„Loge von Welttheater“

Mit der Transkription nun soweit durch; an einzelnen Wörtern kniffele ich noch, aber grundsätzlich „steht“ der Text. (Marta hatte in der alten deutschen Schreibschrift [„Sütterlin“, wie sie etwas vereinfacht bezeichnet wird] übrigens eine sehr viel klarere Schrift als in der modernen Form – von der ich bis heute nicht weiß, wie sie eigentlich heißt.)
Es fällt nicht nur auf, daß die Originaltexte sehr viel kürzer sind als die Buchfassung, was Yuliya von Saal ja bereits hervorgehoben hatte und was letztlich auch nicht wirklich überrascht – wenn ich Tagebuch schreibe und die Notizen später für, sagen wir, einen Blogeintrag verwende, muß ich sie auch erheblich ausarbeiten. Denn sie sind Gedächtnisstützen; vieles von dem, was um die Notizen herum geschah, ist in meinem Kopf abgespeichert, aber ich habe mir nicht die Mühe gemacht, alles detailliert aufzuschreiben, weil: wozu?
Bei Marta kam natürlich die Zeitknappheit hinzu. Gerade im zweiten Tagebuch (IfZ-Signatur ED 934, Bd. 3), vom 28. April bis 17. Mai 1945, überschlagen sich die Ereignisse, und zum Hinsetzen und ausgiebigem Schreiben fehlte ganz einfach die Ruhe. Man sieht es an den Einträgen; die Schrift ist fahrig, fehlerlastig, immer wieder wird nach einem oder zwei Sätzen abgebrochen und später weiternotiert. Dazwischen aber auch immer mal wieder die philosophischen Gedankengänge, die in Eine Frau in Berlin so bestechen, teilweise zu den überraschendsten Gelegenheiten.
Es ist wahr, wie Frau von Saal schreibt: Die vielen Überlegungen um Frauen und Männer, die den Ton des Buches bestimmen, fehlen in den Originaltagebüchern fast komplett. Das heißt zum einen nicht, daß sie nicht da sind; sie finden nur zwischen den Zeilen statt, wenn Marta zum Beispiel von Gesprächen mit anderen Frauen berichtet. Zum anderen glaube ich, daß, als Marta noch 1945 ihre Aufzeichnungen in die maschinengeschriebene „Fassung 2“ übertrug, ihr viele Dinge im Rückblick deutlich wurden.
Die Selbstreflexion, die ja einen Teil der Podiumsdiskussion ausmachte, wo sie, obwohl ein nachträgliches Produkt, immer noch als ungewöhnlich für die Schriften der Zeit betont wurde, finde ich schwer einzuschätzen. Soll heißen: War sie echt? Las Marta im Abstand der Jahre, als das Buchprojekt langsam spruchreif wurde, ihre Aufzeichnungen neu durch und dachte: „Du liebe Zeit, wie konnte ich so oberflächlich sein?“ Oder war diese Reflexion Teil der literarischen Persona, die Marta für ihr Buch – mitunter mit spürbarem Vergnügen – schuf?

Denn wenn es etwas gibt, das mir im Zuge meiner Recherchen auffiel, dann, daß sie generell wenig reflektierte. Ich brachte das schon mehrfach zur Sprache im Zusammenhang mit der berüchtigten Frage, ob Marta eine Nazisse gewesen sei. Bis heute verneine ich diese Frage. Ich habe Marta immer als unpolitisch bezeichnet, nicht, weil sie sich etwa politisch nicht engagiert hätte (sie tat es), sondern weil sie politisch wenig bis keinen Tiefgang hatte, so erschloß es sich mir zumindest. Sie kam mit allen politischen Systemen ihres Lebens – und das waren so einige! – zurecht, weil sie sich mit allen arrangieren konnte. Nicht so sehr aus Opportunismus, sondern aus Desinteresse. Sie hatte andere Dinge, die ihr wesentlich wichtiger waren als Politik, selbst wenn sie sich in einem politischen Umfeld bewegte und davon geprägt wurde. Kann man Marta oberflächlich nennen? Durchaus. Das schließt nicht aus, daß sie gebildet war und viele Interessen hatte.

