, manchmal aber auch komplett daneben – was teilweise allerdings auch mit den bereits in der Biographie beschriebenen Vertauschungen der Personen und Details zu tun hat. Nicht alle Namen sind ausgeschrieben, manche tauchen nur mit Abkürzungen auf; sie lassen sich nachvollziehen. Hinter der Apothekerswitwe, im Original „Frau Stahmer“ oder „Frau St.“, verbirgt sich Frau Stamer, deren Mann 1943 noch im Adreßbuch als Rechtsanwalt und Notar vermerkt ist. Die Hamburgerin, zu rekonstruieren anhand der amerikanischen Erstausgabe, dürfte Frau Sponner sein – das muß aber nicht zwingend zutreffen, Vertauschungen sei Dank. Zur Erläuterung: In der US-Ausgabe von 1954 begleitet Marta die Witwe und die Hamburgerin zur Registrierung aufs Rathaus. Diese Tatsache ist in den Originaltagebüchern insofern vorhanden, als daß sie „Frau St.“ und „Frau Sp.“ dorthin begleitet.
Trude Sand, mein heißer Kandidat für „Gisela“ (die ständig übersehene Freundin der Anonyma – offenbar nimmt sie niemand außer mir wahr), scheint im Original überhaupt nicht aufzutauchen! Ich muß natürlich noch mal genauer lesen, aber das war einer der bizarren Momente. Erwähnt wird eine „Karola“, was an Liebe zum Bodensee erinnert, aber Zufall sein kann. Die Bekannte, die Marta später in der Handlung besucht, ist „die Haverin“. Richtiger Name Ursula Haver, mit der Marta bis zu deren Tod in Kontakt blieb.
„Ilse R.“, wie nicht anders zu erwarten, ist Hildegard Cornelsen; „Hildegard/Hilde C.“ im Original. Der Ungar, ebenfalls unüberraschend, ist „der Grieche Sinos“ [Sinodoru].
Yuliya von Saal hat es bereits geschrieben, „Gerd“ ist Hans Wolfgang Hillers, was meinen Glauben an Marta ein wenig erschüttert, aber es überrascht auch nicht wirklich. Übrigens deute ich das, was von Saal als Zerbrechen der Beziehung im Sinne des Buches formuliert, nicht einmal als Bruch. Marta schreibt im Original von Problemen, obwohl sie es schön findet, zu jemandem nach Hause zu kommen, „wo früher nur die leeren Stühle warteten“. Die Probleme waren vorher auch schon da, siehe Brief an ihren Schwager. Und diese Beziehung, wie immer sie zu dem Zeitpunkt aussah, hatte niemals eine Zukunft; HWH hatte zur gleichen Zeit etwas mit Bruni Löbel und Marie Louise Fischer laufen, kurzfristig mit Elfriede Brüning, und vermutlich noch mit diversen anderen.
Dann hat’s weitere beliebte Kandidaten. Der Major bleibt weiterhin der Major; anders bezeichnet sie ihn nie. „Anatol“ ist im Original Akim, Schullehrer „Andrej“ ist Nikolai, was möglicherweise dazu führt, daß „Nikolai“, sofern er denn mit der kurzen Anmerkung „A. kommt wohl nicht mehr“ gemeint ist, eigentlich Andrej hieß. „Stepan“ ist Stefan, „Petka“ Petta.*
„Frau Lehmann“ des Buches ist streckenweise Frau Werndl [Grete, bekannt durch Bruni Löbel] im Original. Wie es sich mit ihrer Doppelrolle als Frau Buchhändler verhält, muß ich noch mal prüfen. Siegismund hat’s übrigens auch im Original („Siegesmund“), und bei „Frau Golz“ handelt es sich tatsächlich um Frau Gutschow, bei der Marta in der Richthofen-Str. 31 zur Untermiete gewohnt hatte. Es finden sich noch so einige andere vertraute Elemente aus Eine Frau in Berlin, die ursprünglich anderen Personen zugeordnet waren – das Puzzlespiel geht also fröhlich weiter.

* Mehr und Aktuelleres dazu hier: https://clarissaschnabel.wordpress.com/2014/11/07/the-life-and-times-of-marta-dietschy-hillers-part-4-the-characters-and-places-in-a-woman-in-berlin/