Jolanthe Marès – Die Schriftstellerin von Berlin W. Teil 10. Ausgewählte Bibliographie

Lilli. Berlin: Borngräber, 1914
Lillis Ehe. Berlin: Borngräber, 1914
Begierde. Berlin: Borngräber, 1916
Mütterreigen. Berlin: Borngräber, 1917
Seine Beichte. Berlin: Borngräber, 1918
Das große Unrecht. Berlin: Borngräber, 1919
„Der Kater“, in: Reigen, Dezember 1919. Berlin: Borngräber
Die fremde Frau. Berlin: Neufeld & Henius, 1920
„Berlin W und seine Frauen“, in: Beiträge zur Sexual-Reform, Nr. 1 [ca. 1920]. Berlin: Reform-Verlag „Futuria“
Verschenktes Leben. Berlin: Schuster & Loeffler, 1921
Die Sünderin. Leipzig: Georg H. Wigand’sche Verlagsbuchhandlung, 1922
Stationen der Liebe. Leipzig: Georg H. Wigand’sche Verlagsbuchhandlung, 1922

„Die Genehmigung“, in: Berliner Leben, 26. Jahrgang 1923, Nr. 10
„Seine Väter“, in: Berliner Leben, 26. Jahrgang 1923, Nr. 14
Dela Steinthal. Leipzig: Borngräber, 1923
„Die Falle“, in: Berliner Leben, 27. Jahrgang 1924, Nr. 2 (als Jolanthe Marée)
„Die eine Einzige – -“, in: Berliner Leben, 27. Jahrgang 1924, Nr. 8
„Laune?“, in: Berliner Leben, 27. Jahrgang 1924, Nr. 9
„Temperierte Liebe“, in: Reigen, 5. Jahrgang 1924, Nr. 6
„Die Unschuldige“, in: Berliner Leben, 27. Jahrgang 1924, Nr. 15
„Das Resultat“, in: Berliner Leben, 27. Jahrgang 1924, Nr. 17
„Liebessport“, in: Reigen, 5. Jahrgang 1924, Nr. 9
„Die Ausstattung“, in: Berliner Leben, 27. Jahrgang 1924, Nr. 22
„Der Mut zur Sünde“, in: Berliner Leben, 27. Jahrgang 1924, Nr. 29
„Verein zur Hebung von Sittlichkeit und Moral“, in: Berliner Leben, 27. Jahrgang 1924, Nr. 30
„Der Kavalier“, in: Berliner Leben, 27. Jahrgang 1924, Nr. 34
Elegantes Pack. Berlin: Almanach-Kunstverlag, 1925. Im Vorabdruck in Berliner Leben, 27. Jahrgang 1924, Nr. 24-33
„Die eine Einzige“, in: Das Magazin, 1925, Nr. 6. Berlin: Seitenstraßen-Verlag (nicht identisch mit der gleichnamigen Geschichte in Berliner Leben)
„Aschermittwoch“, in: Berliner Leben, 28. Jahrgang 1925, Nr. 10
„Sinnenrausch“, in: Berliner Leben, 28. Jahrgang 1925, Nr. 14
„Josefas Erlebnis“, in: Reigen, 6. Jahrgang 1925, Nr. 6
Idee zu Liebesfeuer (1925, Davidson-Film AG)
„Eine Weihnachtsbescherung“, in: Reigen, 6. Jahrgang 1925, Nr. 12
„Das beruhigte Gewissen“, in: Berliner Leben, 29. Jahrgang 1926, Nr. 1
„Die lustigen Ehemänner“, in: Reigen, 7. Jahrgang 1926, Nr. 2
„Die Maske“, in: Das Magazin, 1926, Nr. 7
Inge – seine Frau. Berlin: Internationale Bibliothek, 1927
„Wie es kam“, in: Der Junggeselle, 9. Jahrgang 1927, Nr. 23. Berlin: Deutsche Kunstdruckgesellschaft
Die Männer um Sibylle Wengler. Berlin: Globus-Verlag, 1930
Die Mausefalle Liebe. Berlin: P. J. Oestergaard, 1932
Sonja Holms Ehe. Reutlingen: Ensslin & Laiblin, Juni 1932
Unsterbliche Liebe. Berlin: Erika-Verlag, 1933
Meine Frau und ich. Halle: Fünf-Türme-Verlag, 1934

Übersetzungen

Lilli. Budapest: Herczka, 1918 (ungar. Übers.)
Legen med kvindehjerter. Hans Skriftemaal. Kopenhagen, 1918 (dän. Übers. von Seine Beichte)
Lilli házassága. Budapest: Herczka, 1919 (ungar. Übers. von Lillis Ehe)
Begær. Kopenhagen, 1919 (dän. Übers. von Begierde)
Vágy. Budapest: Kultura Könyvkaidó és Nyomda, 1919 (ungar. Übers. von Begierde)
Szenvedély, amely öl. Budapest: Nova Irodalmi Intézet, 1925 (ungar. Übers. von Seine Beichte)
Egy asszony, aki ugy él mint a férje. Budapest: Nova Irodalmi Intézet, 1925 (ungar. Übers. von Dela Steinthal)
Tāda ir dzīze. Riga: Orient, 1930 und Riga: SIA Elita, 1996 (lett. Übers. von Lilli)
Великая неправда. Riga: Kniga dlja wsech, 1931 (russ. Übers. von Das große Unrecht)

Verfilmungen

Lilli (1919)
Lillis Ehe (1919)
Seine Beichte (1919)
Three Women (1924)

Literaturverzeichnis

Berliner Leben. Berlin: 1922-1928
Budke, Petra und Schulze, Jutta: Schriftstellerinnen in Berlin 1871 bis 1945. Berlin: Orlanda-Frauenverlag, 1995
„Das war ein Vorspiel nur…“ Bücherverbrennung Deutschland 1933. Berlin und Wien: Medusa-Verlagsgesellschaft, 1983
Gunga, Luise: „Zimmer frei“. Berliner Pensionswirtinnen im Kaiserreich. Frankfurt und New York: Campus-Verlag, 1995
Der Junggeselle. Berlin: Deutsche Kunstdruckgesellschaft, 1922-1927
Krey, Franz: Maria und der Paragraph. Berlin u. a.: Internationaler Arbeiter-Verlag, 1931
Das Magazin. Berlin: Seitenstraßen-Verlag, 1925-1926
Marchlewitz, Ingrid: Irmgard Keun – Leben und Werk. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1999
Reigen. Berlin: Borngräber, 1919-1926
van de Velde, Theodoor: Die vollkommene Ehe. Rüschlikon-Zürich: Albert-Müller-Verlag, 1926
Weber, Hans von: „Die Schreckenskammer“, in: Der Zwiebelfisch, 11. Band 1920
http://www.berlin.de/rubrik/hauptstadt/verbannte_buecher/
http://www.geschichtsportal-nordhausen.de/index.php?id=stammtafeln (Lesser, Johannes 001)


Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9

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Jolanthe Marès – Die Schriftstellerin von Berlin W. Teil 9. Szenen dreier Ehen: Sonja Holms Ehe, Unsterbliche Liebe und Meine Frau und ich

„[…] Das war nicht mehr Sonja Holm, das war eine Frau, deren Größe zusammenschrumpft vor ihrer Liebe.“
„Wenn es so ist, so wäre es doch ein großes Glück.“ […]
„Ein Glück für Achim sicherlich; ob für Sonja, die von ihrer Liebe und von Achim überhaupt nun ganz abhängig wird, das weiß ich nicht.“
(1)

Die bekannte Schauspielerin Sonja Holm heiratet in eine Landadelsfamilie ein. Obwohl von den engsten Verwandten ihres Mannes großzügig aufgenommen, muß sie sich immer wieder gegen Hochmut und Vorurteile ihrem Beruf gegenüber wehren und kann die in sie gesetzten Erwartungen, als Gutsherrin zu walten, nicht erfüllen. Als sie auch noch eine Fehlgeburt erleidet, erträgt sie die Situation nicht länger. Sie kehrt zur Bühne zurück und bricht darüber mit ihrem Mann. Erst ein tragischer Todesfall führt sie wieder zusammen.
Ländliche Idylle prallt auf Berliner Großstadtleben, Karrierefrau beugt sich dem starken Mann, Germanentypus. Obwohl mit der adligen, aber berufstätigen Irene auch eine emanzipierte Frau vertreten ist, strebt alles in der Handlung von Sonja Holms Ehe zurück zur Unterwerfung unter den Willen des Mannes, zur Einsicht, daß Eigenständigkeit ein Heim nicht aufwiegt, daß der Mann und seine Familie in allem recht haben und daß eine andere Meinung nur verirrtes, selbstsüchtiges Denken war. Der Leser erkennt hier eine Rückwärtsentwicklung oder auch eine bedenkliche Vorwärtsentwicklung in Richtung der Ideale nazistischer Ausprägung.
Ein ausgesprochen humoristischer Seitenhieb ist der Besuch bei den Dreharbeiten zu einem Stummfilm, der mit seinen Elementen „Ehemann erschießt untreue Ehefrau“ und „Theaterbrand“ verdächtig nach Marès’ Liebesfeuer klingt…