Ihre Originaltagebücher geben davon Zeugnis – immer unter dem Vorbehalt, daß es Notizen sind, die eventuelle innere Vorgänge nicht wiedergeben. Psychologisch bestimmt spannend ist die einfache Tatsache, daß die Aufzeichnungen anfangs zunächst vom „Führer“ sprechen. Im Laufe der Tage wird er zu „Hitler“, bis sie schließlich bei „Adolf“ ankommen. Die Aufzeichnungen offenbaren gerade anfangs eine erschreckende Unreflektiertheit: Die Wut auf die Führung wächst und gedeiht, das Volk sieht sich als irregeleitet, getäuscht.

„dies alles verdanken wir unserem Führer!“ Wir reden und reden, können die Größe des Verbrechens, das an uns allen begangen, nicht fassen.

Dazu könnte man natürlich aus heutiger Sicht so einiges sagen. Nun ist es zugegebenermaßen schwierig, einen Diktator, wenn er einmal an der Macht ist, wieder abzuwählen; und zumindest Marta wählte Adolf niemals an die Macht, das läßt sich zu 100% beweisen (1933 war sie erstens Kommunistin und zweitens weit weg in der Sowjetunion). Und natürlich veranstalteten KZs keinen Tag der offenen Tür. Ich glaube beispielsweise der Cousine meines Großvaters, die sagte, sie hätte nie von Judenverfolgungen gewußt – sie lebte in einem kleinen Dorf auf dem Land, wo es vermutlich keine jüdischen Bewohner gab und auch keine Straf- oder Konzentrationslager. Aber Marta lebte elf von zwölf Jahren des Regimes in Berlin, in einem Künstler- und Intelligentia-Umfeld, das einen hohen Prozentsatz sowohl an Juden als auch an Linksintellektuellen aufwies. Sie war Journalistin. Sie kannte Soldaten, die an der Ostfront kämpften. Ihr Großcousin und ihre Freundin sowie mehrere Bekannte standen unter Beobachtung der Gestapo. Ihre Mutter wurde vermutlich (unbestätigt, aber die Indizien deuten darauf hin) ein Euthanasie-Opfer. Es war kein Nichtwissenkönnen in Martas Fall; es war ein Nichtwissenwollen. Und das erklärt sich, so wie ich es sehe, in erster Linie daraus, daß Marta nicht reflektierte, sondern als „Schwester Leichtfuß“ lieber mit anderen Dingen beschäftigt war.

Frau St. [Stamer] und ich sind wie la cigale et la fourmie [sic],

schreibt sie in ihren Aufzeichnungen, und da ist sicherlich viel Wahres dran. Die Marta, die man auf den Seiten ihrer Originaltagebücher kennenlernt, ist weit weniger sympathisch und nahbar als die Anonyma aus Eine Frau in Berlin.

Man hört von Juden, die wieder auftauchen, Wohnungen, Möbel usw. in Besitz nehmen dürfen; halten sich an die Parteigenossen. Frau W. [Werndl], die das erzählt, fügt hinzu: „Ganz richtig so“. Ich denke an ein Wort, das Jünger zitierte, nach einem Franzosen: „Es ist ein Fest für den Menschen, wenn das Hohe erniedrigt wird, wenn das Mächtige in den Kot sinkt“. Das feige Verschwinden und Untertauchen unserer Führung erbittert uns so sehr – wie die Verbrecher, wie die Ganoven fliehen sie vor dem, was sie verschuldeten.

Zum Ende ihrer Aufzeichnungen hin ist jedoch bereits ein leichtes Umdenken erfolgt.

Dann das zweite Stichwort: Die deutsche Objektivität. Uns ist ein starker Gerechtigkeitssinn eingeboren. Kein whright [sic] or wrong – my country – nein, wir sehen unser eigenes Unrecht vielleicht noch schärfer. „Unsere haben’s genau so gemacht“ – ein Wort, das sich bis zum Überdruß wiederholt: unsere haben die Dörfer des Ostens leergegessen, haben die Alten und Jungen zum Schuften getrieben, haben, wie Russen erzählen, Kinder und Greise umgebracht, haben alles drüben denen angetan, was man jetzt uns antut.

Die Originalaufzeichnungen haben aber auch durchaus ihre Momente. Die kleinen Skizzen und Anekdoten des Berliner Lebens bestechen wie eh und je, und es gibt amüsante Einzeiler.

Fiebrig erregte, aufgekratzte, nervöse Stimmung, Witze, Galgenhumor (Wie man die Flugzeuge erkennt? Die hellen sind Engländer, die dunklen Russen; und die man gar nicht sieht, das sind unsere!)

Inzwischen schluckten wir „die größte Niederlage aller Zeiten“, um adolfinisch zu reden.

(Eine dolle Vokabel, werde ich mir merken!)

Ein Großteil der Aufzeichnungen dreht sich um das Essen, und hier wußte ich den unterschwelligen Humor sehr zu schätzen, den Marta zeigte, als sie – erkennbar nach Durchsicht ihrer Aufzeichnungen – für Eine Frau in Berlin den berühmten Satz einfügte, all ihr Denken, Tun und Fühlen beginne im Bauch.

Eine ganz interessante Geschichte ist übrigens das „Flüchtlingsmädel aus Königsberg“. Ich schrieb hier schon vor einigen Jahren über den auf LeMO entdeckten Bericht dazu und auch darüber, daß ich mit Frau Seifert telefoniert hatte. Wir kamen seinerzeit auf keinen gemeinsamen Nenner, denn Cousine Doras Geschichte spielte sich in Pankow ab, während ich davon überzeugt war (und es hat sich ja nun bestätigt), daß Martas Schilderung aus Tempelhof stammte. Außerdem wußte ich, daß Marta Einzelheiten zu den Personen verändert hatte, daß das Flüchtlingsmädel in der Form also vermutlich nicht existierte. Aber mir erschien die Übereinstimmung immer interessant genug, um sie im Hinterkopf zu behalten – denn wie gesehen übernahm Marta ja Schilderungen und baute sie im Zusammenhang verändert in ihr Buch ein. Es ist also durchaus möglich, daß sie auf irgendeinem Wege von Dora erfuhr. Das Flüchtlingsmädel aus Königsberg und die Puddingschwestern (nicht -tanten, wie Frau Seifert schreibt) jedenfalls tauchen in den Originaltagebüchern nicht auf, nur zwei Sätze, die diesen Figuren später zugeordnet wurden.

P.S. (2.8.19)

Nun fällt mir doch mittelschwer verspätet auf, daß ich an dieser Stelle noch nichts zu den Personen und ihren fiktionalen Gegenstücken geschrieben habe. Wer Interesse hat, schaue in meiner englischen Artikelserie nach: https://clarissaschnabel.wordpress.com/2014/11/07/the-life-and-times-of-marta-dietschy-hillers-part-4-the-characters-and-places-in-a-woman-in-berlin/

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Zukunftsmusik

Die Transkription der Originaltagebücher schreitet voran, sollte in absehbarer Zeit fertig sein. Einige bemerkenswerte Dinge dabei; ich werde gelegentlich darüber berichten.
Nun stellte sich die Frage, was ich mit diesen wesentlichen Zusatzinfos tun werde. Die Biographie hat sich namentlich im Kapitel 6 teilweise überholt; aber lohnt sich dafür eine korrigierte 3. Auflage? Derzeit tendiere ich dazu, entweder die komplette Biographie mit Änderungen oder nur die Änderungen im Blog zur Verfügung zu stellen – das muß ich aber noch in den Einzelheiten prüfen. (Wer also aktuell mit dem Gedanken spielt, die Biographie zu kaufen, sollte jetzt nicht darauf spekulieren, die Inhalte bald hier kostenlos zu finden!)

Mein Mikusch-Paper ist eingereicht; natürlich – der Fluch des Oberst Lawrence schlägt wie immer zu – kam bis dato keine Rückmeldung. Allerdings ist personell auch irgendwas los in der TEL Society: Der Newsletter ist einen Monat überfällig, weil ein neuer Editor gesucht, aber offenbar nicht gefunden wird; und was beim Editorial Team des Journals los ist? Sollte ich bis dahin kein Echo bekommen haben, geht der Artikel im Dezember hier online.

Liebeserklärung an einen Ziegelstein

Die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer waren sich darin einig, dass die Frage, ob die Aufzeichnungen nun authentisch seien oder nicht, eigentlich falsch gestellt ist. Vielmehr komme jeder Stufe der Aus­ar­beitung ihre eigene, quellenkritisch zu hinterfragende Authentizität zu.

Sehr schön formuliert und die richtige Antwort auf all die (vermutlich dpa-vorgegebenen) gleich klingenden Schlagzeilen zum Thema. Kurzbericht der Podiumsdiskussion hier.