Ein merkwürdiges Konglomerat ist Marès’ vorletzter Roman Unsterbliche Liebe von 1933. Seine Helden sind mehr der wilhelminischen Zeit verhaftet als der Neuzeit; so ist Klaus Winkler als Bräutigam vergangener Tage wesentlich älter als seine junge Braut, die wiederum weder von Berufsleben noch Selbständigkeit etwas wissen will, sondern sich anschmiegsam und hilfebedürftig nur nach Heim und Herd sehnt. (Tatsächlich ähnelt ihre Beschreibung auffallend Elisabeth aus Verschenktes Leben.) Als sie – ganz Courths-Mahlersche Bettelprinzeß – durch die Umstände gezwungen wird, einen Beruf zu ergreifen und sogar darin erfolgreich ist, so bedeutet dies für sie keine Erfüllung, sondern nur armseligen Ersatz für jene Frauen, denen die weibliche Bestimmung Heirat verwehrt bleibt. Diese vergangenen Zeiten entsprungene Heldin, die von einem Biedermeierzimmer träumt, schickt Autorin Marès in einer fast gezwungenen Anerkennung der Gegenwart von 1933 in einen Kinofilm mit Hans Albers…
In Unsterbliche Liebe stehen sich zwei Frauenbilder gegenüber, die Marès eigentlich bereits überwunden hatte: Die blonde, blauäugige Heldin Sibylle, jungfräulich, sanftmütig, deren Natur nach dem Mann sucht, an den sie sich anlehnen kann und die ihr höchstes Glück in Ehe, Familie, Haushalt sieht – im Kontrast dazu ihre Gegenspielerin, ganz Typus Neue Frau, geltungsbedürftig, berechnend, verschwenderisch, kokett, unabhängig vom Mann, in dem sie nur finanzielle Absicherung sucht. Kinder lehnt sie strikt ab. Nicht nur ist sie schwarzhaarig, sondern trägt (wohl nicht zufällig) den jüdischen Namen Ruth und ist darüber hinaus ihrem leichtlebigen Bruder in latentem Inzest verbunden. Auffällig ist dazu, daß in diesem Roman erstmals die „Scheußlichkeit“ des Schminkens angeprangert wird, dies gleich mehrfach und immer im Zusammenhang mit fragwürdigen Frauen – in offener Übereinstimmung mit der Losung der Nationalsozialisten, eine deutsche Frau schminke sich nicht.
Unsterbliche Liebe erschien im Berliner Erika-Verlag, der sich auf Frauen-/Liebesromane konzentrierte und zwar, wie ein Blick in das Verlagsprogramm von 1933 verrät, ganz im Sinne der neuen Machthaber: Heimat und Deutschtum stehen im Zentrum des Geschehens, tüchtige deutsche Mädels finden den Richtigen, Bodenständigkeit wird belohnt, Hochmut dagegen bestraft. Es ist erstaunlich zu sehen, wie schnell das in den frühen 30er Jahren noch sehr variierte kulturelle Leben in Deutschland mit Machtübernahme der Nationalsozialisten auf einen einheitlichen Kurs umschwenkte, eine übereifrige, freiwillige Gleichschaltung, bedingt durch politische Sympathien und geschäftlichen Opportunismus.

Wie verhielt es sich nun mit Jolanthe Marès? Ihre rasche Anpassung nach solch emanzipierten Romanen wie Begierde, Dela Steinthal, Inge – seine Frau und Die Mausefalle Liebe, gekoppelt mit ihrer über die Jahrzehnte gleichgebliebenen Anschauung von Ehe und Familie als wahrem Beruf der Frau, läßt mutmaßen, daß sie über die politische Entwicklung erleichtert war, vielleicht von einer Begeisterung für das neue Deutschland mitgerissen wurde. So unterschrieb sie ihren Aufnahmeantrag in den Reichsverband Deutscher Schriftsteller „mit treudeutschem Gruß“(2). Doch wieder verwirrt Marès, denn im Folgejahr erschien Meine Frau und ich.

Erst in diesem ihrem letzten Buch findet Marès zu einem modernen Ehebild. Hannelore Cleven ist erfolgreiche Angestellte in einem Warenhaus und glücklich in ihrer Arbeit und Karriere. Als ihr Ehemann, der Architekt Olaf, während der auf den Börsencrash folgenden großen Arbeitslosenwelle von 1931 entlassen wird, findet sie sich in der Rolle als Alleinversorgerin wieder und packt die Aufgabe weitsichtig und verantwortungsvoll an. Doch Olaf erträgt es nicht, sich von seiner Frau aushalten zu lassen, und so verläßt er sie kurzerhand, um allein wieder auf die Füße zu kommen. Er verdingt sich als Taxifahrer; als er auch diese Anstellung verliert, spielt er mit dem Gedanken an Selbstmord. Das resolute Proletariermädchen Erna nimmt sich seiner an, verschafft ihm Unterkunft und überzeugt ihn, endlich seinen Hochmut zu überwinden und das ihm zustehende Arbeitslosengeld zu akzeptieren. Ihre Romanze im armen Osten Berlins nimmt jedoch ein tragisches Ende, als Erna von ihrem kriminellen Ex-Freund schwer verwundet wird und einige Tage darauf stirbt. Über Bekannte in seinem neuen Milieu gerät Olaf an eine Komparsenrolle beim Film. Hier entdeckt er überraschende neue Möglichkeiten für einen Architekten: In den Spielpausen beginnt er, Szenenbilder zu entwerfen. Hannelore derweil hat eine Untermieterin aufgenommen, um nicht in eine leere Wohnung heimkehren zu müssen. Zwei Männer werben um sie, der Kunstflieger Buß und Direktor Rennert, eine Reisebekanntschaft. Doch sie fühlt sich unfähig, eine neue Beziehung einzugehen. Olaf hingegen glaubt sie aufgrund eines Mißverständnisses längst in anderen Händen. So vergeht ein Jahr. Nach einer weiteren Beschäftigung als Verkäufer an einem Bücherkarren werden Olafs Entwürfe von dem aufsteigenden Regisseur Sawaal entdeckt. Er holt Olaf als festes Mitglied in sein kreatives Team. Nun finanziell abgesichert und mit einer schönen, aber oberflächlichen Schauspielerin liiert, entschließt sich Olaf, endlich die überfällige Scheidung in die Wege zu leiten. Auch Hannelore hat sich schließlich durchgerungen, Rennert ihr Jawort zu geben.
Es ist schade, daß Jolanthe Marès diese schön gezeichnete Handlung nicht mit einem still-traurigen, aber realistischen Ende ausklingen ließ. So kommt es im besten Heile-Welt-Stil kurz vor Toresschluß noch zur Aussprache zwischen den entfremdeten Eheleuten, in der alle Zweifel beseitigt, die alten Gefühle bekräftigt und neue Partnerschaftspläne über Bord geworfen werden. Dennoch spürt man, daß sich die Autorin endlich in eine neue Zeit hineingearbeitet hatte – die, genaugenommen, bei Erscheinen des Buches von den politischen Ereignissen bereits wieder überholt worden war.

Meine Frau und ich blieb gezwungenermaßen Marès’ letztes Werk; ab 1935 ließ sie nicht mehr unter ihrem Künstlernamen in den Berliner Telefonbüchern verzeichnen. Als der Berliner Bibliothekar Dr. Wolfgang Herrmann 1933 seine „Schwarze Liste“ derjenigen Bücher, die aus Buchhandel und Büchereien zu entfernen seien, erstellte, fanden Marès’ Werke noch keinen Niederschlag darin. Bereits 1936 allerdings stand ihr Gesamtwerk auf der Liste 1 des schädlichen und unerwünschten Schrifttums der Reichsschrifttumskammer. In ihrem Antrag zur Aufnahme in die RSK im November 1937 – wohl ein Versuch, wieder in Lohn und Brot zu kommen – gab Marès an, seit 1933 keine Einnahmen aus schriftstellerischer Arbeit mehr bezogen zu haben und seit zwei Jahren nicht mehr schriftstellerisch tätig gewesen zu sein. Als sich dieser Antrag jedoch mit einer Notiz im Organ der Reichspressekammer, der Deutschen Presse, überschnitt, vor Annahme von Schriften Marès’ seien Erkundigungen einzuholen(3), zog die Autorin die Konsequenz und gab das Schreiben auf.(4)

1945, als mit der bevorstehenden Niederlage Deutschlands das Ende ihres Landes, das sie liebte, gekommen schien, entschloß sich die nun 78jährige zum Freitod. Sie verweigerte jegliche weitere Nahrungsaufnahme und starb am 12. April. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem Friedhof Wilmersdorf.


(1) Sonja Holms Ehe, S. 38

(2) Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde: BArch (ehemaliges BDC) R9361-V/9813

(3) Ebenda; Meine Frau und ich war in Unkenntnis der Sachlage in der Zeitschrift Jede Woche ein Roman! abgedruckt worden.

(4) Ebenda


Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 10

Jolanthe Marès – Die Schriftstellerin von Berlin W. Teil 8. Anders, aber nicht zwangsläufig schlechter: Die Frauen in Die Mausefalle Liebe

„[…] Auch dürfen Sie nicht vergessen, liebe Renate, daß die Männer gelernt haben, Achtung zu haben vor Geist und Persönlichkeit der Frau. Ihr Mädchen von heut habt vor uns voraus, daß ihr euch den Männern gleichberechtigt an die Seite stellen könnt.“(1)

Einen ernstgemeinten Versuch, das Rollenverständnis Frauen damals – Frauen heute zu durchleuchten, stellt Die Mausefalle Liebe von 1932 dar. Inzwischen, so will es scheinen, hatte die Autorin gelernt, daß die gefürchtete „Neue Frau“ nicht gleichbedeutend war mit Dirne, und daß auch die berufstätige, bindungsunwillige Jugend durchaus ihre Wertvorstellungen hatte. So sind ihre drei Protagonistinnen Ursula Schön, Hedda Wiegand und Renate Moraht bei allem Flirt und aller Lebenslust anständige junge Frauen, denen ihre Müttergeneration fast entschuldigend veraltete Anschauungen abbittet – man meint, Jolanthe Marès’ gewandeltes Verständnis darin zu lesen.
Dennoch landen auch diese unabhängigen Heldinnen letztlich im Hafen der Ehe, dem altbewährten wahren Beruf der Weiblichkeit. (Von dem wahren Beruf eines Mannes als Gatte und Vater ist merkwürdigerweise nie die Rede.) Daß eine Frau nicht nur Versorgung, sondern auch Erfüllung in ihrer Berufstätigkeit finden könnte, soweit sollte Marès’ Vorstellungsvermögen trotz mancher geänderter Sicht Zeit ihres Lebens nicht reichen.