Ich transkribiere mich derzeit langsam, aber unaufhaltsam durch die Originaltagebücher. Es ist, als würde man Eine Frau in Berlin ganz neu entdecken: Man erkennt den Ton, man erkennt die Marta der Biographie, und doch ist es ein völlig – oder doch über weite Strecken – unbekannter Text.

Nun noch den Ziegelstein heiß gemacht, dann ins Bett, gestiefelt und gespornt. Gedanken wandern zu den Lieben, fern wie auf dem Mond: Prag, Bayern, Krefeld… Wo ist der Bruder? Wo der Schwager? Steht das Haus in Alpen noch? Dort möcht ich hin, sobald ich kann, dort ist – oder war doch, und ist’s in meiner Erinnerung – Wärme, Güte, Behaglichkeit + Fürsorge. Dort wächst alles. [Spätere Anmerkung: war schon seit März hin!]
Ziegelstein, angestoßen, wohl aus einem Trümmerhaufen, mein einziges bißchen Wärme in diesen kalten, lieblosen, einsamen Tagen – sei gelobt.

“What I tried to do in this book was look at the events from the point of view of the people in that story line and how they were looking at the world at that point. I asked myself: What made sense to them at that time, not what makes sense from our judgment looking back on these events.”

English translation in the comments section.

Die FAZ und die Welt haben ja gestern Artikel zum Thema veröffentlicht, und ich denke, mit dem Wellenschlagen und Verstorbenen-Bashing wird es damit noch nicht getan sein. Fortunas Rad dreht sich mal wieder. Lange Zeit bedauerten viele, daß Marta ihren späten Ruhm nicht mehr erlebt habe; wenn ich mir derzeit die Diskussionen ansehe, glaube ich, sie hat es schon richtig so gemacht.
Mich verwundern die Aufreger eher ein wenig. Aber wie Martin Doerry bei der Podiumsdiskussion in Hinblick auf seinen Artikel im Spiegel meinte (offenbar war ich nicht die einzige, die qualitative Schwächen darin sah): „Ich muß die Leser abholen.“ Sein Artikel sei nicht an eine wissenschaftliche Leserschaft gerichtet, sondern an diejenigen, die das Buch vor ein paar Jahren mal gelesen hätten. Was vielleicht erklärt, warum die Presse sich an manchen Dingen so hochzieht.

Die Präsentation und Podiumsdiskussion jedenfalls waren hochinteressant. Weniger gut besucht als gedacht; der Organisator, mit dem ich vorher ins Gespräch kam, sprach von rund 100 Anmeldungen, aber vermutlich schreckte die Hitze glücklicherweise doch viele ab – und es war wirklich heiß! (Keine Klimaanlage und Flachdach in dem Vortragssaal.)

Ich war schon sehr viel früher dort, um Zeit für die dazugehörige Ausstellung zu haben (die allerdings kleiner ist als erwartet) und wurde gleich von diversen Mitarbeitern begrüßt; offenbar hatte sich mein Kommen herumgesprochen. Hatte nebenbei den Vorteil, daß ich außerhalb der normalen Zeiten meinen Nutzungsantrag und Bestellungen auf die Digitalisate der Originaltagebücher (sprich: 3 CD-ROMs) abgeben konnte.

In der eigentlichen Präsentation berichtete Yuliya von Saal, daß die Tagebücher durch Max Marek ins Haus kamen, einem Wunsch Martas entsprechend übrigens, die auf das IfZ bereits durch Erich Kubys Buch Die Russen in Berlin 1945 aufmerksam geworden war. Sie stellte dann ein paar Beispiele vor, wie der handschriftliche Originaltext schon 1945 beim Abtippen verändert wurde, und wie sich dieser wiederum vom Buchtext unterschied. (Die auffälligsten Beispiele sind auf der Website des IfZ aufgeführt.)