Die lebenslustige Ursula sammelt Verehrer, ohne sich dabei zu mehr als harmlosen Flirts hinreißen zu lassen – sie wartet auf die große Leidenschaft. Renate hat in Peter die Liebe ihres Lebens gefunden, doch eine Schwangerschaft und damit verbundene Besitzansprüche Peters treiben sie auseinander. Die freischaffende Modeschöpferin Hedda geht in ihrer Arbeit auf, bis Streß und Überarbeitung sie zum Umdenken zwingen.
Die Mausefalle Liebe ist neben Begierde einer der besten Marès-Romane; er ist auch, anders als alle übrigen Werke, ein von Grund auf positiv, heiter gestimmter Roman und eine Studie des jungen Berlins Anfang der 30er Jahre. Er glänzt mit spritzigen Dialogen, die man – ebenfalls im Gegensatz zu Marès’ meisten anderen Werken – so auch im realen Leben hören könnte. Gravität bringt Renates Handlungsstrang in die Erzählung, deren Ängste hinsichtlich der Ehe sich auf dem Fuße erfüllen. Sobald Renate dem geliebten Peter gesteht, sie sei schwanger, stellt er Forderungen: Sein Kind solle ehelich zur Welt kommen, er wünsche nicht, daß seine Frau arbeite, sondern daß sie den Haushalt führe… Und zu guter Letzt akzeptiert Renate all diese Bestimmungen über ihr Leben, aus Liebe, versteht sich. Daß sie die Schattenseiten dieses offenkundig noch immer als Ideal betrachteten Verhaltens bereits in Inge – seine Frau ausgelotet hatte, war Marès wohl nicht mehr bewußt.

Eine interessante Entwicklung zeigt sich bei einem Vergleich des „Augenkontaktes“ mit Fremden, den Marès’ Frauengestalten seit Lilli suchen:

Dann nimmt sie ihn aufs Korn und fixiert ihn scharf. Er stutzt, kommt an uns vorbei. Suse läßt ihn nicht aus den Augen und lächelt ihn an.(2)

Schnell wanderten ihre Augen in die Runde, um festzustellen, ob die Umsitzenden auch von ihrem Erscheinen genügend Notiz genommen hätten.(3)

Sie knöpfte sich den Mantel zu, zog die Handschuhe an und warf noch einen Glutblick zu dem Nebentisch hinüber, an dem ein ältlicher, weißhaariger Herr sie stark fixierte.(4)

War der Blickkontakt in der ersten Hälfte ihres literarischen Schaffens noch den leichtlebigen, moralisch anstößigen Charakteren ihrer Romane vorbehalten und immer mit einem gesuchten Flirt (oder mehr) verbunden, so hat sich dies in Die Mausefalle Liebe geändert:

Während ihre Lippen sich zu einem Lächeln wölben, schickt sie ihre Blicke auf die Wanderschaft. Viele Augen ruhen mit Bewunderung und Begehrlichkeit auf ihr. Sie quittiert mit einem leichten Augenblinzeln. Es wirkt aufmunternd, aber nicht herausfordernd, dieses Blinzeln. Die Männer fühlen, es ist viel Lebensfreude um diese Frau, und das macht ihnen warm. Ihre lichte, blonde Erscheinung ist wie ein Sonnenstrahl. (5)

Auch gesellschaftlich beurteilt man die tanz- und modefreudigen jungen Frauen inzwischen anders:

„Die Frauen hier in Berlin erwecken den Eindruck, als haben sie nichts weiter zu tun, als sich zu amüsieren und sich für den Mann zu schmücken, und doch stehen die meisten im Berufsleben und erfüllen getreu ihre Pflichten. Immer finden sie noch Zeit, an ihre äußere Erscheinung zu denken. Man sieht viele geschmackvoll und elegant gekleidete Frauen in Deutschland.“
„Wir sind auch stolz auf unsere Frauen, die über ihrer Berufstätigkeit die Pflichten nicht vergessen, die sie an uns zu erfüllen haben.“
(6)

Die Tragik früherer Anschauungen findet ihre Darstellung in Ursulas Kollegin Fräulein Stoßmeister, der „grauen Motte“:

„Das sagen Sie, die Sie in eine neue Welt hineingeboren sind. Ich, die ich noch in der alten gelebt habe, bin beschwert worden mit Vorurteilen und Moralgesetzen. Früher hatte man Hemmungen.“
„Die hat man auch heut noch.“
„Zugegeben. Aber wer sie hat, der hat sie mit Verstand – nach seinen eigenen Erwägungen und Prinzipien, liebes Fräulein Schön. Das nämlich ist der springende Punkt. Weil ich nicht durfte – einfach nach vorgeschriebenen Grenzen nicht konnte – bin ich eingeschrumpft – seelisch und körperlich. Es wurde uns doch eingeimpft ins Blut – das Sichaufsparen für den einen Mann – und – das Treuehalten.“
(7)

Jedoch zieht sich durch die Handlung eine Kritik an der heiratsunwilligen weiblichen Jugend, die sich in der Arbeit für Fremde plagt, bei Fremden wohnt und deren Launen ausgesetzt ist, anstatt sich ein eigenes Heim zu schaffen, kurzum: als Hausfrau und Mutter die wahre Berufung zu finden. Hatte sich Jolanthe Marès in Mütterreigen und Das große Unrecht noch bemüht, eine Lanze für die Anerkennung unverheirateter Mütter zu brechen, so akzeptierte die weibliche Folgegeneration bereits ganz selbstverständlich die Möglichkeit, ein Kind ohne Vater aufzuziehen – in einem Maße, daß es Marès offenbar schon wieder daran gelegen war, für die intakte Familie zu werben.


(1) Die Mausefalle Liebe, S. 7

(2) Lilli, S. 99f.

(3) Dela Steinthal, S. 63

(4) Ebenda, S. 65f.

(5) Die Mausefalle Liebe, S. 18

(6) Ebenda, S. 21

(7) Ebenda, S. 38


Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 9
Teil 10

Jolanthe Marès – Die Schriftstellerin von Berlin W. Teil 7. Starke Frauen im Berlin der Weimarer Republik: Dela Steinthal, Inge – seine Frau und Die Männer um Sibylle Wengler

„Harmonische Ehe!“ Leichter Spott lag in dem Ausruf. „Das klingt sehr schön, sehr korrekt. Du fühlst dich also glücklich?“
„Wie sollte ich nicht? In Übereinstimmung zu leben, darin besteht doch das Glück einer Ehe.“
„Nennst du das in Übereinstimmung leben, wenn er, wie du sagst, dir alles Unangenehme fernhält? Dich wie ein unmündiges Kind behandelt? Weißt du, wie diese Harmonie in den sogenannten glücklichen Ehen hergestellt wird? Indem die Frau ein Stück ihres eigenen Ichs aufgibt.“
„Soll es denn nicht so sein, Dinah?“
„Nein. Ein jeder soll Achtung haben vor der Persönlichkeit des anderen und soll ihr gerecht werden. Den meisten Männern wird das allerdings verteufelt schwer. Ihnen spuken noch immer die Herrschergelüste im Kopf herum. Für mich gibt es kein Unterordnen unter den Willen eines anderen. Auch nicht in der Liebe.“
(1)

Dela Steinthal von 1923 kehrt in gewisser Hinsicht die Geschlechterrollen aus Seine Beichte um. Seine Beichte von 1918 hatte thematisch wenig Neues geboten; Marès arbeitete darin lediglich die bereits mehrfach in ihren Romanen aufgetretene Figur des Genußmenschen näher aus. Einzige Neuerung und auch einzig interessante Figur war die Chansonette und Domina Siddi Roth, der selbst der erfahrene Lebemann Achim von Wellinghausen verfällt.
Dela Steinthals bisexuelle Titelheldin lebt ähnlich wie Achim von Wellinghausen um des Genusses willen; sie führt eine offene, von Episoden der Leidenschaft unterbrochene Vernunftehe mit dem Galeristen Felix Steinthal, außerhalb derer sich beide Partner mit wechselnden Liebschaften vergnügen. Delas „schwächliches“ Pendant zu Wellinghausens Ulla von Wahlen scheint auf den ersten Blick der Russe Michail Salmanoff zu sein. Im Gegensatz zu Ulla jedoch ist dieser kein Unschuldiger, sondern ein erfahrener Verführer und Lebemann, der sich von seinen Geliebten aushalten läßt. Die verführte Unschuld des Romans ist auch diesmal wieder eine Frau, die junge Lizzy Wendland, die sich über die Warnungen ihres Ehemannes hinwegsetzt und – ganz nach bekanntem Marèsschem Moralmuster – dafür den Tod erleidet.
Männlicher Protagonist der Handlung ist Herbert von Bohnen, der von Dela gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen ist und den sie für sich zu gewinnen versucht, zunächst, weil sie in ihm einen „richtigen Mann“ sucht, später, um ihn abweisen zu können. Bohnen ist der klassische Marèssche Herrenmensch germanischen Typs, der zahlreiche Affären mit verheirateten wie unverheirateten Frauen unterhält und diese Frauen gleichzeitig für ihre Unmoral verachtet, der nicht immer danach fragt, ob eine Frau ihm zu Willen sein will oder nicht. So verschieden sein Charakter von Delas zu sein scheint, stellt er doch ihr Spiegelbild dar: Beide sind starke Persönlichkeiten mit guten Anlagen, die sie unter ihren Schwächen begraben haben. In Herbert von Bohnen begeht Marès einmal mehr den Logikbruch, der bereits den Assessor in Lilli auszeichnete: Vom Beitragenden und Nutznießer der bestehenden Gesellschaftsunmoral wird er ohne Charakterentwicklung, die diese Wandlung erklären könnte, zu deren Kritiker.
Dela wiederum gehört neben Dinah Munck aus Inge – seine Frau zu den interessantesten, weil vielschichtigsten und wohl auch lebensnahesten Marèsschen Heldinnen. Zwar trägt sie alle Zeichen des Egoismus’ der Neuen Frau, ist dabei jedoch nicht negativ gezeichnet. Sie führt eine glückliche Ehe, hat eine liebreizende kleine Tochter und wird im kaum versteckt augenzwinkernden Vergleich mit ihrem Mann als die erheblich bessere Liebhaberin des Paares dargestellt. (So muß Felix Steinthal sich die bescheidene Gunst Tatjana Smirnowas erkaufen, während die Beziehung zwischen ihr und Dela sowohl leidenschaftlich als auch freundschaftlich verläuft – ganz ohne Geld und Geschenke.) Sie besitzt die seltene Gabe, das innerste Wesen eines Menschen erkennen und auf die Leinwand bannen zu können. Gerede um ihre Person ist ihr gleichgültig.
Geballt treten in diesem Roman die das damalige Berlin faszinierenden russischen Emigranten auf; überhaupt liegt die Stärke des Romans in seinen zahlreichen lebendigen Charakteren, die alle auf ihre Art „Originale“ sind. Dela Steinthal stellt eine kontemporäre Milieustudie der Inflationszeit in Berlin W dar. In dem vor dem Kriege angesiedelten Lillis Ehe hatte Jolanthe Marès darauf hingewiesen, die Adligen der wilhelminischen Ära erlernten keinen Beruf und seien somit auf reiche Heiraten angewiesen. Die neue Zeit forderte anderes von ihnen.

Wie fast alle Offiziere hatte Herbert von Bohnen die Uniform an den Nagel hängen müssen und den Zivilrock angezogen. Es war ihm nicht schwer geworden, seinen Beruf aufzugeben, den er nur alter Tradition entsprechend, ergriffen hatte. Herbert entstammte einer Militärfamilie, in der es üblich war, daß die Söhne dem Vaterland dienten. Ein jeder andere Beruf war von vornherein ausgeschlossen. Herbert war wohl der erste, der es versucht hatte, sich gegen diese Überlieferung aufzulehnen, aber, wie er im voraus wußte, ohne Erfolg. Nun waren die Verhältnisse ihm zu Hilfe gekommen. Dank seiner Verbindung, die er als eleganter Tänzer und Gesellschafter in der Zeit vor dem Kriege hatte, war es ihm nicht schwer geworden, Unterkommen in einer größeren Bank zu finden. Denn mit dem enormen Notenumlauf wuchsen auch die Banken, wuchs der Bedarf an Personal, die diese Häuser brauchten. Und gerade die Bankinstitute waren es, die viel Militär der höheren Chargen aufschluckten.(2)

Im Gegensatz zu ihren vorangegangenen moralisierenden Romanenden verläßt Jolanthe Marès ihre handelnden Personen mehr oder weniger im Geschehen: Bohnen geht, Dela lebt weiter wie bisher zwischen Kunst, Ehe und Affären. Das Leben geht seinen Gang.

Dela Steinthal wurde lange vor einer Dämmerung nationalsozialistischer Macht geschrieben, und doch sieht man den Werdegang seiner Protagonisten in den kommenden Jahren geradezu vor sich: Bohnen, der sich auf die Seite der neuen Herren schlägt, Dela als Malerin entarteter Kunst im Exil.

Obwohl ihre Werke Lilli, Lillis Ehe und Seine Beichte bereits 1919 verfilmt worden waren, verarbeitete Marès das Sujet Film erst 1924 zum ersten Mal. Elegantes Pack, der Roman um einen Filmstar, kam zunächst als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Berliner Leben heraus, 1925 auch in Buchform. Ebenfalls 1924 erschien in den USA Three Women, eine lose auf Motiven aus Lillis Ehe beruhende Filmproduktion unter der Leitung von Ernst Lubitsch. Im nächsten Jahr folgte Elegantes Pack, das aber keine Ähnlichkeit mit Marès’ Werk aufwies und sich wohl nur des Namens der Bestsellerautorin bediente. Direkt für den Film arbeitete Marès bei der Produktion Liebesfeuer (ebenfalls 1925), deren Idee ihr zugeschrieben wird.

In die Gefilde der Kriminalliteratur lenkte Marès ihre Handlung in Inge – seine Frau. Hier stellte sie auch erstmals ihre bekannten Muster von unabhängiger, die Ehe ablehnender und somit irregehender „Neuer Frau“ und weiblicher, Halt am Manne suchender Gattin auf den Kopf.
Inge geht in ihrer Liebe zu dem Generaldirektor Fritz Hollmann auf, für den sie ihre Jugendliebe Hans Büchner verließ. Ihre Freundin Dinah Munck, eine Bildhauerin, hat gerade ihren Lebensgefährten durch einen unerklärten Selbstmord verloren und hadert mit einer vermeintlichen Liebe, die nur Lüge war, weil es ihr am Vertrauen zum anderen mangelte.
Das Thema der Masken, des Nicht-Kennens oder Anders-Erscheinens zieht sich durch den ganzen Roman. Inges selbstopfernde Liebe erweist sich immer deutlicher als Irrweg, während Dinahs starke, dabei warmherzige Natur am Ende alle Zweifel besiegt und in einem applauswürdigen Showdown den wahren Übeltäter in die Knie zwingt. Zum ersten Mal läßt Jolanthe Marès die sonst so gescholtene moderne Frau über das weibliche Ideal früherer Zeiten siegen.

Ein in doppelter Hinsicht ungewöhnlicher Marès-Roman ist Die Männer um Sibylle Wengler. Nicht nur entfallen darin die üblichen Stellungnahmen der Autorin zu Ehe und Position der Frau, auch führt die Kriminalhandlung die Titelheldin von Deutschland durch die Sowjetunion ins exotische China. Der Roman erschien nach einer dreijährigen Schreibpause der Verfasserin – möglicherweise brachte sie darin Erlebnisse einer längeren Reise unter? Tatsächlich besaß Marès eine Nichte (Tochter ihres jüngsten Bruders Julius), die Schicksal und Abenteuerlust bis nach Japan verschlagen hatten, wo sie einen Einheimischen heiratete und nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein Kinderhilfswerk gründete.(3)

Zeit ihres Lebens scheint Marès vom Flugsport fasziniert gewesen zu sein, denn dieses Motiv taucht – bereits beginnend mit Lilli – in vielen ihrer Romane auf. In Die Männer um Sibylle Wengler läßt sie erstmals sogar eine ihrer Protagonistinnen zur Pilotin ausbilden. Ebenfalls in diesem Roman landet die erste Passagiermaschine von New York nach Berlin auf dem Tempelhofer Flughafen. Inspiriert wurde diese Idee wohl von dem ersten Nonstop-Flug New York – Deutschland im Juni 1927, an dem immerhin ein Passagier teilnahm; der erste reguläre Linienflug aus der Neuen Welt nach Berlin erfolgte jedoch erst 1938.


(1) Inge – seine Frau, S. 7

(2) Dela Steinthal, S. 50

(3) Im Stammbaum der Familie Lesser auf http://www.geschichtsportal-nordhausen.de ist dies Rose Sophie Henriette Lesser, verheiratet mit Kenji Takahashi.


Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 8
Teil 9
Teil 10

Jolanthe Marès – Die Schriftstellerin von Berlin W. Teil 6. Die Hure und die Heilige: Frauenbilder, Männererwartungen in Verschenktes Leben und Die Sünderin

„Deinetwegen verlasse ich Mann und Kinder, gebe meine rechtliche Stellung auf, um als illegitime Frau neben dir zu leben.“ […]
„Warum tust du es denn? Ich habe das niemals von dir verlangt.“
„Du hast es nicht verlangt, weil du Angst vor der Öffentlichkeit hast. Ja, so seid ihr Männer alle. Im Geheimen nehmt ihr, was sich euch bietet. […] Sobald wir aber eine Forderung aufstellen, die euch unbequem ist, soll sie unterdrückt werden […].“
(1)

Aus einem neuen Winkel beleuchtet Jolanthe Marès ihre bekannten Strukturen von dekadenter Gesellschaft, Frauenrollen und Mutterschaft in Verschenktes Leben. („Den Freunden in Tübingen“ gewidmet.)
Als Elisabeth und Ullrich Weidener nach dem Tod ihres Sohnes keine Kinder mehr bekommen können, bricht für sie eine Welt zusammen. Ullrich fühlt sich um seinen Erben betrogen, Elisabeth (als echte Marèssche Heldin) um ihre „weibliche Bestimmung“. In dieser Situation erhält Elisabeth Besuch von ihrer Freundin Hanna. Diese, ehrgeizig, aus dem Spießbürgertum ihrer Herkunft auszubrechen, sieht sich durch die Wirtschaftskrise nach Kriegsende in bescheidene Verhältnisse gestürzt. Sie ist nun zum dritten Mal schwanger und lehnt das Kind ab. Ihr Vorschlag, der wohlhabenden, aber verzweifelten Freundin dieses Kind zu schenken, bedeutet die Rettung für Elisabeth und Ullrich.
Von Stund an dreht sich in ihrem Leben alles nur noch um Hannas Wohlergehen. Sie verwöhnen die werdende Mutter ihres Kindes nach Kräften, mehr und mehr zum Mißfallen deren Mannes Günther, der zu Recht befürchtet, nach Geburt des Kindes werde es Hanna schwerfallen, sich wieder einschränken zu müssen. Doch diese plant bereits, sich auch für später abzusichern. Ullrichs wachsendes Interesse an ihr als „Mutter seines Kindes“ fördert sie, bis es schließlich in eine heimliche Affäre mündet.
Auch nachdem das Kind, der erwünschte Sohn, hellhaarig wie seine Adoptiv- statt dunkel wie seine leiblichen Eltern, geboren ist, setzen Ullrich und Hanna ihre Liebschaft fort. Hanna spricht von Scheidung, doch Ullrich will davon nichts wissen – aus Konvention, mehr jedoch aus Angst davor, Elisabeth werde die Wahrheit erfahren. Verbittert erkennt Hanna, daß sie für Ullrich immer „nur die Geliebte“ sein wird, während er Elisabeth auch ihr gegenüber auf ein Podest stellt. Sie enthüllt Günther die Affäre. Der betrogene Ehemann, der noch am gleichen Tage gehofft hatte, seine entfremdete Frau zurückgewinnen zu können, stellt Ullrich zur Rede, wirft ihm vor, ihm und Elisabeth eine Komödie vorgespielt zu haben – das Kind sei Ullrichs. Ullrich ist entsetzt über den Vorwurf des Freundes, kann aufgrund Klein-Helmuths Aussehen jedoch das Gegenteil nicht beweisen.
Zeit vergeht. Hanna lebt inzwischen in Scheidung und hat dank Ullrichs finanzieller Unterstützung den Weg in die feinere Berliner Gesellschaft gefunden. Doch allmählich wird ihr klar, daß sie dafür mit innerer Einsamkeit bezahlt hat. Ullrich hat sich von ihr losgesagt, ihre Kinder weiß sie in der Obhut einer Cousine Günthers. Als sie auf der Straße zufällig Elisabeth begegnet, sieht sie ihre Chance für Rache gekommen und enthüllt der einzig Ahnungslosen des Quartetts die Wahrheit. Elisabeths wohlbehütete Welt stürzt endgültig zusammen. Sie denkt an Selbstmord, Scheidung, entschließt sich letztlich jedoch zu Entsagung eigenen Glücks um der Menschen willen, die sie brauchen: Helmuth und auch Ullrich, trotzdem sie ihm nie wieder vertrauen kann. Die Handlung endet offen, als sie sich mit Helmuth eine zeitweilige Trennung von Ullrich abbedingt.