Es folgten dann verschiedene Themenaspekte durch die Teilnehmer, z. B. über die Rolle und Verantwortung der Presse bei derlei Enthüllungsaktionen (Doerrys Behauptungen zu Jens Bisky überzeugten mich nicht wirklich; sie stellten Journalisten als allein im Dienste der Öffentlichkeit arbeitend dar, ohne zuzugeben, daß natürlich auf dem Gebiet auch ein Wettbewerb stattfindet: Wer enthüllt die Identität als erster?) oder über Erinnerungskultur und welche Bedeutung sie darauf hat, was wie veröffentlicht wird, oder wieso das Buch in den 50er Jahren im Ausland ein Bestseller war und hierzulande fast unbeachtet blieb (es gab verschiedene Theorien). Auch die Frage nach Authentizität stellte sich – was heißt authentisch in diesem Fall, wenn alle Fassungen von der gleichen Autorin stammen, und wie ist das fertige Buch als Zeitdokument zu beurteilen? (Der Konsens: Es ist ein Zeitdokument, aber in erster Linie der 50er, und zeigt, wie sich dort bereits der Blick auf die Dinge verändert hatte.) Damit verbunden auch die Aufforderung der Historikerin Svenja Goltermann, literarisch verarbeitete Memoiren als wissenschaftliche Quellen zu akzeptieren.

Während der Publikumsdiskussion kam natürlich die Frage auf, ob die Originaltexte in einer kritischen Edition erscheinen dürften. Das wurde klar bejaht; die Rechte liegen auch hier bei Max Marek, der seine Erlaubnis erteilt hat. Vielleicht wird also in absehbarer Zeit entweder eine annotierte Version der Frau in Berlin erscheinen oder ein gesonderter Band mit den Tagebuch- sowie den Typoskripttexten.
Martas Leben kam nur am Rande zur Sprache, wobei für diesen Bereich auf die Biographie verwiesen wurde; Herr Schlemmer, der Moderator, outete mich auch prompt als „besonderen Gast“. 🙂 Eine Publikumsfrage drehte sich um Martas Mitgliedschaft in der KPD und wie sich das in den Texten niederschlage. (Antwort: Fast gar nicht.)
Ein großer Diskussionsblock war die Bekanntheit des Buches bzw. des Films in Rußland. Frau von Saal, selbst gebürtige Weißrussin, berichtete, daß beide bekannt seien, aber in erster Linie durch Hörensagen, Internet und politische Hetze in den dortigen Medien. Es wurde zweimal versucht, das Buch offiziell zu übersetzen (es gibt eine inoffizielle Version im Netz), aber der Druck auf die Verlage war so enorm, daß bislang nicht wirklich etwas daraus wurde. (Theoretisch gibt es seit diesem Jahr eine Buchfassung, man kann sie aber nicht bestellen.) Der Film wurde nie ausgestrahlt. Beides wird als faschistische Propaganda gehandelt, und das ist leider das Bild, das in der öffentlichen Meinung davon vorherrscht.

In der Ausstellung sind einige Briefe von Marta an Kurt Marek und umgekehrt zu sehen. Sehr beachtlich fand ich Mareks Bemühungen, Marta zu qualitativ hochwertiger literarischer Arbeit zu bewegen. Er wurde dabei teilweise schon recht heftig. Sie ließ sich von Negativrezensionen wohl sehr niederdrücken, und er erklärte, jede zeitgenössische Kritik sei wertlos; der eigentliche Wert eines Buches könne erst 30 Jahre später beurteilt werden. (Sehr prophetisch, der Mann.) Wenn sie nur positive Rückmeldungen wolle, solle sie halt für die Gartenlaube schreiben (eine der Zeitschriften, in der sie ihre harmlosen Artikel untergebracht hatte), aber dann würde sie eben nicht *gut* schreiben. Schade, daß er sich nicht durchsetzen konnte! „Es ist einfach lächerlich und albern, dass Du in einem Basler Patrizierhaus nichts anderes tust als hin und wieder eine Kachel zu bemalen, statt zu schreiben, was du kannst.“
(Die Kacheln sind legendär, muß ich dazu erwähnen; ohne Hintergrundwissen kann man mit dieser Passage wenig anfangen.)

Im Anschluß fand ein kleiner Empfang statt, auf dem ich unter anderem mit Frau von Saal ins Gespräch kam, was sehr schön war. Für die Schatzsucher da draußen: Sie versucht, den Verbleib eines Tagebuches zu klären, das Marta damals in der Sowjetunion geführt hat, das aber derzeit als verschollen gilt. Wer zufällig etwas wissen sollte oder sich befleißigt fühlt, in dem Bereich zu graben…