Erstmals tritt in Verschenktes Leben Marès’ neuer Schreibstil der unvollständigen Stakkatosätze auf, der zukünftig ihr Schreiben auszeichnen sollte.

„[…] Du – bist nicht mehr du – – ! Diese Reinheit, die dich umgab – sie hat nie existiert!“
Fest und bestimmt klingt ihre Stimme dagegen, ruhig sieht sie ihn an. „Du täuschest dich. War ich dir rein, so bin ich es noch. Ich scheine dir nur eine andere. In Wahrheit bin ich die-selbe, die ich vor drei Tagen gewesen bin.“
„Ich sah eben in dir immer eine andere, sah dich nie, wie du wirklich bist.“ Schmerzlich schüttelt er den Kopf.
„Wenn du nie etwas von meiner Vergangenheit erfahren hättest – – meinst du nicht – – ich wäre dir dieselbe geblieben?“
„Das kann wohl sein.“
„So fange an zu denken.“
(2)

Stärker noch als in Lillis Ehe befaßt sich Jolanthe Marès in Die Sünderin mit Gewalt in der Ehe.
Der Bildhauer Kurt Raßmussen sehnt sich nach wechselnden Affären nach einer „sauberen“ Beziehung. Er heiratet Ursula, ein Mädchen aus guter Familie, von dessen Unberührtheit er meint ausgehen zu können, und schirmt seine junge Frau von allen zweifelhaften Einflüssen seines Künstlermilieus ab. Nach einem Jahr glücklicher Ehe erfährt er, daß es bereits einen Mann in Ursulas Leben gegeben hat. Der andere starb, das Kind aus dieser Beziehung trieb Ulla ab. In enttäuschter Erwartung und verletzter Eitelkeit sieht Raßmussen von stund an nur noch die gefallene Frau in Ursula, er demütigt sie bei jeder Gelegenheit, beschimpft und vergewaltigt sie, quält sie mit Eifersucht und betrügt sie gleichzeitig. Ulla, die ihn ehrlich liebt, klammert sich eine Zeitlang an die rein körperliche Liebe, die sie noch verbindet, doch mit dem zunehmenden Verlust der Achtung vor Raßmussen nimmt auch dies ein Ende.
Nie zuvor und nie danach übte Marès in solcher überzeichneten Deutlichkeit Kritik an einem realitätsfremden Frauenbild: Der absoluten Trennung zwischen keuscher, jungfräulicher Braut, die zu einer engelhaften Ehefrau wird, und der Frau, die, weil sie eine außereheliche Beziehung hatte, auch zwangsläufig für alle anderen Männer zu haben ist – die Heilige und die Hure. Daß die „Reinheit“ einer Frau und ihrer Liebe nicht an Äußerlichkeiten gekoppelt war und Moralbegriffe gern je nach Situation umgebogen wurden, arbeitete Marès logisch heraus.

„[…] Mein Gefühl ließ mich schweigen, denn ich war frei – und rein. Nie und nimmer kann er behaupten, daß ich ihn enttäuscht habe.“
„In gewissem Sinne haben Sie das doch getan. So, wie er Sie fand, mußte er annehmen, daß Sie noch nie einem anderen Manne angehört hatten.“
„Daß dies dennoch der Fall gewesen, was ändert das an meiner Person, an meiner Liebe zu ihm?“
„Sie sehen ja, daß es seiner Liebe einen Stoß versetzt hat.“
„Ja, das sehe und fühle ich.“
„Es ist eine große Enttäuschung, die er erlebt.“
„Diese Enttäuschung gibt ihm nicht das Recht, mich wie eine Dirne zu behandeln. Ich habe mich einem anderen Manne hingegeben, ja – aus Liebe und Mitleid habe ich es getan, und trotzdem bin ich rein geblieben, reiner wie manche andere, die vielleicht unberührt, aber mit unreinen Gedanken und unkeuschen Sinnen in die Ehe geht. […]“
(3)

„Also, was hat sie verbrochen? War sie dir untreu?“
„Natürlich! Sie hat sich einem anderen hingegeben – voll – ganz – mit Folgen – verstehst du?“
„Wann?“
„Bevor sie mich heiratete.“
„Als sie dich schon kannte?“
„I bewahre.“
„Das ist doch dann keine Untreue.“
„Sie hat doch aber den anderen geliebt – vielleicht liebt sie ihn auch noch.“
„Ich denke, sie hat dich aus Liebe geheiratet?“
„Das sagt sie. Weiß man, ob es wahr ist?“
„Deine Frau lügt nicht.“
Das klang so fest und bestimmt, daß Raßmussen erstaunt aufsah. „Aber – sie hat mir doch verschwiegen – “
„Verschweigen ist nicht lügen.“
„Sie ließ mich doch aber glauben – “
„Mit vollem Recht!“
„Bist du verrückt?“ Raßmussens Faust schlug auf den Tisch. „Du nimmst also ihre Partei?“
„Weder ihre, noch deine. Ich möchte dir nur meine Ansicht entwickeln. Also bitte, sprich weiter.“
„Was ist da noch viel weiter zu sprechen. Du hast es ja gehört, die Tatsache an sich genügt.“
„Diese Tatsache allein stempelt eine Frau noch nicht zur Lügnerin, nie zu einer Dirne. Zur Dirne wird sie nur, wenn sie heut dem, morgen jenem sich in die Arme wirft, oder wenn sie dirnenhaft denkt oder sich dirnenhaft hingibt. Eine verheiratete Frau, die nur einem einzigen Manne angehört, kann ebenso eine Dirne sein wie ein Weib, das sich öffentlich verkauft. Auf das Denken und Fühlen kommt es an, mein Lieber. Und dafür, daß deine Ursula rein denkt und fühlt, dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“
„Du bist verliebt in sie?“
„Rede keinen Unsinn.“
„O bitte – sie hat volle Freiheit – einer mehr oder weniger – das macht mir nichts aus.“
„Du solltest dich schämen.“
„Ich?? Das ist zum Lachen! Du verwechselst uns wohl? Sie ist es, die sich schämen muß. Aber sie tut es nicht – im Gegenteil – sie trägt den Kopf genau so hoch wie vorher.“
„Das muß dir ein Beweis sein, daß sie ein reines Gewissen hat.“
„Ein reines Gewissen? Gar keins hat sie. Im übrigen begreife ich nicht, wie du dich so über alle Moralbegriffe hinwegsetzen willst.“
„Moralbegriffe, die andere Menschen zu anderen Zeiten gemacht haben? Moralbegriffe, die zum Teil nur aus Bequemlichkeit, zum Teil nur beibehalten werden, um sich dahinter verschanzen zu können, wie du es soeben tust. Du gerade gehörst doch zu denen, die auf die Moral pfeifen! Ich möchte dich nur an die Zeit erinnern, als Waldmeyers Frau deine Geliebte war. Und nicht du allein standest in ihrer Gunst, zur selben Zeit hatte sie noch den kleinen Wormann. Ich erinnere mich nicht, daß dich damals Moral behinderte. Laß mich mit deinen Moralbegriffen zufrieden. Die am meisten davon sprechen, denen fällt es am wenigsten ein, sich nach ihnen zu richten.“
„Du willst Ursula also entschuldigen?“
„Wie kann ich entschuldigen, wenn ich keine Schuld sehe? Ihr volles Recht hat Ursula sich genommen, wenn sie sich einem Manne gab, den sie liebte. Du warst doch noch gar nicht in ihr Leben getreten, tja, sie konnte gar nicht wissen, ob sie noch jemals zu einem anderen Mann Liebe empfinden würde.“
„Aber, so denke doch – ohne Heirat – ein Mädchen aus gutem Hause – “
„Ich finde es grotesk, wenn gerade du so sprichst.“
(4)

Zum ersten Mal wird auch auf die finanzielle Abhängigkeit eingegangen, in die sich Frauen bei einer Verheiratung begaben. So versucht Ulla, Raßmussen zu verlassen, doch diese Absicht scheitert bereits an der einfachen Überlegung, wohin sie gehen soll. Die Rückkehr zu ihren Eltern ist keine Option, und ohne eigenes Vermögen ist nicht einmal die Unterkunft in einer Pension möglich.


(1) Verschenktes Leben, S. 195

(2) Die Sünderin, S. 39

(3) Ebenda, S. 74f.

(4) Ebenda, S. 86ff.


Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10

Jolanthe Marès – Die Schriftstellerin von Berlin W. Teil 5

„Und wieder sah er, wie Pflicht und Gewissen betäubt wurden von Trieben, die so stark waren, daß die Menschen sich ihnen besinnungslos hingeben mußten, mochten sie auch von schwindelnder Höhe zum Abgrund führen. Die Unerbittlichkeit von Vera Buchwalds Schicksal zeigte ihm, daß es kein Entrinnen gab und diese Schuld immer bestehen würde, solange menschliche Gesetze den göttlichen Trieb als ein Unrecht bezeichneten!“ – Uneheliche Mutterschaft in Mütterreigen und Das große Unrecht

Marès’ viertes Werk, Mütterreigen, ist kein Roman, sondern eine Episodensammlung um das Thema uneheliche Mutterschaft. So unterschiedlich die Mädchen und Frauen und ihre Situationen sind, vereint sie das eine gemeinsame Schicksal: Durch Empfängnis von der Gesellschaft ausgestoßen zu werden, „in demselben Augenblick, in dem sie ihre natürliche Bestimmung für die Gesellschaft erfüllen“, wie es Dr. Max Hirsch im Archiv für Frauenkunde(1) formulierte. Sei es die behütete Tochter, die von zwei Landstreichern vergewaltigt wird – die junge Köchin, die heimlich ihr Kind austrägt und es in der Angst vor Entdeckung unbeabsichtigt erstickt – die Adlige, die die aus einer kurzen Affäre mit ihrem Diener hervorgehende Schwangerschaft beendigt – die kindliche Fünfzehnjährige, an der sich deren Onkel vergeht – die Geliebte eines Bildhauers, die von ihm verlassen wird, weil ihr reifender Körper sein ästhetisches Empfinden verletzt – die Tochter aus gutem Hause, die nach Vergewaltigung durch ein Mitglied der „Gesellschaft“ und dessen Weigerung, sie zu heiraten, den Mut zum Selbstmord nicht aufbringt und ihr Kind abtreibt – die Mutter, die ihre Tochter aus der Verbindung mit ihrem gefallenen Verlobten als ehelich großgezogen hat und nun feststellen muß, daß deren Verehrer seinen Heiratsantrag nicht aufrechterhält, als er die Wahrheit erfährt – die junge, romantisch veranlagte Näherin, die auf einem alkoholseligen Maskenball ihrem Märchenprinzen begegnet und sich ihm hingibt, nur um später zu erkennen, daß sie ihrem Kind nicht einmal seinen Namen nennen kann – die Ehefrau, die, nachdem sie von ihrem Gatten nicht schwanger wird, diesem den ersehnten Erben in Gestalt eines Kuckuckskindes schenkt – die „moderne Ehefrau“, die kein Kind will, aber während eines Besuchs auf dem Lande bekehrt wird.

Mangels weiterer Behandlung der Thematik bleibt offen, ob Jolanthe Marès einen Abort im Falle von Vergewaltigung für gerechtfertigt hielt; die Notzuchtindikation existierte im damaligen § 218 noch nicht. Manches deutet darauf hin, daß sie die Problematik bei einer erblichen Veranlagung sah – daß das Kind eines Verbrechers das Verbrechen gewissermaßen in den Genen trug (womit die Berechtigung eines Aborts gegeben war). War sie dagegen der Meinung, das Kind sei unschuldig, so mochte sie der Abneigung der unfreiwilligen Mütter gegen das Austragen des Kindes zu begegnen glauben, indem sie die Gründung von Findlingsheimen befürwortete, in denen diese unerwünschten Kinder nach ihrer Geburt anonym abgegeben werden konnten.

Marès’ umfangsreichstes und ambitioniertestes Werk ist ihr 1919 veröffentlichter Sozialroman Das große Unrecht, in dem sie die Themen aus Mütterreigen erneut aufgreift und erweitert. Beworben wurde Das große Unrecht in Anzeigen und im Vorwort von Adele Schreiber als Auseinandersetzung mit dem § 218.(2) Dies entspricht zu einem gewissen Grade auch den Tatsachen, doch ist die Position des Protagonisten Dr. Fritz Meyer und der Autorin von vornherein deutlich. Das „große Unrecht“ des Titels bezieht sich nicht, wie oft irrtümlich angenommen, auf die Frage nach pro oder contra Abtreibung, sondern auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die – in Marès’ Interpretation – einen zutiefst unnatürlichen Zustand schaffen: Den Wunsch einer Mutter, ihr eigenes Kind zu töten. Im Gegensatz zu ihren übrigen Werken, in denen die Problematik sehr simplifizierend abgehandelt wird, geht Marès in Das große Unrecht auf viele zugrundeliegende Aspekte ein, so eben auch auf Abtreibung als mögliche Lösung, um größeres Leid zu verhindern. Für die Autorin jedoch kann es sich dabei immer nur um eine Notlösung handeln. Ihr Ziel geht zu einer Veränderung gesellschaftlicher Anschauungen, indem die Ächtung unehelicher Mutterschaft aufgehoben werde und somit „mehr und besseres Menschenmaterial“ entstünde.

Die erste Lebensregung des Kindes flößte der Mutter schauderndes Entsetzen ein, und sie verfiel dem mörderischen Verlangen, die Frucht im Keime zu zerstören wie ein schädliches Unkraut.
T o d dem Kinde!
Und warum?
Die Mutterschaft verfiel diesem mörderischen Wüten nur infolge der sozialen Mitleidslosigkeit, der Entsittlichung der Liebe und der Grausamkeit der Gesetze.
L e b e n dem Kinde!
Mitleid und Gnade den armen, verführten, im Namen der bürgerlichen Tugend gejagten und gepeinigten Mädchen und Frauen.
Wieviel Kraft, Gesundheit und Schönheit gingen hier verloren!
(3)

Neben den bereits bekannten schablonenhaften Gesellschaftscharakteren wagt sich Marès ausgerechnet in Das große Unrecht an humoristisch, fast persiflierend gezeichnete Figuren: Frauenarzt Fritz Meyer mit dem solide deutschen Namen, der aus armen Verhältnissen stammt und sich ehrgeizig in die feine Welt hinaufarbeitet, in der er völlig unerfahren ist, und dort „auf den Geschmack von Schönheit und Blumenduft“ kommt; seine Frau Lieschen Schmaddebeck, Tochter eines reichen Schuhwichsefabrikanten aus Perleberg, die eine simple Landei-Natur und simple Moralvorstellungen besitzt und die nach neuestem Chic eingerichtete Wohnung mit Häkelarbeiten dekoriert. Beide jedoch deuten in ihrer Art früh eine Rückkehr zur Natur an, wie sie bereits in „Fruchtbarkeit“ (Mütterreigen) gefordert wird – beide sind Fremdkörper in der moralisch und körperlich erkrankten Berliner Gesellschaft; mit dieser konfrontiert, namentlich dem als unnatürlich dargestellten Unwillen, Kinder zur Welt zu bringen, entwickelt Fritz den Wahn, die „Krankheit“ herauszuschneiden. Am Ende kehrt er Berlins fragwürdiger Gesellschaft den Rücken, um in ländlicher Umgebung zu praktizieren und seine Töchter langfristig vor ähnlichen Konflikten zu schützen.

Wie in ihren vorhergehenden Romanen appellierte Marès an die Verantwortung der Eltern und der Gesellschaft:

Und diese Frau hatte Kinder geboren! Aus dem gleichen Blut, das ihr zu eigen war. Mit siebzehn Jahren war die Tochter dem Verführer in die Arme gefallen, und der Sohn? Was würde aus ihm werden? Welche Triebe des Blutes würden sich bei ihm offenbaren?
Sollte das so weitergehen von Generation zu Generation?
Unrecht häufte sich auf Unrecht, wohin er sah.
Das größte Unrecht, das die Menschen begehen konnten, war das Unrecht an sich selbst.
Denn der Mensch war nicht nur er selbst, er war die kommende Generation. Ein Unrecht, an sich selbst begangen, war ein Unrecht gegen das neue Geschlecht.
(4)

Zum ersten Mal jedoch forderte sie dabei nachdrücklich tätiges Interesse statt Mitleid:

„Ich will ja nicht entschuldigen, Frau Lisa, aber begreifen – verstehen muß man auch diese Menschen können. Wie leicht ist es für eine Frau, an die nie eine Versuchung herangetreten ist, ein verführtes Geschöpf zu verurteilen. Wie leicht für einen Gesättigten, den Brotraub eines Hungernden zu verdammen! Seien Sie nicht hart, Frau Lisa, versuchen Sie, nach den Motiven einer Tat zu forschen, und dann erst sprechen Sie Ihr Urteil.“
Lieschen wehrte sich. „Ich bin nicht hart, aber wenn jemand ein Brot stiehlt, so begeht er einen Diebstahl.“
„Und wenn eine arme Frau das Brot stiehlt, um es ihren hungernden Kindern zu bringen? Selbst das Gericht hat ein Verständnis dafür.“
„Solche Fälle sind Ausnahmen.“
„Nicht für forschende Augen, Frau Lisa.“
„Wie können Sie verlangen, daß Lisa mit denselben Augen sehen soll wie Sie, Schwester Vera, die Sie Gelegenheit haben, in Menschenschicksale hineinzuschauen?“
Fritz sagte es mit einem leichten Vorwurf. „Wenn Lisa das Verständnis für die Vorgänge der menschlichen Seele auch mangelt, so bin ich doch der Meinung, daß ihr das weibliche Mitgefühl den richtigen Weg weisen wird.“
„Mit dem Mitgefühl allein ist es eben nicht getan! Ich will das Verständnis haben!“
„Das setzt ein Interesse voraus.“
„Nun ja, dieses Interesse verlange ich. Ich kann einen Menschen nicht verurteilen, von dem ich nichts weiß als eine einzige von ihm ausgeführte Tat. […]“
(5)

Der „weiblichen Bestimmung“ – Hingabe in der Liebe, Mutterschaft – widmete sie ihre besondere Aufmerksamkeit, gerade in Hinblick auf unverheiratete Mütter, die ihre Bestimmung erfüllten und dafür von der Gesellschaft geächtet statt geehrt wurden.

„[…] Nehmen Sie den Makel von diesen Müttern und Kindern, kommen Sie ihnen mit Barmherzigkeit entgegen, und Sie werden viele Verbrechen verhüten.“ […]
„Was Sie da verlangen, ist einfach unmöglich, Schwester Vera.“
„Ich stehe auf dem Standpunkt der verzeihenden Nächstenliebe.“
„Indem Sie von Verzeihen sprechen, erkennen Sie schon eine Schuld an.“
„Ich sprach im Sinne der Gesellschaftsordnung. Aber Sie haben recht. Sprechen wir nicht von einer Schuld. Sprechen wir nur von der Liebe von Mensch zu Mensch.“
„Die Gesellschaft muß darauf sehen, die Begriffe von Sitte und Moral reinzuhalten.“
„Sehr richtig, Herr von Thalenhorst,“ erwiderte Thea Hollmann, „eine Gleichberechtigung der unehelichen Mutter wäre eine Herabsetzung der Frau und Gattin.“
„Da gehen Sie doch wohl zu weit, gnädige Frau. Eine Frau, die ihre Mutterpflichten erfüllt, steht in meinen Augen so hoch da, daß sie überhaupt durch nichts herabgesetzt werden kann […].“
(6)

Sie schlug Lösungsansätze vor:

„Zunächst müßten alle unehelichen Mütter das Recht haben, sich Frau zu nennen.“
„Das wäre ein Anfang,“ nickte Kurt Heinemann.
„Dann, Einrichtung von Instituten, in denen Mütter, die nicht fähig sind, sich und das Kind zu ernähren, die Kinder abliefern könnten. Ungefragt, ungesehen. Allerdings verlören sie dann das Recht auf ihr Kind.“
„Solche Häuser wären ein Segen.“
„Und dann natürlich Gleichberechtigung der unehelichen Kinder, die in den Händen der Mutter bleiben, vor dem Gesetz.“
(7)

In Abwesenheit solcher Lösungen verdammte Marès auch Abtreibung nicht von vornherein, wies jedoch gleichzeitig auf die Widersinnigkeit eines solchen Eingriffes hin, auf die Heuchelei der Gesellschaft und der Gesetzgeber, die durch ihre Moralvorstellungen Abtreibung geradezu förderten, bei Bekanntwerden bestraften und sich selbst wertvollen Nachwuchses beraubten.