Mittwoch stand dann im Zeichen der Originaltagebücher auf CD-ROM. Ein bißchen grummelte ich vor mich hin, daß ich, um den Text in Ruhe studieren zu können, doch wahrhaftig eine Kopienbestellung (für ein Digitalisat) ausfüllen mußte. Mal ehrlich: Ich hätte mir die pdfs einfach auf einen Stick oder die Festplatte ziehen können. Schneller, einfacher und billiger für alle. Aber nach dem lieben Empfang wollte ich ja nun nicht gleich negativ auffallen.
Wie wirken nun die Originale im Vergleich mit der Buchfassung? In erster Linie kürzer. Sie sind übrigens *nicht* in Steno verfaßt, zu meiner gewaltigen Erleichterung, sondern in altdeutscher Schreibschrift. Manche Passagen haben sich ziemlich wortgetreu bis ins Buch erhalten, aber überwiegend ist es doch ein ganz anderer Text, das muß man sich klarmachen. Aus Zeitgründen konzentrierte ich mich in erster Linie auf die Überprüfung meiner Theorien zu den handelnden Personen und Orten. Ich lag da recht gut, manchmal aber auch komplett daneben – was teilweise allerdings auch mit den bereits in der Biographie beschriebenen Vertauschungen der Personen und Details zu tun hat. Nicht alle Namen sind ausgeschrieben, manche tauchen nur mit Abkürzungen auf; sie lassen sich nachvollziehen. Hinter der Apothekerswitwe, im Original „Frau Stahmer“ oder „Frau St.“, verbirgt sich Frau Stamer, deren Mann 1943 noch im Adreßbuch als Rechtsanwalt und Notar vermerkt ist. Die Hamburgerin, zu rekonstruieren anhand der amerikanischen Erstausgabe, dürfte Frau Sponner sein – das muß aber nicht zwingend zutreffen, Vertauschungen sei Dank. Zur Erläuterung: In der US-Ausgabe von 1954 begleitet Marta die Witwe und die Hamburgerin zur Registrierung aufs Rathaus. Diese Tatsache ist in den Originaltagebüchern insofern vorhanden, als daß sie „Frau St.“ und „Frau Sp.“ dorthin begleitet.
Trude Sand, mein heißer Kandidat für „Gisela“ (die ständig übersehene Freundin der Anonyma – offenbar nimmt sie niemand außer mir wahr), scheint im Original überhaupt nicht aufzutauchen! Ich muß natürlich noch mal genauer lesen, aber das war einer der bizarren Momente. Erwähnt wird eine „Karola“, was an Liebe zum Bodensee erinnert, aber Zufall sein kann. Die Bekannte, die Marta später in der Handlung besucht, ist „die Haverin“. Richtiger Name Ursula Haver, mit der Marta bis zu deren Tod in Kontakt blieb.
„Ilse R.“, wie nicht anders zu erwarten, ist Hildegard Cornelsen; „Hildegard/Hilde C.“ im Original. Der Ungar, ebenfalls unüberraschend, ist „der Grieche Sinos“ [Sinodoru].
Yuliya von Saal hat es bereits geschrieben, „Gerd“ ist Hans Wolfgang Hillers, was meinen Glauben an Marta ein wenig erschüttert, aber es überrascht auch nicht wirklich. Übrigens deute ich das, was von Saal als Zerbrechen der Beziehung im Sinne des Buches formuliert, nicht einmal als Bruch. Marta schreibt im Original von Problemen, obwohl sie es schön findet, zu jemandem nach Hause zu kommen, „wo früher nur die leeren Stühle warteten“. Die Probleme waren vorher auch schon da, siehe Brief an ihren Schwager. Und diese Beziehung, wie immer sie zu dem Zeitpunkt aussah, hatte niemals eine Zukunft; HWH hatte zur gleichen Zeit etwas mit Bruni Löbel und Marie Louise Fischer laufen, kurzfristig mit Elfriede Brüning, und vermutlich noch mit diversen anderen.
Dann hat’s weitere beliebte Kandidaten. Der Major bleibt weiterhin der Major; anders bezeichnet sie ihn nie. „Anatol“ ist im Original Akim, Schullehrer „Andrej“ ist Nikolai, was möglicherweise dazu führt, daß „Nikolai“, sofern er denn mit der kurzen Anmerkung „A. kommt wohl nicht mehr“ gemeint ist, eigentlich Andrej hieß. „Stepan“ ist Stefan, „Petka“ Petta.*
„Frau Lehmann“ des Buches ist streckenweise Frau Werndl [Grete, bekannt durch Bruni Löbel] im Original. Wie es sich mit ihrer Doppelrolle als Frau Buchhändler verhält, muß ich noch mal prüfen. Siegismund hat’s übrigens auch im Original („Siegesmund“), und bei „Frau Golz“ handelt es sich tatsächlich um Frau Gutschow, bei der Marta in der Richthofen-Str. 31 zur Untermiete gewohnt hatte. Es finden sich noch so einige andere vertraute Elemente aus Eine Frau in Berlin, die ursprünglich anderen Personen zugeordnet waren – das Puzzlespiel geht also fröhlich weiter.