Erschüttert sah Fritz Meyer auf die Sterbende. Wieder hatte das Verhängnis seinen Lauf genommen. Ein junges, blühendes Menschenleben war vernichtet. Wenn er geholfen hätte, würde sie weiterleben. […]
Mitschuldig war er geworden an ihrem Tod, aber sein Gewissen war frei von Schuld, denn das Gesetz sprach ihn frei.
Das Gesetz verlangte diesen Tod!
(8)

„Es ist kein Mitleid, Vera, das mich zweifeln läßt. Es ist nur die Pflicht, Menschenleben zu erhalten. Ich leide unter diesem Zwiespalt. Das Bestreben, ein Menschenleben zu erhalten, kostet so oft zwei. […]“(9)

Auch die Schuld des Mannes machte sie erneut deutlich:

Wieder eine Seele auf den Weg des Verbrechens getrieben! Einem gewissenlosen Menschen in die Hände gefallen, mußte sie schuldig werden, um der Schande und übler Nachrede zu entgehen.
Und er dachte an die andere, die vor einigen Tagen bei ihm gewesen war, um das gleiche Ansinnen an ihn zu stellen. Auch sie war zum Verbrechen bereit.
Er hatte sie von sich gewiesen.
Hatte er recht gehandelt?
Würde seine Weigerung sie hindern, den einmal gewählten Weg zu gehen? […]
Hatte er sie durch seine Pflichterfüllung in den Tod gejagt? Gab es nicht auch ein Gebot, das keimende Leben zu vernichten, wenn das Leben der Mutter in Gefahr war? Das Leben dieser und jener – war es nicht bedroht? Bedroht durch ihren eignen Willen? Hier fing die Schuld an. […]
Er blieb frei von Schuld, jene aber würden schuldig werden. Sie waren entschlossen, ihr junges Leben zum Opfer zu bringen, wenn man sie nicht von dem befreite, was ihnen Entsetzen einflößte. Mord oder Selbstmord. Es blieb ihnen keine andere Wahl.
Wer trieb sie dazu?
„Das Leben des Kindes ist in unsere Hand gegeben. Es ist
u n s e r Kind. In diesen Fällen absolut nur Kind der F r a u. Sie kann damit machen, was sie will. Ja, sie hat das Recht, das Kind zu töten.“ An diese Worte Vera Buchwalds mußte er jetzt denken. Der Mann fühlte sich ledig aller Verpflichtungen und die Frau nur sollte Bürde und Lasten auf sich nehmen? Fing die Schuld nicht bei dem Manne an?
(10)

„Sie nennen mich eine Mörderin und bedenken nicht, daß ich es bin, die Morde verhindert! Ist es nicht eine barmherzige Tat, wenn ich beklagenswerten, verführten Mädchen und ehebrecherischen Frauen helfe? Wenn ich den Keim zum Absterben bringe, so begehe ich keinen Mord. Noch niemals, das schwöre ich Ihnen, ist ein Kind, das unter meinen Händen lebensfähig das Licht der Welt erblickte, von mir umgebracht worden. Was aber würde geschehen, wenn ich diesen verzweifelten Frauen nicht helfen würde? Was würde aus all den Arbeiterinnen und Dienstmädchen, die mir schwören, daß sie ihr Kind töten wollten, wenn ich ihnen nicht helfe? Würden da nicht erst Mörderinnen entstehen und sich die Zahl der Kindesmorde verdoppeln? Würden da nicht erst Verbrechen geschaffen, grausiger als das, was Sie für ein Verbrechen ansehen? Ich sage Ihnen, daß es eine gute Tat ist, diese bis an den Rand der Verzweiflung getriebenen Frauen von ihrer Last zu befreien. Wenn Sie jemand zur Verantwortung ziehen wollen, so suchen Sie die Verführer, die die armen Mädchen verlassen haben, die reichen Liebhaber, die von nichts wissen wollen, wenn sie eine Frau in Schande gebracht haben, an die müssen Sie sich wenden, Herr Doktor. Sie sind es, die das Unrecht begehen.“(11)

Neu in ihren Werken sind Marès’ Gedanken zur Bevölkerungspolitik. Zurückgehende Geburtenzahlen waren bereits einmal ein Thema, doch in Das große Unrecht formuliert sie zum ersten Mal wesentliche Unterscheidungsmerkmale. Wie 1931 in der angeheizten Debatte um Abschaffung des § 218 gerade von kommunistischer und sozialistischer Seite betont werden würde, war es die Arbeiterschicht, die statistisch gesehen mit 6 Kindern pro Familie die höchste Geburtenzahl aufwies, während es der Mittelstand auf 3,8 und die Oberschicht auf gerade 2,7 brachte.(12)

„Es werden täglich soviel Kinder geboren. Man braucht nur durch die Straßen der Vorstädte zu gehen, da tritt man förmlich auf die kleinen Proletarier. Sie fangen schon an überhandzunehmen.“
„Da könnten die oberen Kreise ja dafür sorgen, daß dies nicht geschieht, indem sie ebenfalls viele Kinder in die Welt setzen.“
„Ich für mein Teil verzichte auf Konkurrenz,“ und Thea rümpfte die Nase. „Die Zeiten haben sich eben auch überlebt, Herr Professor. Eine Frau von heute hütet sich, fünf oder sechs Kinder in die Welt zu setzen! […]“
(13)

In Hinblick auf die Volksgesundheit unterstützte Marès dagegen sowohl Abtreibung als auch Kinderlosigkeit.

„Liebe Schwester, glauben Sie mir, ich habe keene Angst vor der Arbeit, die noch ein fünftes macht, und keene Angst vor dem Durchfüttern. […] Aber der Saufbold von Mann – – das Kind wird ja blödsinnig sein! Die anderen sind schon ganz traurige Dinger, eines blöder als das andere – und nun dieses – und dazu noch der Fußtritt – – Schwester, helfen Sie mir doch – was nützt denn so ein Mensch – der verkommt ja doch man – –“ Die Schmerzen überwältigten sie und sie konnte nicht weitersprechen.
Vera versuchte sie zu trösten. „Ich glaube, Sie sehen Gespenster, Frau Lehmann, lassen Sie uns das Kind erst mal anschauen, es ist gar nicht ausgeschlossen, daß es ein gesundes Kind sein wird, an dem Sie Freude haben können.“
Frau Lehmann lachte auf. „Erst mal sehen! Na, den Trost kennen wir ja schon. Und wenn die anderen ‚gesehen’ haben, dann kann unsereins sehen, wie er mit so ’n Balg zurechtkommt […].“
(14)

„Der heilige Zweck der Ehe ist doch, gesunde Lebewesen in die Welt zu setzen, nicht Krüppel, die an den Sünden der Eltern zugrunde gehen, und was noch schlimmer ist – die Sünden der Eltern fortpflanzen.“
„Ich kann Ihren Ausführungen nur beipflichten, Herr Kollege. Aber wer soll entscheiden, ob einer gesund und somit heiratsfähig ist? Die meisten Menschen wissen ja selbst nicht, ob sie gesund sind. Wer begibt sich denn, bevor er heiratet, zum Arzt und fragt ihn, ob er heiraten darf?“
„Und doch bin ich der Meinung, Herr Professor, man müßte mehr dagegen arbeiten, daß kranke Menschen eine Ehe eingehen.“
„Nützt nichts, Herr Kollege. Es läßt sich doch niemand abhalten, ich habe das schon zu oft erlebt. Nein, ich wäre dafür, gegen die Ehe nichts einzuwenden, ihnen aber das Kinderzeugen zu verbieten. Auf diesem Wege läßt sich eher etwas erreichen.“
(15)

Was sich bei dieser Überlegung jedoch geradezu zynisch ausnimmt, ist Marès‘ Meinung, eine Frau, die keine Kinder bekomme, erfülle nicht nur ihre weibliche Bestimmung nicht, sondern werde krank. Wie sich dieser Widerspruch zur geforderten Kinderlosigkeit kranker Frauen verhält – bei Kranken kann man nichts mehr kaputtmachen? –, erklärt sie leider nicht.

„[…] Jeder Mensch wird doch als gesundes Kind geboren.“
„Das ist durchaus nicht der Fall. Im Gegenteil. Die meisten Kinder bringen die Keime ihrer Krankheiten schon mit auf die Welt. Vererbung, das ist die Wurzel des Übels. Die Kinder werden aus dem Blut der Eltern geschaffen, ist dieses schlecht und unrein, können keine gesunden Kinder entstehen.“
„Das ist ja aber schrecklich. So sollten nur gesunde Menschen heiraten.“
„So s o l l t e es sein. Aber, was meinst du, Kind, wie wenige dürften da heiraten.“
„Weißt du, Fritzi –“ Lieschen flüsterte und sah schüchtern zu ihrem Manne auf, „ich habe gehört, wenn man nicht will, braucht man kein Kind zu bekommen – es gibt Mittel –“
„Da hast du den wunden Punkt, das ist das Schlimmste für die Frauen! […] Das ist es ja, was uns die Frauen krank und siech macht, die Verhütung des Kinderkriegens! Zum Donnerwetter, dazu ist die Frau doch da! Von der Natur ist sie zur Trägerin der Generation bestimmt, sie hat sich ihrer Bestimmung nicht zu entziehen, aus keinem Grunde.“
„Aber du sagtest doch eben, die kranken Frauen –“
„Sollten nicht heiraten, um keine Kinder in die Welt zu setzen. Ganz recht. Auf dem Standpunkt beharre ich auch. Das sind faule Reiser am Baum des Lebens, die kein Recht haben, ihre Fäulnis dem gesunden Saft einzuflößen, sie sollen der Fortentwicklung fernbleiben. […]“
(16)

Guter Ansatz, aber in Bezug auf den Inhalt von Lilli, Lillis Ehe und Das große Unrecht sehr mangelhaft recherchiert: Budke/Schulze, Schriftstellerinnen in Berlin 1871 bis 1945. (Zum Vergrößern auf das Bild klicken.)


(1) lt. Mütterreigen; ein bibliographischer Nachweis konnte bisher nicht erbracht werden.

(2) Daher wohl auch die Falschdarstellung in Schriftstellerinnen in Berlin 1871 bis 1945 von Petra Budke und Jutta Schulze.

(3) Das große Unrecht, S. 153f.

(4) Ebenda, S. 290

(5) Ebenda, S. 308f.

(6) Ebenda, S. 202f.

(7) Ebenda, S. 205

(8) Ebenda, S. 229

(9) Ebenda, S. 312

(10) Ebenda, S. 225f.

(11) Ebenda, S. 150f.

(12) Krey, Franz: Maria und der Paragraph. Berlin u. a.: Internationaler Arbeiter-Verlag, 1931

(13) Das große Unrecht, S. 126f.

(14) Ebenda, S. 170

(15) Ebenda, S. 120f.

(16) Ebenda, S. 34f.


Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10

Jolanthe Marès – Die Schriftstellerin von Berlin W. Teil 4

„Also einpacken, nach Hause fahren. Stillsitzen und die Versorgung erwarten in Gestalt eines Hauptmanns. Von Garnison zu Garnison ziehen, Kinder bekommen, Wirtschaft führen.“ – Das selbstbestimmte Leben emanzipierter Frauen in Begierde

Zweifellos eines ihrer besten Werke ist Marès’ dritter Roman, Begierde.(1) Die Handlung folgt drei Protagonistinnen auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes, wenn auch nicht vollends glückliches Leben. Ebba Holm ist von ihrem spielsüchtigen Ehemann verlassen worden und nach Berlin gezogen, wo ihr Bruder Lukas Westphal lebt. Dennoch sieht sie wenig von ihm und seiner Familie; Lukas ist von den Anforderungen seiner Karriere eingefangen, seine Frau Thea geht im gesellschaftlichen Repräsentieren auf, die gemeinsame Tochter Inge ist ein „moderner“ Backfisch ohne moralischen Halt – das klassische Modell der kritisierten „Gesellschaftsfamilie“, wie es auch in Lilli auftaucht. Ebba nimmt sich Inges an, und es gelingt ihr, das Herz des jungen Mädchens zu gewinnen. Nach und nach findet auch Lukas seinen Ruhepol in Ebbas Heim. Nur Thea weigert sich, auf Vergnügungen und Vereinspositionen zu verzichten. Als Lukas’ finanzielle Lage prekär wird, verläßt sie ihn mit einem Liebhaber, den sie wiederum – wie die Gerüchteküche einige Monate später zu berichten weiß – nach Spielverlusten für einen schwerreichen Russen sitzenläßt, der sie mit nach St. Petersburg nimmt. Ebba findet ihr Glück als Ersatzmutter ihrer Nichte und in der Leitung von Lukas’ Haushalt.
Gerda von Wangenheim, eine junge Aristokratin, ist nach harten Kämpfen mit ihrer standesbewußten Familie nach Berlin gekommen, um sich zur Konzertsängerin ausbilden zu lassen. Obwohl ihr das Anbiedern an die Gesellschaft widerstrebt, sieht sie ein, daß sie als unbekannte Anfängerin Werbung benötigt. Sie gibt einige private wie öffentliche Auftritte, doch gefeiert wird in erster Linie ihr schönes Äußeres; Kritiker bescheinigen ihr lediglich die Notwendigkeit weiteren Studiums. Als überraschend Gerdas Vater stirbt, versiegen ihre Mittel, ihre Ausbildung fortzusetzen. In dieser Lage bietet sich Kurt Winkelmann an, der seit langem in scheinbar hoffnungsloser Leidenschaft zu Gerda entbrannt ist und sie mit seinem großzügigen Kredit nun endlich für sich zu gewinnen hofft. Gerda akzeptiert sein Geld zunächst, doch als er sich in einem seiner zunehmend unbeherrschteren Momente zu Tätlichkeiten gegen sie hinreißen lassen will, bricht sie jeden Kontakt zu ihm ab. Sie wendet sich an den Kommerzienrat Menders mit der Bitte um Kredit, um Winkelmann auszahlen zu können, doch auch dieser verlangt als Gegenleistung sexuelle Gefälligkeiten. Derart vor die Wahl gestellt, sich um ihrer Kunst willen zu verkaufen, sich ins Privatleben zurückzuziehen und auf eine standesgemäße Partie zu warten oder aber ihrem hohen Ziel zu entsagen, entschließt sich Gerda, ihren Traum, eine große, seriöse Künstlerin zu werden, aufzugeben. Sie akzeptiert ein Angebot ans Varieté und sichert sich damit finanzielle Unabhängigkeit.
Die Bildhauerin Lotte Wunsch (der Name ist nicht von ungefähr gewählt), mit 38 Jahren in jener Zeit bereits eine alternde Frau, ist seit einem versuchten sexuellen Übergriff durch ihren früheren Lehrmeister nicht in der Lage gewesen, eine Beziehung zu einem Mann einzugehen. Nur zu deutlich nimmt sie die überall herrschende „Begierde“ des Romantitels wahr: Die Gier nach Leidenschaft, nach Liebe, nach Erfolg, nach Geld, nach Besitz schlechthin. Erst als der Architekt Paul Gehring in ihr Leben tritt, verspürt sie den Willen, die Dämonen der Vergangenheit auszutreiben. Sie beginnt an einer Skulptur zu arbeiten, die den Menschen einen Spiegel ihrer Begierden vorhalten soll. Gehring jedoch, als er die Gorgo zum ersten Mal sieht, erkennt, wie eng Lottes Leben mit ihrer künstlerischen Begabung verbunden ist. In der Furcht, nur eine zweite Rolle spielen zu müssen, gibt er Lotte frei, ohne sich bewußt zu sein, daß er sie damit gestrandet zurückläßt. Lottes eigenes Begehren ist längst geweckt; von dem geliebten Mann verlassen, sehnt sie sich nun wenigstens nach einem Kind. Sie stürzt sich in eine rauschhafte Beziehung zu dem Maler Arno Stürmer (auch hier ist der Name Programm) und wird von ihm schwanger; danach trennt sie sich von ihm, um ihr Leben von nun an ihrem Kind und ihrer Kunst zu widmen.

„Der Schrei nach dem Kinde“ war in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ein stehender Begriff geworden und taucht als solcher auch in Begierde auf: Der Wunsch berufstätiger, ungebundener Frauen nach einem Kind, der sich aufgrund geltender Moralvorstellungen nicht oder nur unter Erbringung von Opfern verwirklichen ließ. Jolanthe Marès hieß diesen Wunsch als sowohl dem ureigensten Beruf der Weiblichkeit als auch dem Wohl des Volkes entsprechend gut(2), war sich jedoch der Schwierigkeiten bewußt. Daher engagierte sie sich in der Bewegung zur Gleichstellung lediger Mütter und widmete ihre nächsten zwei Bücher dieser Thematik.

Begierde schließt mit der Hoffnung, aus dem Leid des zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung tobenden Ersten Weltkrieges möge eine bessere Welt hervorgehen:

„Gesunder Egoismus! Egoismus ist immer ungesund, ist nichts weiter als Eigennutz und Rücksichtslosigkeit. Der Egoismus der heutigen Zeit, das ist die Wurzel des Übels. Der Egoismus regiert die Welt. Er ist es, der Freundschaft, Liebe, Gefühl, der das religiöse Empfinden aus der Welt verdrängt hat. Er ist es, der die Menschen lehrt, sich schrankenlos ihren Begierden, ihren Leidenschaften hinzugeben.
Auch ich, meine Herren, bewundere die Errungenschaften unserer Zeit, soweit sie auf dem Gebiete der Technik und der Wissenschaften beruhen, aber ich beklage tief, daß über diesen Errungenschaften die Ideale und die Gefühlswelt versinken mußten.
Oder halten Sie es wirklich für wertvoller, daß statt dessen der Materialismus und der Atheismus an die Spitze getreten sind?
Wir leben in einer Zeit eminenter Entwicklungen des Hirns auf Kosten der Seele!
Schaffen Sie Gefühlswerte statt der Erfindungen, meine Herren, wenn Sie nicht wollen, daß eine Welt zusammenstürzt. Bekämpfen Sie den Materialismus, den Kultus der eigenen Persönlichkeit! Nehmen Sie den Kampf auf mit Ihrem eigenen Ich. Vielleicht bedarf es nur eines kräftigen Willensaktes – und aus Zerstörern – werden Erbauer!“
„Wie kann man von Zusammenbruch sprechen angesichts der Kulturwerte, die unsere heutige Zeit geschaffen?“
„Der höchste aller Kulturwerte, das ist die Entwicklung der Gefühlswelt, die Sie aus der Welt schaffen wollen. Schon zu tief umstrickt von Eigennutz und Selbstsucht sind die Menschen. Sie sehen nicht die Furien, die ihnen entgegenrasen, sie hören nicht den Orkan, der ihnen entgegentobt. Blind und taub wüten sie ihm entgegen. Und er wird sie einhüllen in Leid und Schmerzen, in Jammer und Not. Ich sehe die Menschen eingehüllt in purpurne Wolken und in tiefe, nachtschwarze Schatten. Schreien und Wehklagen ist in der Luft. Feurige Blitze zucken, Donnergebrüll rast durch das All. –
Ich aber freue mich. Ich werde lachen, wie – ‚Der Mensch’ – lacht“, und seine ausgestreckte Rechte wies auf das aus dem grünen Blätterwerk hervorragende Ungeheuer, sein Blick wurde hell und prophetisch: „Denn aus Trümmern und Gebein – aus Blut und Asche wird etwas geboren werden – geboren vom unerbittlichen Schicksal – höherstehend als alle von Menschen geschaffenen Kulturwerte – daraus geboren wird:
die Seele der Menschheit!“
(3)


(1) Titelzusatz war zunächst „Ein Berliner Roman aus der Zeit vor dem großen Kriege“, was sich in den Auflagen ab dem 21. Tausend (ca. 1921) in „Ein Berliner Roman“ verkürzte.

(2) Ein gesellschaftliches Schreckgespenst waren bereits damals sinkende Geburtenzahlen. In Das große Unrecht ging Marès verstärkt auf diese Thematik ein.

(3) Begierde, S. 254ff.


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Teil 2
Teil 3
Teil 5
Teil 6
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Teil 8
Teil 9
Teil 10