* Mehr und Aktuelleres dazu hier: https://clarissaschnabel.wordpress.com/2014/11/07/the-life-and-times-of-marta-dietschy-hillers-part-4-the-characters-and-places-in-a-woman-in-berlin/

Der Teufel und die Details

Und so was steht dann in Schlagzeilen, inzwischen schon einige Male kopiert:

„Anonyma“-Tagebücher sind zum Teil nicht authentisch

Falsch. In den dazugehörigen Artikeln steht es dann ja auch korrekterweise: Die Tagebücher sind authentisch. Was nicht „authentisch“ ist (was immer das in diesem Zusammenhang eigentlich heißt), ist *das* Buch, nämlich Eine Frau in Berlin. Meine Güte, Leute.

Ich mußte nun wieder an meinen gestrichenen Blogeintrag über die Parallelen zwischen Marta und Lawrence denken. Vielleicht kann ich ihn nach einiger Umschreibe doch veröffentlichen, denn hier zum Beispiel ist eine ganz gewaltige Parallele. Auch Lawrence hat seine Erlebnisse nach Aufzeichnungen veröffentlicht, aber ebenfalls stark verändert, erweitert, ausgeschmückt, teilweise erfunden.

„Don’t you just love being right?“

(Ich habe das Gefühl, als werde ich in der nächsten Zukunft noch diverse Updates veröffentlichen.)

Verpflichtend war heute morgen natürlich der Blick in den Spiegel – soll heißen, in Martin Doerrys Artikel zu den Anonyma-Tagebüchern. Meine erste Reaktion war gemischt… zu gekünstelt enthüllungsjournalistisch, das ganze. „Eine Historikerin hat die Originaldokumente gesichtet und Manipulationen festgestellt.“ Ich nehme an, so etwas lernt man im Studium. Und dann wird die jüngere Geschichte der Frau in Berlin noch einmal zusammengefaßt, immer in der unsubtilen Darstellung, jeder habe es für ein Originaldokument gehalten, nur Jens Bisky nicht. „Nun, 16 Jahre später, darf das Rätsel als gelöst betrachtet werden.“

Naja. Ich will nicht ausschließen, daß es Leute gab, die das Buch für ein Originaldokument hielten, aber die waren doch eher in der Minderheit. Jedem anderen war klar, daß der Text so, wie er abgedruckt wurde, nachträglich für eine Veröffentlichung bearbeitet wurde. (Es gab auch verschiedene Manuskriptphasen, um das noch einmal hier zu erwähnen…) Abgesehen davon und von der typischen Spiegel-Schreibe, die mich immer leicht nervt, fand ich den Artikel aber recht solide. Er enthielt jetzt keine sonderlichen Überraschungen für mich. Daß die Kenntnis von Martas kommunistischer Vergangenheit wohl eher aus der Biographie als von Max Marek stammt, bleibt selbstverständlich unerwähnt, ebenso wie der ziemlich gut nach meinem Text umformulierte Satz „Sie stellt sich als ‚blasse Blondine‘ vor, obwohl sie brünette Haare hatte.“ (Nicht so sehr brünett, sondern tiefes Dunkelbraun übrigens.) Aber sei’s drum. Herr Doerry verdient seine Brötchen damit. Ich freue mich jedenfalls auf München.

Hier noch zwei spannende Dokumente aus meiner Sammlung:

Brief ihres Bruders vom 23.4.96 zur Adressenfrage 1945

Brief von Marta an ihren Schwager vom 6.4.1945! Ihr letzter mir bekannter Brief vor den Ereignissen ihres Buches, der zugleich die schwierige Situation mit „Gerd“ darstellt. (Sie hatte in der deutschen Schreibschrift eine sehr viel schönere Hand als in… wie nennt man das? Lateinische Schreibschrift?)